Ich mag die Welt nicht wie sie ist. Und, um ehrlich zu sein, ich mag auch die Menschen in ihr nicht besonders. Sie sind im Großen und Ganzen überraschungsarm, ignorant, langweilig, selbstverliebt und – vor allem anderen – enttäuschend. Aber was soll ich sagen? Ich bin ja selbst einer von ihnen. Und eben genauso. Und entsprechend dieser Worte habe ich die Entscheidung getroffen, diesen Blog nicht weiterzuführen. Weil mir schlicht der Sinn dieses elenden Geschreibsels abhanden gekommen ist. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, dass ich in den letzten drei Jahren mit diesem Projekt quasi im Nebel rumgestochert habe. Bis auf wenige Ausnahmen keine Response erhielt und nicht mal sagen kann, aus welchem Grund sich die paar Leutchens, die auf  dieser Seite landen, überhaupt hierher verirren. Nein, ich muss einfach erkennen, dass ich eben das tue, was ich an Anderen so sehr verachte. Unglaublich selbstgerecht und moralisierend über den sittlichen Verfall der Welt zu schwadronieren und schlaue Halbgescheitheiten zum Besten zu geben, um mich  am Ende als einer derjenigen wähnen zu dürfen, die es ja immer schon gewusst haben. Und immer schon gemahnt. Und wo ich nur noch Schlaumeier, Wichtigtuer, Klugscheißer, Laberköppe und Dummschwätzer auszumachen glaube, muss ich mir eingestehen, dass ich genauso einer bin.

Im Grunde bewundere ich die Wulffs und Guttenbergs dieser Welt. Im Endeffekt machen sie es richtig. Sie haben es mit ihren Methoden in die höchsten Ämter des Staates gebracht. Haben Familien, die sich für sie einsetzen, komme was wolle. Freunde, die in Talkshows nur gutes über sie zu berichten wissen. Was, verdammte Scheiße, will man mehr? Und selbst wenn Wulff am Ende doch noch gezwungen wäre zurückzutreten wie der sicher wiederkommende Guttenberg – kaum vorstellbar, dass der Eine wie auch der Andere nicht gern gesehener Partygast wäre. Beliebt und angesehen bei Legionen von Menschen, ganz gleich was auch kommen mag. Und nun sehe ich mir im Gegenzug mein Leben an. Wie ich hier allein im Keller sitze und diese jämmerlichen Zeilen schreibe. Die Flagge der Gerechtigkeit, der Ehrbarkeit, der Integrität vor mit hertragend. Ich jedenfalls kann nicht behaupten, im Leben sonderlich viel erreicht zu haben. Habs nicht zum Bundespräsidenten gebracht oder zum Verteidigungsminister. Nicht mal zum Kassenwart vom Ortsverband Schwäbisch Gmünd. Aber hier zu sitzen und große Töne zu spucken, davon zu palavern, dass man die Welt retten könnte, wenn man nur die Gelegenheit dazu bekäme, und mit Unverständnis und Fassungslosigkeit auf all die verlotterten Gestalten geradezu hinabzublicken. Dazu bedarf es kaum mehr als einer Tastatur und nem Internetzugang. Was unterm Strich einfach nur erbärmlich ist.

Zumal ich inzwischen das Gefühl habe, mich ständig zu wiederholen. All diese Dinge hier in irgendeiner Form schonmal gesagt zu haben. Klar, ich kann jetzt noch einen vom Pferd erzählen und ein paar Zeilen über die Dinge verlieren, die ich eben noch in ein paar Büchern gelesen habe. Aber ich denke, eine Literaturliste tuts auch. Und wenn ich Lust hab, reiche ich die vielleicht noch nach. Bis auf Weiteres aber melde ich mich ab. Schlicht, weil ich mich selbst nicht mehr Labern hören kann.

Und, um am Ende nicht noch ungewollten Pathos versprühen zu wollen, bleibt mir nur eins noch zu sagen: Go, fuck yourself!

Und das mein ich so wie es da steht.

von me | 22. Januar 2012 - 12:40 Uhr - Veröffentlicht in Hain des Plato, Kniffe des Lebens, Politik und so

Es ist ja leider so, dass Wunden so lange schmerzen respektive jucken, bis sie abgeheilt sind oder man gelernt hat mit ihnen zu leben. Entsprechend ist der unsägliche Mann, den eine Bundestags-Mehrheit aus machtpolitischen Motiven zum Staatsoberhaupt gewählt hat, immer noch Amtsinhaber und nötigt einen daher leider auch immer noch, sich mit ihm weiter zu beschäftigen. Und da die ich-werde-nicht-zurücktreten-ganz-egal-was-passiert-Posse wohl nur vergleichbar ist mit dem Nicht-Rücktritt des Immer-Noch-Bürgermeisters von Duisburg Adolf Sauerland über den ebenso alles gesagt ist, versuche ich mal ein paar neue Aspekte in die ehrenrührige Diskussion um unseren – ja, man muss es leider sagen – Bundespräsidenten einzubringen.

Etwa zu der Frage, warum so viele Menschen – wie auch bspw. Hape Kerkeling – Wulff offenbar bereit sind, die Treue zu halten, ihm seine “Fehler” nachzusehen und gewillt sind, Wulff gar als Opfer hetzender Medien hinzustellen, statt als jemanden, der als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland versucht hat, die verfassungsmäßig garantierte Pressefreiheit auszuhebeln. Nun mag es dafür viele Gründe geben, auf die ich an anderer Stelle wieder zu sprechen kommen werde – etwa die seltsame Prinzipienlosigkeit dieser Welt, in der sich Kapitäne nach offenbar selbst verschuldeter Havarie mit als Erste von Bord retten. Und in der Schlauberger ihre halbgare Gedankensuppe in die Welt hinauslamentieren, ohne dass jemand sie daran zu hindern versucht – siehe bspw. diesen Blog zum Beweis. Aber ungeachtet dieser möglichen Gründe bin ich heute auf etwas Interessantes gestoßen, das in der Wissenschaft Spiegelneuron genannt wird. Das nämlich sind, ich zitiere: “Nervenzellen, die im Gehirn von Primaten beim Betrachten eines Vorgangs das gleiche Aktivitätsmuster aufweisen, wie es entstünde, wenn dieser Vorgang nicht bloß (passiv) betrachtet, sondern selbst (aktiv) durchgeführt würde.” Was ich im Zusammenhang mit der Causa Wulff tatsächlich interessant finde. Insbesondere, wenn sich unser lieber Herr Präsident frech ins ARD-Studio setzt und den reuigen Sünder mimt. Und man ihm in 15 Minuten 13 mal nachweisen kann, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Was immer das auch heißen soll.

Aber vermutlich ist unsereins nicht besser als Rhesus-Äffchen. Wir sehen zu, wie Wulff sich seriös gibt und kleinlaut um Verzeihung bittet, und fühlen uns gleich hineinversetzt in unser letztes Malheur, als wir in jugendlichem Leichtsinn irgendetwas Unbedachtes getan haben und nun demütig um Vergebung bitten. Schließlich macht ja jeder Mal Fehler. Das kann wohl niemand von sich weisen. Und womöglich hätte die Öffentlichkeit gar Karl-Theodor zu Guttenberg verziehen, hätte der sich nicht so borniert gegeben und scheinbar ruhigen Gewissens behauptet: “Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat“. Hätte er doch bloß gesagt: Es tut mir leid, Ihr wisst ja, Menschen machen Fehler, da bin selbst ich wohl nicht gefeit vor. Also in den USA wird man für eine solche öffentliche Selbstkasteiung glatt zum Präsidenten gewählt.

Ich hoffe, ich muss nicht extra betonen, dass es etwas völlig anderes ist, eine Schramme in Papas Auto zu fahren und – als Staatsoberhaupt Reporter eines angeblich freien Landes zu bedrohen – seien sie von der Bild-Zeitung oder nicht, Herr Kerkeling. Will es aber auch nicht unerwähnt lassen. Und für alle, die diesen Artikel tatsächlich bis zu dieser Stelle gelesen haben, noch eine kleine Zusatz-Info zu einer Erhebung, die der Erziehungswissenschaftler Roger Goddard vor ein paar Jahren durchführte und nachwies, dass sich der Wohlstand eines Landes teilweise damit erklären lässt, wie sehr die Menschen einander vertrauen. Ein Ergebnis, an das sich die Frage anschließt, inwieweit Wulffs ehrloses Verhalten das gegenseitige Vertrauen in unserem Land untergraben hat. Und auch darauf werde ich sicherlich zurückkommen.

von me | 16. Januar 2012 - 6:19 Uhr - Veröffentlicht in Kniffe des Lebens, Welt-Geschichten
In die Zeitung von gestern
Wickelt man heute den Fisch ein.

In einem Jahr sei das “Stahlgewitter” vergessen soll Christian Wulff gesagt haben. Womit er vermutlich Recht hat. Nicht, dass einem das unserem Land unwürdige Trara um den einfach-nicht-zurücktretenden Bundespräsidenten nicht längst auf den Keks ginge. Dadurch, dass die Affäre nicht aus einer großen, plagiierten Doktorarbeit besteht, sondern aus vielen kleinen, nach und nach ans Licht kommenden Annehmlichkeiten für Herrn Wulff, mutet die Staatsoberhaupts-Posse bisweilen arg befremdlich an, etwa wenn es – wie heute erst – um ein Hotel-Suite-Upgrade im Wert von 400 Euro geht.

Ich will an dieser Stelle aber nicht die Frage erörtern, ob viele kleine Absurditäten – Kredit, Landtagsbefragung, Drohanruf, Bonusmeilen, Urlaube… – nicht doch ein großes Bild ergeben. Und wieso sich dieser unsägliche Emporkömmling überhaupt das Recht rausnimmt, der Deutschen höchstes Amt auf diese Weise zu beschmutzen. Sondern einen Blick auf die Rolle des Netzes werfen. Und auf die Frage, wie das Netz uns eine solche Affäre wahrnehmen lässt.

Es dürfte sich als Binsenweisheit herausstellen, dass Informationen durch das Netz eine geringere Halbwertszeit haben als früher. Bekam man seine Informationen noch wenigen Jahren recht kleckerhaft via Radio und Abendnachrichten, und etwas ausführlicher, aber zeitlich versetzt durch Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, kann man “Eilmeldungen” heutzutage kaum zehn Minuten als solche bezeichnen. Eher ist vorstellbar, dass Amateur-Videos von Vorfällen schneller ins Netz gelangen als Polizei und Feuerwehr am Unfallort eintreffen. Zumal auch die kleinsten Missgeschicke und Fehltritte aufgezeichnet und für alle Ewigkeit im kollektiven Gedächtnis herumwabern – grade weil jeder mit seinem Handy die Möglichkeit hat, alles und jeden zu observieren, protokollieren, archivieren.

Und dann noch die Kommentarfunktion, mit der man den Interessierten die Möglichkeit gibt, sich direkt zu einem Thema zu äußern. Früher war Wissen eine Art Einbahnstraße. Man hat etwas gelesen, sich womöglich einen Kopf gemacht, abends mit seinen Jungs am Stammtisch darüber geklönt. Da wurden auch schon mal Halbwahrheiten verbreitet, gemutmaßt, gemunkelt, vereinfacht, verzerrt und verhöhnt. Heute holt bei einem belanglosen Partytalk gleich jemand sein iPhone raus und googelt oder schlägt bei Wikipedia nach, wenn etwas auch nur im Mindesten unklar zu sein scheint. Schöne neue Welt, kann man da nur sagen. In der Informationen jedem immer, überall und hochaktuell zur Verfügung stehen.

Nur, dass sich leider nicht wirklich viel geändert hat. Sondern sich der Stammtisch, wie es scheint, einfach in die Welt der Kommentare, Blogs und Tweeds verlagert hat. Eine Information ist eben auch nur so gut, wie man sie zu nutzen weiß. Ebenso wie eine neue Technologie wie das Internet auch nur ein Hilfsmittel ist, das uns nicht automatisch klüger, geschickter oder schlichtweg besser macht, nur weil wir es nutzen. Im Gegenteil. Die Halbwertszeit von Informationen ist drastisch gesunken. Dinge, die früher Aufreger waren, für Aufsehen gesorgt hätten, sind heute vergessen, kaum dass man die Refresh-Taste auf seiner Tastatur gedrückt hat. Wenig scheint wirklich relevant, alles ein bisschen belanglos. Man kann ja ohnehin nichts dran ändern. Und wenn man seinen Unmut oder Zustimmung zu einer Sache ausgedrückt hat… Herrje, es gibt wirklich Wichtigeres als die große, weite Welt. Außerdem: Man kann die Sache ja auch anders sehen. Schließlich sind wir alle Menschen. Und machen Fehler. Und wer kann sich schon sicher sein, dass er mit seiner Meinung richtig liegt?

Stahlgewitter also. Mit Schrapnellen und heraushängenden Eingeweiden und so. Wie Anno 1915. Oder doch eher eine Buchstaben-Brise. Ein laues Lüftchen im virtuellen Blätterwald? Ja, doch, vermutlich eher. Eine laue Buchstaben-Brise.

Gut ein Jahr hat es gedauert. So kommt es mir zumindest vor. Ein Jahr, in dem die Mächtigen sich durch die neue Zeit haben verunsichern lassen, bisweilen panisch reagierten, grobe, gar tödliche Fehler machten, schlicht weil sie sie die Macht der weltweiten Vernetzung unterschätzten. Diese Verunsicherung allerdings scheint schon wieder vergangen zu sein, wenn die jüngsten politischen Ereignisse als Beispiel taugen sollten, was die Zukunft zeigen wird. Es scheint so als hätten die Mächtigen und überhaupt in der Öffentlichkeit stehenden Personen ziemlich schnell gelernt wie sie mit dem immer noch relative jungen Medium Netz in ihrem Sinne umzugehen haben.

Vor gut einem Jahr war es, da brach das los, was heute Arabischer Frühling heißt. Und für eine – im Nachhinein doch ziemlich kurze – Zeit sah es so aus als würden die geknechteten Völker dieser Welt aufbegehren und sich ihre von Despoten enteigneten Rechte zurück erkämpfen. Ja, für einen kurzen Moment sah es gar so aus als würde der revolutionäre Funke Nordafrikas überspringen in andere Teile der Welt, als würden auch die Bürger Spaniens, Großbritanniens oder der USA plötzlich aufbegehren und die alten, überkommenen Strukturen ins Wanken bringen. Naja, schön wärs gewesen, bin ich geneigt schon heute zu sagen. Weil sich die insbesondere durch das Netz so unglaublich rasant entwickelten Proteste im letztlich nichts anderes waren als quasidemokratische Strohfeuer.

Nehmen wir als Beispiel Ägypten. Das sich seines offensichtlich verhassten Diktators Husni Mubarak nach dessen jahrzehntelanger Regentschaft im Februar 2011 entledigte, bzw. ihn zum Rücktritt zwang. Ein Mann, der fast ebenso lang vom Westen gestützt, ja gradezu hofiert wurde. Während er sich persönlich bereicherte und – nach einigen Schätzungen – am Ende seiner Amtszeit bis zu 70.000.000.000 Dollar zusammengeraubt hatte. Nun aber von seinem eigenen Volk davon gejagt wurde. Und das am Ende sogar mehr oder minder friedlich. Und mit vergleichsweise wenig Toten. Ein voller Erfolg muss man sagen. Wenn man die Geschichte mit dem Rücktritt des Despoten für zu Ende erzählt hält. Was sie aber leider nicht ist. Weil die seit September stattfinden ägyptischen Parlamentswahlen zwei Sieger hervorbrachte: die gut organisierte Demokratische Allianz der fundamentalistischen Muslimbruderschaft. Und die Al-Nour-Partei, die vor allem die salafitische Interpretation des Islam einführen will. Na, herzlichen Glückwunsch, kann ich da nur sagen. Denn grade die Al-Nour-Partei strebt eine theokratische Herrschaftsordnung an, ruft zur Verfolgung säkular orientierter Protestler auf, notfalls auch mit militärischer Gewalt. Klingt doch eigentlich nach ner ganz sympathischen Vereinigung, wie ich finde.

Nun können die Menschen in Ägypten natürlich wählen, wen sie wollen und glücklich mit eben jener Regierung werden, die sie für richtig empfinden, Radikal-Islamisten hin oder her. Nur ob ein Volk überhaupt nach jahrzehntelanger Unmündigkeit eine solche Wahl nach ein paar Monaten in Freiheit überhaupt treffen kann, na ja, die Frage wird wenigstens gestattet sein. Es zeigt sich einfach, dass es vielleicht angehen mag, seinen Unmut via Facebook zu äußern, auf Blogs zu Boykotts aufzurufen und sich via Twitter zu Protestkundgebungen zusammenzufinden. Ein mündiger Bürger zu sein erfordert setzt den Willen voraus, sich zu bilden, das Bewusstsein, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen zu wollen und die Bereitschaft, dafür auch etwas zu tun. Und das, so kommt es mir zumindest vor, scheinen die Mächtigen langsam auch zu begreifen.

von me | 9. Januar 2012 - 22:41 Uhr - Veröffentlicht in Politik und so

Wenn sich eine Niederlage abzeichnet, tut man gut daran, sie sich einzugestehen und damit leben zu lernen. Und da ich in Herr Wulffs Verbleib im Schloss Bellevue eine echte Niederlage sehe, ist es an der Zeit, sie zu akzeptieren und die Sache abzuschließen. Endlich. Natürlich ist es und kann es keine persönliche Niederlage sein, da ich mit der Sache schließlich direkt überhaupt nichts zu tun hatte. Doch ich empfinde es als eine solche Niederlage, weil es eine Niederlage für unser Land ist. Für uns Deutsche. Und für die Demokratie.

Ich muss eingestehen, dass ich Herrn Wulff ernsthaft unterschätzt habe. Denn ungeachtet, was ich über ihn gedacht habe, hätte ich niemals geglaubt, dass er so abgebrüht und dreist sein könnte. Sein würde. Natürlich hätte mir die Tatsache zu denken geben müssen, dass Herr Wulff es geschafft hat, sich dreimal (!) als CDU-Kandidat für das niedersächsische Ministerpräsidentenamt aufstellen zu lassen. Was in der Geschichte der Bundesrepublik eher selten vorgekommen sein dürfte. Aber irgendwie habe ich darüber nicht wirklich nachgedacht. Auch wenn es überhaupt keine Rolle gespielt hätte, selbst wenn. Doch es handelt sich bei Herrn Wulff um niemand Geringeren als den, der derzeit das höchste Amt in unserem Staat bekleidet. Staatsoberhaupt. Und wer möchte schon in einem Staat mit solche einem Oberhaupt leben. Da gerät man glatt ins Grübeln, ob man nicht besser auswanderte. Wenn man bloß wüsste wohin?

Und am Ende weiß ich immer noch nicht, was mich mehr deprimiert. Das – ich kann es gar nicht in Worte fassen – Verhalten unseres Leider-immer-noch-Bundespräsidenten. Oder das mir unverständliche Verhalten der deutschen Öffentlichkeit. So schreibt etwa der Quasi-Querdenker Jan Fleischhauer in seiner naseweisen Kolumne: “Anderswo riskieren Journalisten Leib und Leben, wenn sie sich mit den Mächtigen anlegen, hierzulande gelten schon ein paar unfreundliche Worte auf der Mailbox als versuchte Nötigung, die sofort den Presserat auf den Plan ruft und zur Einsetzung des öffentlich-rechtlichen Fernsehgerichts führt.” Was eine glatte Unverschämtheit ist, die Herr Wulffs staatsschädigendes Verhalten nicht nur bagatellisiert, sondern wieder einmal zeigt, dass man ein Unrecht nicht durch ein anderes, womöglich noch größeres Unrecht entschuldigen kann. Oder der sonst eigentlich sympathische Herr Kerkeling, der auf Facebook offenbar verlautbaren ließ: “An seiner (Wulffs – Anm.) Stelle hätte ich dem Kai (Diekmann, Bild-Chefredakteur – Anm.) nachts vor seiner Haustür aufgelauert und dem mal kräftig die Meinung gegeigt, was ich von so viel mangelnder Fairness und Gnadenlosigkeit halte”. Als ginge es nicht um den Bundespräsidenten und dessen ungeheuerliches Verhalten der Presse gegenüber, sondern um einen Showmaster, der von Paparazzi verfolgt wird. Denn eine Sache behaupte ich an dieser Stelle: Herr Diekmann, Herr Blome und Herr Döpfner würden sich – Bild-Zeitung hin oder her – sicherlich nicht derart weit aus dem Fenster gelehnt haben, wenn an der Sache mit dem zu verhindernden Bild-Zeitungsartikel nichts dran wäre.

Herr Wulff wird im Amt bleiben. Und die Demokratie in unserem Deutschland schweren Schaden davontragen. Die Politikverdrossenheit wird zunehmen. Wie das Gefühl, dass sich “sowieso nichts ändert”. Und “die da oben eh nur tun, was sie wollen”. Das Ansehen des Bundespräsidenten ist ohnehin beschädigt. Aber auch die Opposition, die sich lange nicht dazu durchringen konnte, überhaupt Konsequenzen zu fordern hat sich ein weiteres Mal als unnütz erwiesen. Vom Verhalten der Regierung ganz zu schweigen. Die nicht Herrn Wulff nicht zuletzt aus machtpolitischem Kalkül überhaupt ins Amt gehievt hat. Und Herr Wulff wird die restlichen Monate und Jahre einen Eiertanz vollführen und hoffen, dass er der Presse keinen erneuten Anlass liefert, über ihn herzufallen. Wer also hat am Ende gewonnen?

Ich. Die Erkenntnis, dass man nicht stark, talentiert oder besonders klug und geschickt sein muss, um einen Sieg davonzutragen. Es genügt völlig, wenn um einen herum alle nur auf Sparflamme vor sich hinglimmen.

von me | 6. Januar 2012 - 17:30 Uhr - Veröffentlicht in Die Unmoralische, Welt-Geschichten

Wenn Ihr Euch einen Gefallen tun wollt: seht Euch Mapping Stereotypes auf alphadesigner.com an, der Website des bulgarischen Grafikdesigners Yanko Tsvetkov, die auf wunderbare Weise mit Klischees und Vorurteilen spielt und zeigt, dass doch nicht alles Sche!ße ist, was da draußen in der Welt so fabriziert wird.

von me | 5. Januar 2012 - 22:09 Uhr - Veröffentlicht in Kniffe des Lebens, Politik und so

Ich denke mal, es kann als gesichert gelten, dass niemand in den letzen Monaten und Jahren dem Ansehen der Bundesrepublik derart großen Schaden zugefügt hat wie Christian Wulff. Nicht einmal das erbärmliche Verhalten unseres ehemaligen Verteidigungsministers Herrn zu Guttenberg können da heranreichen, schlicht weil er “nur” Verteidigungsminister war – und nicht erster Mann des Staates. Nun erwarten inzwischen wohl alle, dass Herr Wulff alsbald zurücktritt und sich nicht – wie inzwischen bereits diverse Male – hinter halbgaren Floskeln auf sein Schloss zurückzieht und die Sache auszusitzen versucht. Und womöglich rechnen ein paar von uns noch vor dem Wochenende mit dem Rücktritt. Der meines Erachtens längst hätte erfolgen müssen. Die Sache ist nur… Was ist eigentlich, wenn Herr Wulff überhaupt nicht daran denkt zurückzutreten?

Im Grunde kann Herrn Wulff nämlich niemand zum Rücktritt zwingen. Denn die einzige Möglichkeit, den Bundespräsidenten seines Amtes zu entheben wäre eine Präsidentenanklage vor dem Bundesverfassungsgericht. Allerdings kann diese Klage nur von Bundestag oder Bundesrat angestrengt werden. Und auch nur, wenn sich der Bundespräsident der vorsätzlichen Verletzung des Grundgesetzes oder eines anderen Bundesgesetzes schuldig gemacht hat. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Und da das Verhalten von Herrn Wulff zwar verwerflich ist, kann ihm leider kein zweifelsfreier Nachweis erbracht werden, dass er wirklich gegen Gesetze verstoßen hat. Wobei bei der Lage der Dinge selbst dann fraglich wäre, ob die in Zusammenhang mit der Täuschung des niedersächsischen Landtags erhobenen Vorwürfe einen solchen Schritt überhaupt rechtfertigten. Entsprechend ist Herr Wulff quasi unkündbar. Und hat überhaupt keine Eile, die Sache ganz gemächlich auszusitzen. Da könnte selbst eine Machtwort der Kanzlerin nichts ausrichten – die ohnehin kein Interesse hat, sich mit der Personalie Wulff mehr als nötig zu  befassen.

Nun gehörte eine ziemliche Portion Dreistigkeit dazu, einfach im Amt zu bleiben, auch wenn der Großteil der Bundesbürger den Präsidenten für untragbar hielte. Zumal es mit der Bilanz “ein guter, erfolgreicher Bundespräsident” zu werden dann nicht mehr weit her sein dürfte. Ebenso wie es mit der “große(n) Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger”, die er  im gestrigen Interview noch für sich in Anspruch genommen hat schon heute nicht mehr weit her sein dürfte. Allerdings ist Herr Wulff auch ziemlich hart im Nehmen. Und hat allein dreimal (!) für das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten kandidiert. Ebenso wie er jetzt offenbar alle Kritik an sich abperlen lässt und den selbstkritischen aber tadellosen Staatsmann gibt – da gehört schon eine ganze Menge Chuzpe zu.

Weshalb es nicht verwunderlich wäre, wenn Herr Wulff seine Drohung von gestern – und entgegen jeder Kritik an ihm – einfach wahrmachen würde: “Ich bin jetzt schweren Herausforderungen ausgesetzt. Aber man muss eben auch wissen, dass man nicht gleich bei der ersten Herausforderung wegläuft, sondern dass man sich der Aufgabe stellt. Und auch ich weiß, wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen, wie es Harry S. Truman gesagt hat. Und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch.”

Bliebe uns wohl nix anderes übrig als uns damit abzufinden.

von me | 4. Januar 2012 - 21:29 Uhr - Veröffentlicht in Politik und so

Ist das alles traurig. Die politische Klasse (von der wirtschaftlichen und kulturellen mal ganz abgesehen) bietet ein so trostloses Bild, dass ich den Blog vielleicht umbenennen sollte in rediculous.com oder einfachlächerlich.de. Denn vor dem, was sich grade (um nicht zu sagen: wieder mal) vor den Browsern der Öffentlichkeit abspielt, ist nichts, was einem auch nur im Mindesten Respekt einzuflößen vermag. Weshalb sich das mit der Respektlosigkeit entsprechend gleich mit erübrigt. Dabei ist es am Ende nicht mal so richtig auszumachen, was erbärmlicher ist: das Trauerspiel um unseren Möchte-Gern-Bundespräsidenten, die nicht erfolgenden Rücktrittsforderungen seitens der Union oder die befremdliche Unentschlossenheit der übrigen Deutschen in dieser Sache. Aber was soll man auch sagen in solchen Zeiten, in denen die Wähler allen Ernstes und offenbar eine Partei wie die Piraten im Bundestag sehen wollen?

Jetzt kann man in dieser Debatte natürlich erst einmal das Amt des Bundespräsidenten in Frage stellen: Ist es überhaupt noch zeitgemäß, zumal mit dem Amt kaum reelle Macht verbunden ist? Und sollte – wenn das Amt denn weiterbesteht – nicht wenigstens der Bundespräsident vom Volk gewählt werden dürfen, statt durch irgendwelche Mauscheleien der etablierten Parteien ausgeklüngelt zu werden? Aber da wir den 2010 erst im dritten Wahlgang gewählten im Moment ja leider erst mal an der Backe haben, führen derlei Wunschgedanken nicht allzu weit. Daher stellen wir also besser die Frage: Warum noch mal tritt Herr Wulff nicht zurück? Denn so wie es aussieht hat er als Ministerpräsident von Niedersachsen nicht nur das Parlament getäuscht, in sondern offensichtlich versucht, ihm missfallende Presseberichte über seine Person zu verhindern. Sollte das nicht reichen für nen Rücktritt? Im Jahr 2012 offenbar nicht.

Aber wieso sollte er auch? Wulff hat nach eigener Aussage ja “nichts Unrechtes getan”. Auch wenn nicht so richtig klar wird, warum eigentlich nicht. Na ja, ein “Mensch (…) macht Fehler”, schon klar. Daher hat er auch überhaupt nicht an Rücktritt gedacht. Er übt sein Amt nämlich gerne aus. Und da er sich ja zur Pressefreiheit bekannt hat. War der Anruf bei der Bild-Zeitung ein schwerer Fehler. Wulff hat sich ohnehin “als Opfer gesehen”. Und will “Respekt vor den Grundrechten, auch dem der Meinungsfreiheit” haben. Das freut einen dann doch. Wulff will sein “Verhältnis zu den Medien herstellen. Neu ordnen”. Sie haben nämlich eine “wichtige Aufgabe in der Demokratie”. Und man solle das alles doch einfach mal “menschlich verstehen”.

Tun wir, Christian, tun wir. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn nicht mal die Opposition den Rücktritt fordert. Es gibt ja auch schon genug Krisen in der Welt. Da brauchen wir nicht noch eine im eigenen Land. Und schon gar keine Staatskrise. Außerdem kann ein Präsident mit ein paar Leichen im Keller im nächsten Wahlkampf ja noch nützlich werden. Quasi als Munition gegen den politischen Gegner. Schließlich hat Frau Merkel ja grade wieder Aufwind. Und außerdem muss ja auch überhaupt erstmal ein Politiker von Format gefunden werden, der sich in die erste Reiher stellt und offen seine Meinung sagt. Na, da können wir echt lange suchen, wie es aussieht. Zumal ja gut die Hälfte der Deutschen einen Rücktritt ja gar nicht als nötig erachtet. Also, was soll der ganze Aufriss denn?

Tja, was soll der ganze Aufriss? Da fällt mir auch wirklich nicht mehr viel zu ein, muss ich sagen. Nur, dass es leider so aussieht, dass ne Menge Leute in diesen Zeiten, keine Ahnung, keine Meinung und offenbar auch keine Ehre mehr im Leib haben. Keine Prinzipien, für die sie glauben, dass es sich zu kämpfen lohnt. Keine Ziele außer vielleicht die eigene Karriere. Und am Ende nicht mal nen Ar$ch in der Hose zu dem Mist zu stehen, den sie angerichtet haben, denn: Wir sind doch alle Menschen. Und Menschen machen nun mal Fehler. Oder, um es mit den Worten von Christian Wulff zu sagen:

“Das Amt des Bundespräsidenten ist aus vielerlei Gründen in Deutschland (und im Rest der Welt nicht oder wie – Anm.) schwieriger geworden. Und durch diese Art von Umgang mit den Dingen (!) hat man (!!!) dem Amt sicher nicht gedient (man also, nicht “ich”). Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich (jetzt auf einmal doch “ich” – Anm.) durch eine ganze Reihe von Aktivitäten in der Amtszeit das Amt des Bundespräsidenten wieder gestärkt habe (den Beweis bleibt er allerdings schuldig – Anm.). Dass es eine hohe Anerkennung genießt (diesen Beweis übrigens auch – Anm.). Ich bin geradezu überrascht, wie stark die Bürgerinnen und Bürger es von mir selbst auch erklärt, erläutert bekommen wollen (soviel zum Thema, die Menschen haben keine Ahnung. Aber dafür ist der Bundespräsident ja da – Anm.) und letztlich darauf setzen, dass ich Bundespräsident bleibe (Gott bewahre, offensichtlich hat Herr Wulff nur mit der einen Hälfte der Deutschen gesprochen- Anm.). Denn ich nehme meine Verantwortung wahr (Aha, und in welcher Form bitte ? -Anm.). Ich habe mich bewusst dafür entschieden (im dritten Wahlgang – Anm.) und ich habe ein nachhaltiges Interesse an unserem Land, es voran zu bringen (da bin ich, offengestanden, ehrlich froh – Anm.). Und wir brauchen auch jetzt die Kraft, uns wieder um Politik zu kümmern in diesem Jahr, wenn dieses Jahr jetzt beginnt (Blablabla – Anm.). Denn es kommen schwierige Aufgaben auf uns zu. Und da braucht es eben auch einen Bundespräsidenten, der sich diesen Aufgaben zuwenden kann.”

In diesem Sinne: Treten sie endlich zurück, Herr Wulff!

von me | 31. Dezember 2011 - 17:36 Uhr - Veröffentlicht in Hain des Plato, Politik und so, Welt-Geschichten, freigeld.org

Ich widme den letzten Artikel dieses unsäglichen Jahres einigen spieltheoretischen Überlegungen, weil der Spieltheorie meines Erachtens viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl sich mit ihrer Hilfe einige grundlegende Aspekte menschlichen Handels ziemlich gut erklären lassen. Denn die Spieltheorie stellt weniger auf psychologische oder soziologische Aspekte menschlichen Verhaltens ab. Sondern postuliert, dass Entscheidungen und Handlungen nicht nur von einem selbst abhängen, sondern in besonderem Maße auch davon, wie die anderen (Akteure des jeweiligen Spiels) sich verhalten.

Nehmen wir zur Illustration etwa die 2008 geplatzte US-amerikanische Subprime- und Hypothekenblase, die mit verantwortlich sein dürfte für die jetzige noch um einiges gravierendere Staatsschuldenkrise. Und vermutlich auch Anstoß gab für Bewegungen wie Occupy Wallstreet und Slogans von “Stop Capitalism” bis “Banken in die Schranken”. Nun könnte man natürlich hingehen und behaupten, dass die Krise vor allem dadurch ausgelöst wurde, dass die verantwortlichen Banker schlicht zu gierig gewesen sind. Dass man von Staats wegen die Finanzmärkte stärker hätte regulieren müssen. Und das ganze System ohnehin nur korrupt ist und ungerecht. Was alles sicherlich nicht unwahr ist. Aber leider auch ein bisschen zu kurz greift, wie ich finde.

Sehen wir uns noch einmal an, wie sich das Drama abgespielt hat, an dem im Großen und Ganzen fünf Akteure beteiligt waren: Die Kreditnehmer, die so genannten “Leute wie Du und ich”, die Kredit gebenden Geschäftsbanken, die mit diesen Krediten Handel treibenden Investment-Banken, die diesen Handel absichernden Rückversicherer und, last, but not least, derjenige, der am Ende die Zeche zahlte: Vater Staat und damit wieder die so genannten “Leute wie Du und ich”. Und da viele von uns diese unsägliche Geschichte inzwischen vermutlich auswendig aufsagen können, der Spielaufbau zum großen Crash hier noch einmal in Kürze.

Regel 1: Erfinde Mortgage Backed Securities (MBS), also durch Hypotheken gesicherte Wertpapiere, durch die Immobilien-Kredite gebündelt und von Geschäftsbanken an Investmentbanken weiterverkauft werden können. Dadurch wird vor allem das Risiko der Geschäftsbanken minimiert, die sich fortan nicht mehr darum sorgen müssen, dass die Kredite auch zurückgezahlt werden. Oder die Kreditnehmer überhaupt Geld besitzen, um einen Kredit aufnehmen zu können.
Regel 2: Erfinde Credit Default Swaps, also eine Kreditausfall-Versicherung für den Fall, dass die von den Investmentbanken aufgekauften MBS sich als wertlos erweisen etwa, weil die letzten Endes dahinter stehenden Kreditnehmer zahlungsunfähig werden – oder von vornherein überhaupt nicht kreditwürdig waren.
Regel 3: Versorge den Markt mit billigem Geld, vor allem, wenn die Börsen nach Dotcom-Blase und 11. September darniederliegen wie heute die Weltwirtschaft. Denn billiges Geld verleitet die Banken grade dazu, noch mehr Kredite zu vergeben.
Regel 4: Bring Subprime-Kreditnehmer ins Spiel, also Menschen, die überhaupt nicht in der Lage sind, Schulden für aufgenommene Kredite zu bedienen, etwa Paula Taylor, der ein Kredit aufgeschwatzt wurde mit Ratenzahlungen von  2.200 Dollar im Monat – bei einem Gehalt von 1.500 Dollar.
Ziel des Spiels: Oder um noch einmal auf die Spieltheorie zu sprechen zu kommen: Was passiert wohl, wenn man das Risiko für die Vergabe eines Kredits derart minimiert? Wenn sich der Kreditgeber nicht darum scheren muss, ob der Kreditnehmer überhaupt kreditwürdig ist, weil er den Kredit gleich an einen Dritten weiterveräußert und dafür eine fette Provision kassiert? Wenn derjenige den womöglich völlig wertlosen Kredit als gutes Geschäft ansieht, weil er sich bei einem vierten gegen mögliche Kreditausfälle rückversichert, weshalb sogar scheinbar renommierte Rating-Agenturen derlei faule Kredite mit AAA-Bestnoten bewerten? Und all das finanziert mit billigem Geld, das fast umsonst zu haben ist? Muss man tatsächlich ein Prophet sein um vorauszusagen, was passieren wird in einem Spiel, bei dem all die Voraussetzungen gegeben sind?

Was kam ist allseits bekannt. Die Subprime-Kreditnehmer konnten bald schon ihre Zahlungen nicht mehr leisten. Häuser wurden verpfändet und wieder auf den Markt gebracht. Die Immobilienpreise sanken in der Folge, Panik brach aus. Und plötzlich saßen alle auf einem ziemlich großen Haufen fauler Papiere, die die Rückversicherer selbstverständlich nicht abzuwickeln imstande waren. Weshalb die Staaten, also letztlich die Bürger, einspringen und die Zeche bezahlen mussten. Und auch wenn es natürlich ein Leichtes ist, im Nachhinein zu behaupten, man hätte das alles sehen können, zeigt sich, wie ich finde, doch, dass es vermutlich nicht allein oder hauptsächlich Gier war, der dieses Drama befeuerte. Es war eher ein Rausch, in den sich die Akteure hinein spekuliert haben. Denn wenn man sich die Rahmenbedingungen ansieht, kann man selbst leicht nachvollziehen, dass es den Beteiligten vorgekommen sein muss, als hätten sie eine Methode zur wunderbaren Geldvermehrung entdeckt. Weil sich offenbar niemand vorstellen konnte, dass all die selbsterschaffenen Giganten am Ende nicht groß genug sein würden, um all die ausfallenden Kredite zu stemmen.

Das soll nun keine Entschuldigung werden für all das unseriöse, oft genug gar kriminelle Verhalten der für die Krise Hauptverantwortlichen. Und erst recht nicht für dieses ehrlose Verhalten, erst hunderte Millionen von Euro und Dollar Boni einzustreichen, um dann das eigene Unternehmen gegen die Wand zu fahren und sich schließlich vom Staat retten zu lassen. Interessant ist dennoch, dass es vor allem die Rahmenbedingungen waren, die die Handelnden überhaupt in diesen Wahnsinn regelrecht getrieben haben.

Oder in den sie sich haben treiben lassen wollen. Schließlich waren nicht wenige, etwa der ehemalige US-Notenbankchef Greenspan, aktiv an der Gestaltung all dieser Regelungen beteiligt. Allerdings bleibt am Ende immer noch die Frage, ob sich einer von uns unter all den genannten Aspekten anders verhalten hätte. Und auch darauf gibt die Spieltheorie eine recht eindeutige Antwort, wie ich finde: Mit ziemlich Sicherheit nicht.

von me | 22. Dezember 2011 - 18:38 Uhr - Veröffentlicht in Politik und so

Es ist nicht nachvollziehbar, mit welcher Leichtigkeit sich angebliche Repräsentanten des Volkes auf juristische Positionen zurückziehen: So als stünden sie vor Gericht bei dem es einen Freispruch zu erwirken gelte, standen sowohl der ehemalige Schleswig-Holsteinische CDU-Spitzenpolitker Christian von Boetticher als auch heute der Immer-Noch-Bundespräsident Christian Wulff vor den Kameras und zogen eine klare Grenze zwischen rechtlich einwandfreiem, aber moralisch zumindest fragwürdigem Handeln. Wobei sich bei Ersterem die Frage stellt, ob er auch zurückgetreten wäre, wenn er zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Affäre mit einer 16jährigen (!) Ministerpräsident gewesen wäre. Und wenn man sich ansieht, wie die zu Guttenbergs und Wulffs, mit welcher Dreistigkeit sie angesichts der gegen sie vorgebrachten Anschuldigungen an ihren Stühlen festzukleben bereit sind, ist das eine durchaus berechtigte Frage. Zumal selbst die zweite Reihe dieses politischen Kabaretts, wie etwa Ex-Berlin-Justizsenator Michael Braun, sich ebenso verhält wie unser Wasser predigende, weinsaufende Bundespräsident.

Und ganz ehrlich – würden wir nicht ausgerechnet über die Bundesrepublik reden, sondern bspw. über – sie mögen es mir verzeihen – Italien, würde es wohl nicht mal jemanden sonderlich wundern. Wobei sich angesichts all der Skandale rund um das Land Niedersachsen – Rücktritt von Ministerpräsident Glogowski 1999, all die Mauscheleien rund um AWD-Gründer Maschmeyer und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und die jetzt bekannt gewordene Einlassung des Bundespräsidenten mit dem Unternehmerehepaar Geerkens – die Frage stellt, ob wir das Bundesland nicht besser umbenennen sollten in Nieder-Napoli. Ober ’Ndrangheta-Sachsen. Vielleicht tut es dem Bundesland ja nicht gut, dass es nur einen Bundesligaverein hat und sich der ganze Klüngel am Wochenende bei `96 ein Stelldichein gibt? Oder das VW eine derart beherrschende Stellung innehat? Oder das Land das Atommüll-Endlager der Republik ist? Aber ich schweife ab.

Ich bin nämlich nicht der Ansicht, dass sich die “Affäre Wulff” mit der jämmerlichen Pressekonferenz von eben erledigt haben darf. Dass Wulff sich hinstellen und sagen kann, es war vielleicht nicht richtig, aber rechtens und damit ist gut. Seinen Sprecher entlässt als Signal nach außen, dass er Konsequenzen zu ziehen bereit ist.

Denn das Bundespräsidentenamt ist ein Ehrenamt. Eine ehrenhafte und herausragende Stellung innerhalb unseres Staatswesens. Dabei ist es völlig unerheblich, ob der Präsident überhaupt über reale Macht verfügt, womöglich als moralische Instanz verstanden werden soll und muss oder wie auch immer Aufgabe und Funktion diese Amtes zu interpretieren sind. Der Bundespräsident ist Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Ein Satz, der ohnehin schon seltsam klingt, wenn damit ausgerechnet Christian Wulff gemeint ist (und die Debatte, ob nicht das ganze Volk das Recht haben sollte, das Staatsoberhaupt zu wählen, in Gang halten dürfte).

Unabhängig von den Umständen um Privatkredite, Urlaubsreisen und Buchwerbung hat die Glaubwürdigkeit Wulffs und damit automatisch das Amt des Bundespräsidenten Schaden genommen und droht, weiteren Schaden zu nehmen. Und allein das ist ein Grund und muss ein Grund sein zurückzutreten. Schlicht, weil es die eigene Ehre und die Demut vor dem Amt und den Institutionen unseres Landes gebietet. Weil Wulff aber an seinem Stuhl klebt, beweist er nur – wie auch mein persönlicher Lieblingsheuchler KTG – dass er sich für wichtiger hält als das Amt und richtiger in der Position, in der er jetzt ist, als irgendjemand sonst. Und  was soll man da noch sagen?

Ausgerechnet Christian Wulff.