Es ist ja leider so, dass Wunden so lange schmerzen respektive jucken, bis sie abgeheilt sind oder man gelernt hat mit ihnen zu leben. Entsprechend ist der unsägliche Mann, den eine Bundestags-Mehrheit aus machtpolitischen Motiven zum Staatsoberhaupt gewählt hat, immer noch Amtsinhaber und nötigt einen daher leider auch immer noch, sich mit ihm weiter zu beschäftigen. Und da die ich-werde-nicht-zurücktreten-ganz-egal-was-passiert-Posse wohl nur vergleichbar ist mit dem Nicht-Rücktritt des Immer-Noch-Bürgermeisters von Duisburg Adolf Sauerland über den ebenso alles gesagt ist, versuche ich mal ein paar neue Aspekte in die ehrenrührige Diskussion um unseren – ja, man muss es leider sagen – Bundespräsidenten einzubringen.
Etwa zu der Frage, warum so viele Menschen – wie auch bspw. Hape Kerkeling – Wulff offenbar bereit sind, die Treue zu halten, ihm seine “Fehler” nachzusehen und gewillt sind, Wulff gar als Opfer hetzender Medien hinzustellen, statt als jemanden, der als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland versucht hat, die verfassungsmäßig garantierte Pressefreiheit auszuhebeln. Nun mag es dafür viele Gründe geben, auf die ich an anderer Stelle wieder zu sprechen kommen werde – etwa die seltsame Prinzipienlosigkeit dieser Welt, in der sich Kapitäne nach offenbar selbst verschuldeter Havarie mit als Erste von Bord retten. Und in der Schlauberger ihre halbgare Gedankensuppe in die Welt hinauslamentieren, ohne dass jemand sie daran zu hindern versucht – siehe bspw. diesen Blog zum Beweis. Aber ungeachtet dieser möglichen Gründe bin ich heute auf etwas Interessantes gestoßen, das in der Wissenschaft Spiegelneuron genannt wird. Das nämlich sind, ich zitiere: “Nervenzellen, die im Gehirn von Primaten beim Betrachten eines Vorgangs das gleiche Aktivitätsmuster aufweisen, wie es entstünde, wenn dieser Vorgang nicht bloß (passiv) betrachtet, sondern selbst (aktiv) durchgeführt würde.” Was ich im Zusammenhang mit der Causa Wulff tatsächlich interessant finde. Insbesondere, wenn sich unser lieber Herr Präsident frech ins ARD-Studio setzt und den reuigen Sünder mimt. Und man ihm in 15 Minuten 13 mal nachweisen kann, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Was immer das auch heißen soll.
Aber vermutlich ist unsereins nicht besser als Rhesus-Äffchen. Wir sehen zu, wie Wulff sich seriös gibt und kleinlaut um Verzeihung bittet, und fühlen uns gleich hineinversetzt in unser letztes Malheur, als wir in jugendlichem Leichtsinn irgendetwas Unbedachtes getan haben und nun demütig um Vergebung bitten. Schließlich macht ja jeder Mal Fehler. Das kann wohl niemand von sich weisen. Und womöglich hätte die Öffentlichkeit gar Karl-Theodor zu Guttenberg verziehen, hätte der sich nicht so borniert gegeben und scheinbar ruhigen Gewissens behauptet: “Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat“. Hätte er doch bloß gesagt: Es tut mir leid, Ihr wisst ja, Menschen machen Fehler, da bin selbst ich wohl nicht gefeit vor. Also in den USA wird man für eine solche öffentliche Selbstkasteiung glatt zum Präsidenten gewählt.
Ich hoffe, ich muss nicht extra betonen, dass es etwas völlig anderes ist, eine Schramme in Papas Auto zu fahren und – als Staatsoberhaupt Reporter eines angeblich freien Landes zu bedrohen – seien sie von der Bild-Zeitung oder nicht, Herr Kerkeling. Will es aber auch nicht unerwähnt lassen. Und für alle, die diesen Artikel tatsächlich bis zu dieser Stelle gelesen haben, noch eine kleine Zusatz-Info zu einer Erhebung, die der Erziehungswissenschaftler Roger Goddard vor ein paar Jahren durchführte und nachwies, dass sich der Wohlstand eines Landes teilweise damit erklären lässt, wie sehr die Menschen einander vertrauen. Ein Ergebnis, an das sich die Frage anschließt, inwieweit Wulffs ehrloses Verhalten das gegenseitige Vertrauen in unserem Land untergraben hat. Und auch darauf werde ich sicherlich zurückkommen.

