Archive for the ‘Alles wird Gut’ Category

Ich wollte einen Artikel schreiben, oder sogar mehrere. Doch mir schwirrt gerade so viel durch den Kopf, dass ich es mit den Händen nicht schnell genug kommunizieren kann. Also abwarten, beruhigen und hoffen, dass das meiste in der Erinnerung bleibt und es wert sein wird, darauf zurück zu kommen. By the way: liebe Männer, ich wünsche euch einen schönen, besinnungslosen Tag ohne Fressenhauen! Prost! Und dir, Jesus, Glückwunsch zur Himmelfahrt!

„In was für einem Land willst Du Leben?“, hat mich gestern Abend jemand gefragt, und ich musste zu meiner Überraschung erkennen, dass dies keine so leicht zu beantwortende Frage ist, wie es zunächst den Anschein hat. Schließlich geht es ja nicht um die Frage, in welchem Land ich leben möchte – vorzugsweise in einem warmen. Wobei mir da natürlich als erstes Griechenland in den Sinn kommt. Oder Spanien. Elendes Gegurke.

Nein, grundsätzlich bin ich ziemlich zufrieden, hier in Deutschland zu wohnen. Allein, weil ich hier alles besser verstehe als in den meisten anderen Ländern dieses Planeten. Außerdem komme ich mit der deutschen Mentalität ganz gut zurecht, auch wenn mich natürlich einiges annervt. Aber das würde es sicherlich auch anderswo. Sowieso hab ich mich ziemlich daran gewöhnt, dass hier Alles einigermaßen sauber ist, es im Großen und Ganzen geordnet zugeht und Vieles schon irgendwie seine Richtigkeit hat. Und da ich ohnehin nicht so der In-Urlaub-Fahrer bin ich – wie schon gesagt – ganz zufrieden damit, dort zu sein wo ich jetzt bin. Womit zumindest die Frage nach dem wo schon einmal beantwortet wäre.

Dabei soll es ja hier eigentlich um die Beantwortung der Frage gehen, wie dieses Land, Deutschland, gemäß meinen Vorstellungen aussehen soll. Und wenn ich so darüber nachdenke, fallen mir zig Sachen ein, die mir erstmal auf den unfassbaren Keks gehen, dass ich mich ständig darüber aufregen könnte. Dass die Deutschen mir bspw. einfach zuviel meckern, zu wenig zufrieden sind mit sich und der Welt etwa. Dass Neid eine deutsche Eigenschaft und Schadenfreude ein ungemein deutsches Wort ist. Dass unser Schulsystem vor die Hunde geht und wir mit vereinten Kräften dafür Sorge tragen, dass wir in Zukunft den Anschluss an die Weltspitze verlieren werden. Dass ich das Gefühl habe, dass sich nichts verändert, dass nichts voran geht, dass es immer nur schlechter wird, und nirgendwo und in keinem Bereich eine Besserung zu sehen ist. Dass unser politisches System, das wohl hauptverantwortlich ist für die grade aufgezeigten Missstände, einfach nur erbärmlich, ineffizient und ineffektiv ist und wir von solchen Flachpfeifen und Blitzbirnen regiert werden, dass man sich ernsthaft wundern muss, dass der Karren nicht längst gegen die Wand gefahren ist.

Nun frage ich mich doch, warum ich nicht auswandere. Deutschland, seine Sprache, und all die lieb gewonnenen Dinge hin oder her. Wahrscheinlich, weil ich einfach nicht wüsste, wo ich hingehen sollte. Schließlich sieht es in anderen Ländern ja auch nicht besser aus. In den meisten vermutlich sogar noch schlimmer. Oder möchte einer ernsthaft mit einem US-Amerikaner tauschen? Ich unter keinen Umständen, vielen Dank. Womit mich das ganze Geschwafel immer noch nicht zur Beantwortung der Frage geführt hat, in was für einem Land ich denn nun leben will?

Eins mit niedrigen Steuern, versteht sich. Mit guten Schulen, natürlich. Sicheren Straßen. Schönen Gebäuden. Freundlichen Menschen. In dem es genug Arbeit gibt für alle. Ein tolerantes, offenes Land, in dem sich alle zu benehmen wissen. Und sich Samstags abends treffen, um gemeinsam unterm Gemeindebaum Ringelpietz mit Anfassen zu spielen. Hach, wie schön ist Panama.

Nein, jetzt mal ehrlich. Es ist wirklich keine leicht zu beantwortende Frage. In was für einem Land willst Du leben? Und auch, wenn das ein ziemlich unbefriedigendes Ende ist. Werde ich es vielleicht herausfinden. Für mich zumindest.

Da ich momentan keinen richtigen Bezug zu diesem Blog habe, habe ich leider ein paar Tage gebraucht für diesen Nachruf. Das allerdings soll kein Ausdruck geringer Bedeutung sein für den am vergangenen Samstag im Alter von 86 verstorbenen amerikanischen Filmemachers Sidney Lumet. Im Gegenteil lassen sich zwar sicherlich erfolgreichere, angesehenere und womöglich auch bedeutsamere Filmschaffende aufzählen, kaum einer aber hat mich persönlich in den letzten Jahren derart beeindruckt wie eben Sidney Lumet, der zumindest einigen von uns bekannt sein dürfte durch Filme wie Serpico, Hundstage und natürlich Die zwölf Geschworenen von 1957.

Heutzutage fällt es vielleicht schwer, Zugang zu diesen Filmen zu finden. Jedenfalls habe ich mich am Anfang ziemlich schwer damit getan. Denn durch die schnellen Schnitte heutiger Filme und die verkürzte Dramaturgie, die einem gerade in Hollywood-Produktionen kaum Platz zum Atmen lassen und an die man sich auch irgendwie gewöhnt hat, fällt es teilweise schwer, sich an den Rhythmus von Filmen des letzten Jahrhunderts zu gewöhnen. Ganz ehrlich. Ich jedenfalls habe mehrere Anläufe gebraucht, eh ich mich auf diese etwas, ähem, gefällige Art der Inszenierung einlassen konnte. Was sich allerdings mehr als lohnend erwiesen hat.

Schließlich hatte ich Lumets Buch Filme machen. gelesen, das nicht nur tiefe Einblicke gibt in die Entstehungsgeschichte von Filmen im Allgemeinen und Lumets Filmen im Besonderen. Sondern überdies eines der beeindruckendsten Bücher ist, die man überhaupt lesen kann, wenn man sich fürs Filmemachen interessiert. Denn Lumet erklärt darin wie er durch Schnitttechnik, Kameraperspektive oder auch Szenenbild genau die Stimmung erzeugt hat, die er erzeugen wollte. Etwa, wenn er in Prince of the City in keiner (bis auf einer einzigen speziellen) Szene den Himmel zeigt, um die bedrückende Situation des Protagonisten für den Zuschauer spürbar zu machen. Was mich wirklich von den Socken gehauen hat, weil Lumet nicht Kunstkino machen wollte und gemacht hat. Sondern gutes Unterhaltungskino.

Vielen Dank dafür, Sidney.
Ganz ehrlich. Vielen Dank.

Er ist fast vorbei… der (internationale) Tag der Frau. Viel kriegte man davon in Deutschland, zumindest in Berlin, nicht mit. In Polen fanden schon in der dritten Klasse Mädchen spätestens nach der großen Pause eine Blume auf ihrem Schreibtisch, es gab Loblieder auf die Frauen, die als Mütter, Putzfrauen, Krankenschwester, Lehrerinnen und auch mal Polizistinnen dem Volk und Vaterland dienten. Man sieht also, auch wenn in sozialistischen Ländern viele Frauen berufstätig waren, dass sich die Hymne auf Berufe beschränkt hat, die traditionell als weiblich gelten. Erst später wurde mir klar, dass dies keine beflügelnde Lobeshymne war, sondern teilweise darauf ausgerichtet, Frauen in bestimmte Rollen zu zwängen.

Dabei wurde von vorne herein der Frauentag als einer gedacht, der weniger darauf abzielen sollte, die Rolle der Frau in den gängigen Strukturen und Mann-Frau-Verhältnissen zu loben, sondern ein Versuch war, für Frauen gesellschaftliche und vor allem politische Anerkennung und Gleichberechtigung einzufordern.  Die Idee innerhalb Europas dazu kam 1910 von einer Sozialistin Clara Zetkin, die womöglich Vorbild nahm bei der Frauenbewegung in den USA: 1908 hatten dort Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA) ein Nationales Frauenkomitee gegründet, welches beschloss, einen besonderen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht zu initiieren. Tatsächlich wurde der so genannte „Weltfrauentag“ nach meiner Erfahrung überwiegend in den sozialistisch geprägten Ländern gefeiert. Während des Naziregimes wurde der Feiertag hierzulande als Ausgeburt eines sozialistischen Systems verboten. Heutzutage gibt es vereinzelt Bewegungen, die sich gerade an jenem Tag zu Wort melden, um nach wie vor die Position der Frau in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu stärken. Die Debatte über die Frauenquote glüht noch (wieder) vor sich hin…

Ich bin eine Frau. Bei der Quotenfrage tendiere ich dagegen. Ich bin dafür, dass Frauen gleiche Löhne erhalten wie Männer in gleichen Positionen, das ist mir wichtiger, als dass neue Frauen auf Teufel komm raus in die Führungspositionen der Unternehmen gehen. Es gibt vieles, das an der Basis nicht stimmt, da hilf eine Quote nicht viel.

Ich bin eine Frau, und das is gut so.  Ich habe Wünsche, Bedürfnisse, die sich nicht immer decken mit denen der Männer, die um mich herum sind, aber auch nicht unbedingt mit denen aller Frauen. Politisch gesehen, gesellschaftlich und privat. Tatsache ist, Frauen und Männer sind verschieden, und es gilt darauf zu achten, um eine funktionierende, prosperierende Gesellschaft zu entwickeln. Nur sollten die Frauen (und Männer) dabei ihre Andersartigkeit nicht von anderen Instanzen einschränken lassen. Putzfrau, Mutter, Lehrerin – das ist lange vorbei. Eine Zeit lang dachte ich, Frauentag wäre wie Valentinstag, eine Möglichkeit vor allem für die Blumen- und Pralinenverkäufer zusätzlichen Groschen zu machen.

Doch es gibt da durchaus Unterschiede. Allerdings schenken die meisten Männer Blumen zum Valentinstag, an den Frauentag denkt keiner. Das ist schade. Ich würde viel lieber am Frauentag Blumen kriegen. Sicher, die machen Ungerechtigkeiten nicht wett, aber vielleicht überlegt sich der eine oder andere, in welchem Zusammenhang es steht. Natürlich reicht es nicht aus, als Frau oder Mann auf die Welt gekommen zu sein, keiner hat einen Einfluss darauf, mit welchem Geschlecht sie/er auf die Welt kommt, aber das haben wir alle gemein, da gibt es keine Diskriminierung. Oder? Es geht beim Frauentag um Gerechtigkeit, um Gleichberechtigung, und ja – auch um das Frau sein. Frau als Mutter, Frau als Liebhaberin, Frau als Kumpel und als eine Fee, die das zu schaffen vermag, was Männer nicht können (abgesehen von Kinderkriegen).

Und einiges, was man über die Frauen hört, stimmt durchaus: Blumen können zwar nicht alles wett machen, aber sie schaden auch nicht. In Familien und Partnerschaften, in denen so etwas wie Gleichberechtigung zum Alltag gehört, sind solche Gesten unnötig, wahrscheinlich gar verpönt.

Aber seien wir ehrlich: wer mag es nicht, sich wenigstens an einem Tag besonders zu fühlen, wer mags es nicht, Blumen oder andren Schnickschnack zu kriegen? Und: Der nächste Herrentag naht – der wird übrigens am Christi Himmelfahrt begangen. Aber das ist ein anderes Thema…

Mrz 03

Dichter

Posted by agnieszka in Alles wird Gut, Welt-Geschichten, Wort - Bild - Ton

Es gibt einiges an der USA, über das man sich aufregen kann, über das man lästern und das man nicht gutheißen kann. Wirtschaftsgeilheit, republikanische  Hetze, religiöser Wahn. Doch es gibt auch Dinge, die es dort gibt und hier nicht, oder die hier (noch) nicht funktionieren. Die Rede ist nicht von Starbucks oder der Drillerziehung von Kindern. Es geht um den Kultur-, genauer um den Literaturbetrieb.

Einige Male habe ich schon bei den abgelehnten Manuskripten meiner Freunde gedacht – in der USA wären sie nicht nur von einem Verlag angenommen worden, sondern hätten sich auch gut verkauft und die Lizenzen wären letztlich mit Kusshand von deutschen Verlagen aufgekauft worden. Warum tun sich die hiesigen Verlage so schwer, ein Experiment aus dem eigenen Land zu wagen, wenn sie doch bereit sind, fremdsprachige Bücher einzukaufen? Natürlich, wenn sich erstmal im Ausland etwas gut verkauft und dank den globalen Informationsaustausches dementsprechend beworben wird bzw. an potentielle Leser in anderen Länder dringt, braucht der deutscher Verlagsmarkt nicht mehr allzuviel Geld in die Werbung reinzupumpen, aber kann es das sein?

Verschachtelte US-Romane, die bei Gott nicht jedem x-beliebigen Leser verständlich sind, kommen hier groß raus, versucht aber ein einheimischer Autor eine humorvolle Geschichte an einen Verlag loszuwerden, die zu einem Drittel aus (ebenso humorvollen und interessanten) Fußnoten besteht, wird er abgewiesen – so etwas verkaufe sich ja nicht gut. Obwohl mich so etwas nicht mehr überrascht, ärgert es mich nach wie vor. Und nun der nächste Coup, der hier zu lange so schnell wohl auch nicht zu erwarten sein wird: eine amerikanische Autorin, die ansonsten als Altenpflegerin arbeitet und acht Jahre lang erfolglos versucht hat einen Literaturagenten und Verlag zu finden, hat schließlich beschlossen, ihre Werke als Ebooks zu verkaufen – und ist damit so erfolgreich geworden, wie es ihr kaum ein Print-Verlag hätte bieten können.

Ihr Name ist Amanda Hocking und die Geschichte las ich heute auf Spiegel online. Nun war bzw. ist  es nach wie vor in den USA wie auch hierzulande verpönt, Bücher im Selbstverlag oder als Book on Demand (BoD) zu veröffentlichen und viele Autoren scheuen diesen Schritt, der sie in einen Topf werfen würde mit talentlosen Dilettanten, statt sie in die Riege der hohen Kunst à la Günter Grass zu katapultieren. Das kann ich einerseits verstehen. Zum einen, weil es Autoren gibt, die tatsächlich gut sind – und trotzdem nicht verlegt werden, weil sie weder leicht zu lesende und wieder leicht zu vergessende Zugfahrtromane schreiben, noch sich einen Namen wie Grass oder Walser gemacht haben (wie denn auch, wenn man sie nicht lässt), noch einen Namen tragen, der entweder vorher aus den Medien bekannt war oder den sie von Eltern geerbt haben, die bereits in der Kulturwelt bekannt sind. Ich kann verstehen, dass es diesen Autoren nicht nur darum geht, mit dem Schreiben für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, sondern auch, dafür anerkannt zu werden. Und zum zweiten – apropos Würde – weil eben Veröffentlichungen, die nicht einen (möglichst großen) Verlag im Rücken haben, grundsätzlich eher als minderwertig gelten.

Ist das gut so? Ich meine, nein. Natürlich gibt es bei den Selbstverlegern oder BoD-Veröffentlichungen viel Mist, aber muss deshalb der ganze Ansatz ignoriert oder als qualitativ schlecht dargestellt werden? Mir scheint, als würde es sich hier so verhalten wie mit den seit Jahren wiederkehrenden politischen Parolen à la „Arbeit für alle“ und „Leistung muss sich wieder lohnen“, die an alten, überholten Begriffsdefinitionen (und teilweise Werte-Definitionen) festhalten und mit der heutigen Realität schwer zu vereinbaren sind.

Natürlich ist es auch kein leichtes Unterfangen, aus der immer größer werdenden Fülle elektronisch erfasster und zum Kauf angebotener Bücher herauszuragen und auf sich aufmerksam zu machen – wofür ja im klassischen Betrieb zunächst der Agent, dann der Verlag zuständig ist. Und für den Leser ist es auch nicht einfach, das passende Buch für sich zu entdecken. Allerdings gibt es durchaus der Zeit entsprechend z. B. Blogs, die sich mit so veröffentlichten Büchern befassen, Menschen, die als Kritiker fungieren oder einfach ihre eigenen Erfahrungen ins Netz stellen – wie es beispielsweise bei Amazon seit Jahren die Möglichkeit gibt, zu einem gelesenem Buch Stellung zu nehmen und damit den potentiellen Käufer einen Anreiz zu geben oder ihm zu dem Werk abzuraten.

Ich würde mir wünschen, dass diese Möglichkeiten hierzulande einerseits vom Leser mehr wahrgenommen würden, aber auch – der Nachfrage der Leser folgend – von Autoren und endlich auch von Verlagen wahr- und ernstgenommen werden als Zeichen dafür, dass Kunst und Kultur keineswegs an den alten, verstaubten, hohheitsversessenen Strukturen festhalten müssen, um sich auszubreiten und erfolgreich zu sein. Und gut. Und, seien wir mal ehrlich: bei den großen Verlagen wird viel Mist herausgebracht, wenn er sich nur verkauft. Von wegen „Dichter und Denker“.

Fazit: mehr Mut seitens der Verlage  und mehr Respekt und Interesse gegenüber Autoren, die es auf einem anderen Weg versuchen.
Verlage, Drucke und Buchbindungen gab es schließlich auch nicht immer.

Wie mag sich Muammar al-Gaddafi heute Abend fühlen? Oder Husni Mubarak? Was wird den anderen Despoten des Nahen und Mittleren Ostens jetzt grade durch den Kopf gehen? Und was mag sich der ehemalige Präsident Tunesiens, Zine el-Abidine Ben Ali, gedacht haben, bevor ihn ein Hirnschlag ereilte? Kaum anmaßend zu behaupten, dass die Genannten schlicht die Welt nicht mehr verstehen.

Oder Silvio Berlusconi. Hätte der es vor ein paar Wochen oder Monaten für möglich gehalten, dass irgendwer ihn tatsächlich vor Gericht stellt – wegen Verführung einer Minderjährigen? Hätten Charles und Camilla es sich noch vor Kurzem vorstellen können, dass sie in ihrer Limousine vom wütenden Mob angegriffen werden? Die USA, dass sie innerhalb eines Jahrzehnts von der unangefochtenen Weltmacht zu einem bloßen Mitläufer verkommen könnte, für die man sich phasenweise nur noch in Randnotizen interessiert? Oder Dr. a. D. Guttenberg, dass innerhalb einer Woche „abstruse Vorwürfe“ zu „gravierenden Fehlern“ werden können? Ich würde eher vermuten: mitnichten.

Ich bin gespannt zu erfahren, wie wir diese Dinge, die sich praktisch im Grunde erst in diesem Jahr ereigneten (Prinz Charles wurde im vergangenen Dezember angegriffen) irgendwann bewerten werden. Was wir sagen werden, über diese Ereignissen, die wahrscheinlich anders sind und waren als viele Ereignisse in den Jahren und Jahrzehnten zuvor. Und ob wir sagen werden, dass sich heute, jetzt, 2011 etwas Grundlegendes verändert hat.

Um eine Prognose zu wagen: Ich glaube schon. Es hat sich etwas verändert. Etwas Grundlegendes. Nachhaltiges. Und hoffentlich Weitergehendes. Wir werden augenblicklich Zeuge des Wettlaufs zweier Systeme oder Weltbilder wenn es beliebt. Erleben den Kampf zwischen dem Alten, in dem Herrschaftsansprüche einfach durchgesetzt wurden, tradiert und weitergegeben wurden, ohne hinterfragt oder weiterentwickelt zu werden.

Und der Herrschaft der Schwarmintelligenz, die – neben zahllosen Amateurpornos und Videos über niesende Pandas – im Begriff ist das Bewusstsein der Menschheit zu verändern. Tief. Umfassend. Und nachhaltig. Und wenn dieser Prozess nicht durch die etablierten, die Ressourcen kontrollierenden Kräfte gestoppt wird, werden wir irgendwann sagen können, dass nichts mehr ist und sein wird wie es seit Anbeginn der Menschheit bisher immer schon gewesen ist.

Niemals in der Geschichte der Menschheit hatte die gern als „Volk“, „Gesellschaft“, manchmal auch „Graue Masse“ bezeichnete machlose Mehrheit derart viel Macht wie sie sie grade besitzt. Nie war die Menschheit zuvor in der Lage, sich jenseits institutionalisierter Systeme, Kanäle und Prinzipien zu informieren, zu dynamisieren und zu organisieren als heute. Die Revolution ist im Gange. Inmitten unter uns. Und wir alle, die wir jetzt leben, werden später einmal sagen können, dass wir dabei gewesen sind. Ein Teil davon waren.

Als die Zukunft Gegenwart wurde.

In diesem Jahr haben wir wahrscheinlich schon mehr Nachrufe verfasst als in den anderen beiden Jahren zusammen. Dennoch gehört der große deutschsprachige Entertainer Peter Alexander, der gestern im Alter von 84 Jahren gestorben ist, an dieser Stelle geehrt. Leider verbinden viele von uns Herrn Alexander vermutlich nur mit der Rolle des Lehrers in einem der ständig runtergenudelten „Pepe der Paukerschreck“-Klamotten. Dabei tritt mit ihm wohl der Letzte aus der Reihe derjenigen Unterhaltungs-Ikonen von der Bühne, die heute ausgestorben sind. Die Singen konnten und tanzen. Große Shows moderieren und sich selbst nicht ganz so ernst nehmen. Ohne dabei jemals die Haltung zu verlieren.

Danke dafür. Und Servus, Peter Alexander.

„Die Feigheit der Frauen… Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug.“
So lautet der vielaussagende und wütende Buchtitel von Bascha Mika, bei deren Buchvorstellung mit anschließender Diskussion ich vorgestern gewesen bin. Frau Mika war bis zum Jahr 2009 Chefredakteurin der „taz“, ist Mitte 50 und kinderlos. Und Ihr Buch habe ich auch noch nicht gelesen – noch nicht!!!

Die Fakten, die ich dort gehört habe, kannte ich allerdings zur Genüge. Dabei hatte ich mir von dem Vortrag einen Lösungsansatz gewünscht, vielleicht einen kleinen Leitfaden für meine eigene Situation. Stattdessen gab es eine Stutenbissigkeit, die ihres Gleichen sucht. Ich bin als Frau jetzt schon eine Versagerin und meine Zukunft pflanzt dunkle Wolken. Das habe ich gestern in den 4 zähen Stunden mit Bascha Mika erfahren dürfen.

240 Minuten lang ging es durch einen emanzipierten und klischeebeladenen Garten Eden an deren Anfang, Mitte und Ende immer noch lauter kleine Evas stehen, die sich mit einem Blatt vor ihrer Scham und einem Apfel in der Hand (mit dem sie gerade Adam füttern) wundern, warum die Geschichte immer so ungut für sie ausgeht? Dass die Frauen das Paradies verlassen müssen, sich schuldig machen und fühlen und einfach immer wieder die gleichen Fehler machen. Auch 2011 noch.

Ungeduldig sei sie, sagt Frau Mika. Immer wieder taucht dieses Wort auf, genau wie andere plakative Behauptungen wie „wir Frauen“ wären alle wie „Bambi“. Wir suchen nur nach unserem Helden, Ernährer und wollten nichts anderes als Abstand vor der kalten Männerwelt und dafür aber zwei Kinderzimmer. Eins in hellblau, das andere in rosa. Und sind natürlich selber schuld, dass aus jeder freidenkenden Pippi Langstrumpf irgendwann, wenn die Uhr nur laut genug tickt, eine Annika mit rosa Schürze mutiert. Die nach wenigen Jahren unglücklich und völlig desillusioniert in ihrem selbsterwählten Gefängnis hockt, um ihren Partner schließlich an eine Jüngere zu verlieren oder aber die Augenhöhe zum Mann verloren zu haben.

Das steht unterm Strich.

Denn wir sind es, die für ihre Männer, in eine andere Stadt gehen, das Baby hüten und den Haushalt schmeißen. Ihm zu viel durchgehen lassen etc. Endlich sollen wir uns befreien von den Ketten unseren „Stockholm- Syndroms“, endlich in keine „Komfortfalle“ mehr tappen, Einfamilienhaus – als Mikrokosmos. Endlich selbstbestimmt und keinen Tag länger mehr das Kreuz der Aufopferung mit uns schleppen und uns damit arrangieren, benachteiligt durch die Welt zu gehen. Weil wir zu nett sind,  zu blöd, zu feige. Oder – wenn man es lieb ausdrücken möchte – einfach zu wenig Mut in uns drin steckt.

Dies liegt wiederum an unseren trinkenden Vätern, unserem Hang zu harten Jungs wie Jack Sparrow, die vielleicht gut im Bett, aber nicht gut im Wickeln sind. Und daran, dass die Gesellschaft uns die hörigen Weibchen und bestimmten Rollenbilder jahrzehntelang vorbereitet hat. Quer ging es bei der Lesung zu, durch den privaten, gesellschaftlichen und schließlich auch wirtschaftlichen braune Soße- Brei. Und wann kommt endlich die Quote? – fragt Frau Mika.

Nichts und niemand wird uns ein Stück vom Kuchen abgeben, nur weil wir nett danach fragen und die Frauen oftmals qualifizierter sind. Nein, weil dies eine Männerwelt ist und die Regeln nun mal so sind. „Survival of the fittest“ lautet das Thema, nicht „Möge der, Pardon, die Bessere gewinnen. Bei all den Theorien und Erfahrungen die ich dazu gemacht habe, stelle ich fest, dass ich immer verwirrter werde. 1000 Sachen werden auch hier in diesem Buch wieder zusammengeschmissen: Warum, wieso, weshalb, die Frau und der Mann so oder so ist. Was die Gesellschaft mit uns macht und warum das Wort  „Abhängigkeit“ das Unwort einer ganzen Generation zu sein scheint.

Für mich als junge Frau war das ein reinstes Ärgernis – Bascha Mika nach ihrer Meinung zu fragen, wie man denn als Frau und auch Mann aus der Falle fliehen könne, die sich ja wie ein unsichtbarer Schleier immer dichter um einen ziehen soll? Keine Antwort. Was bleibt unterm Strich? Vielleicht das Buch lesen, vielleicht darüber streiten, vielleicht doch eine Quote einrichten?

Ich weiß nur, dass wir Mann und Frau sind. Und wenn wir keinen Sex miteinander hätten, keinen stillen Vertrag der Fortpflanzung… Wer weiß vielleicht würden wir in getrennten Ländern leben – und alles wäre einfacher.

Diese Vorstellung ist für mich trotzdem gruselig… denn wo bliebe da ein großer Teil der Liebe? Der Aspekt der Liebe wurde im Buch übrigens ausgespart. Sowieso scheint die Tatsache das Mann und Frau anatomisch und genetisch unterschiedlich sind. Und muss man noch sagen, dass diese Gegensätze sich sehr wohl anziehen, überhaupt keinen Einfluss auf unser Leben zu haben scheinen. Alle sollen gleich sein, der Mensch als Einheit, Frau, Mann- was macht das schon. So kommt es mir vor.

Hilfe – wie kann man nur so borniert sein zu glauben, dass man darüber hinwegsehen könnte? Wir sind wer wir geworden sind, genetisch, gesellschaftlich, geprägt von allen möglichen Dingen,  wir müssen uns bloß bewusst werden, dass nichts für immer ist, und Geschichte jeden Tag neu geschrieben wird.

Und das beruhigt mich, so kann ich mit dem schwarzen Loch noch ein bisschen weiter leben, auf der Basis eines Nichtangriffspaktes zwar. Aber immerhin ist in mir Frieden.

Am 06. Februar 2011 ist Gary Moore an der Costa de Sol in Spanien gestorben. Der begnadete Gitarrist, Komponist und Sänger wurde nur 58 Jahre alt. Er war stilistisch so vielseitig wie eigensinnig, verschrieb sich mit „Collosseum II“ dem Jazzrock, auf seinem Album „Wild Frontiers“ verarbeitete er irische und keltische Einflüsse, und später in den 90ern beschäftigte er sich mit Hip Hop, Drum’n Bass und ging mit Musikern von Skunk Anansie und Primal Scream auf Tour. Von vielen Fans wurde das als Irrweg angesehen. Aber er war Zeit seines Lebens musikalisch eigenwillig und unabhängig, immer für eine Überraschung gut.

Seine größten Erfolge feierte Gary Moore in den 80ern mit seinen großen Hardrock Platten, wie „Victims of the Future“, und später mit seinen unvergesslichen Bluesalben. Allen voran „Still got the Blues“. Als Mitglied von „Thin Lizzy“ („Whiskey in the Jar“), an der Seite von Phil Lynott wurde er berühmt, später hat er sich vor allem als Solokünstler einen Namen gemacht. Es gab über die Jahre Kollaborationen mit unzähligen Küstlern. Hier seien nur einige genannt: Greg Lake, Andrew Lloyd Webber, Gary Boyle, Ozzy Osbourne, Albert King, George Harrison, B.B. King, Jake Bruce, Ginger Baker, … usw.

Die Nachricht seines Todes hat in mir einen Moment heraufbeschworen, wie ihn vielleicht viele kennen, wenn es um plötzliche, tragische Ereignisse geht. Den des nicht Wahrhaben-Wollens, Nicht-Fassen-Könnens.

Es ist ja nicht unüblich, dass ein Rockerleben auf der Überholspur zum frühzeitigen Ableben führen kann. Aber Gary Moore gehörte nicht zu denen, die durch übermäßige Drogen- und Alkoholeskapaden aufgefallen wären. Den hatte ich nicht auf der Liste (wie geht’s eigentlich Ron Wood und Keith Richards?). Auch ein Eric Clapton, der über lange Zeit Alkohol-, Heroin- und Nikotinabhängig war, erfreut sich nach wie vor bester Gesundheit, und hat nach seinem 58. Geburtstag bisher immerhin 7 Alben und 6 Live DVD’s herausgebracht. Das hätte ich mir so sehr auch von Gary Moore gewünscht. Sein Tod macht mich betroffen und der einzige Trost ist der Griff ins CD-Regal… „Over the Hills and Far Away“

Im kommenden Jahr wollte er in Zusammenarbeit mit den „Chieftains“ an einem neuen Celtic Rock Album arbeiten und an seinen großen Erfolg von „Wild Frontiers“ anknüpfen. Vielleicht gibt’s im Himmel ja auch ne Gitarre, ein Micro und ne halbwegs brauchbare Recording Software. Dann soll er’s – mit Blitz und Donner-  einfach runter regnen lassen.

Adieu,  Johnny Boy.

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“
Victor Hugo zugeschrieben

Das wievielte Mal innerhalb eines Jahres ist es jetzt, dass das Netz den Mächtigen dieser Welt in die Suppe spuckt?

Es fing ja schon 2009 an, bei der zweifelhaften iranischen Präsidentschaftswahl, die – wen wundert´s – den von amerikanischen Diplomaten mit Hitler gleichgesetzten Mahmud Ahmadinedschad als Präsident bestätigten. Damals gingen in der Mullah-Diktatur die Menschen auf die Straßen, um gegen die Wahl und das Regime zu protestieren. Und sich von den regierungstreuen Kräften verprügeln, verhaften, erschießen zu lassen – und die ganze Welt war Zeuge. Konnte durch verwackelte Handy-Videos und Twitter-Nachrichten den Aufstand live mitverfolgen. Damals hat sich das Regime noch zu wehren gewusst, den Aufstand niedergeschlagen und Alles beim Alten belassen. Damals.

Eineinhalb Jahre später: Die Wikileaks-Veröffentlichungen erschüttern die diplomatischen Beziehungen weltweit. Zuvor hatten die veröffentlichten Irak-Dokumente schon für mächtig Wirbel gesorgt und etwa ein Video zutage gefördert, in dem zu sehen ist wie von einem amerikanischen Kampfhubschrauber aus grundlos Zivilisten erschossen wurden. Und dann das. Über Wochen hinweg beherrschten die so genannte Cable-Gate-Affäre die Schlagzeilen, blamierten die USA – und zahlreiche Politiker rund um den Globus. Und auch wenn die Affäre so gut wie aus den Schlagzeilen verschwunden ist, zeigt der Aufwand, mit dem versucht worden ist, Wikileaks mundtot zu machen, welchen Stellenwert die Veröffentlichung haben.

Und nun Tunesien. Und Ägypten gleich mit. Und in Tunesien wurde jetzt tatsächlich der erste Machthaber gestürzt mit Unterstützung oder vielleicht sogar grade wegen des Internets. Und die Tatsache, dass die ägyptische Regierung das Netz im Land offenbar komplett abgeklemmt hat, zeigt nicht nur wie sehr sie sich vor dem grade abspielenden Aufstand fürchtet. Sondern auch wie hoch die Macht des Netzes dabei eingeschätzt wird. Mal sehen was der libysche Despot Muammar al-Gaddafi anstellt, falls die Ägypter es tatsächlich fertig bringen, Muhammad Mubarak, der das Land seit 1981 (!) das Land im Ausnahmezustand (!!) regiert, in die, ähem, Wüste zu jagen. Hinsichtlich der Vorgänge in Tunesien zeigte sich Gaddafi jedenfalls „schmerzlich berührt“, was eine gelinde Untertreibung sein dürfte angesichts der Möglichkeit, dass sich die Vorgänge in der Magreb zu einem Flächenbrand ausweiten.

Man darf also gespannt sein. Und auch darauf wie das Netz unseren Planeten weiter verändern wird. Denn auch wenn es einige Dinge gibt, die ziemlich besorgniserregend sind. Bleibt doch die Hoffnung, dass das Netz vielleicht wirklich eine Technologie ist, die uns in die Lageversetzt, vielleicht doch noch Alles zum Guten zu wenden. Auch wenn es trotz erster Teilerfolge noch lange nicht danach aussieht.