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Ich widme den letzten Artikel dieses unsäglichen Jahres einigen spieltheoretischen Überlegungen, weil der Spieltheorie meines Erachtens viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl sich mit ihrer Hilfe einige grundlegende Aspekte menschlichen Handels ziemlich gut erklären lassen. Denn die Spieltheorie stellt weniger auf psychologische oder soziologische Aspekte menschlichen Verhaltens ab. Sondern postuliert, dass Entscheidungen und Handlungen nicht nur von einem selbst abhängen, sondern in besonderem Maße auch davon, wie die anderen (Akteure des jeweiligen Spiels) sich verhalten.

Nehmen wir zur Illustration etwa die 2008 geplatzte US-amerikanische Subprime- und Hypothekenblase, die mit verantwortlich sein dürfte für die jetzige noch um einiges gravierendere Staatsschuldenkrise. Und vermutlich auch Anstoß gab für Bewegungen wie Occupy Wallstreet und Slogans von “Stop Capitalism” bis “Banken in die Schranken”. Nun könnte man natürlich hingehen und behaupten, dass die Krise vor allem dadurch ausgelöst wurde, dass die verantwortlichen Banker schlicht zu gierig gewesen sind. Dass man von Staats wegen die Finanzmärkte stärker hätte regulieren müssen. Und das ganze System ohnehin nur korrupt ist und ungerecht. Was alles sicherlich nicht unwahr ist. Aber leider auch ein bisschen zu kurz greift, wie ich finde.

Sehen wir uns noch einmal an, wie sich das Drama abgespielt hat, an dem im Großen und Ganzen fünf Akteure beteiligt waren: Die Kreditnehmer, die so genannten “Leute wie Du und ich”, die Kredit gebenden Geschäftsbanken, die mit diesen Krediten Handel treibenden Investment-Banken, die diesen Handel absichernden Rückversicherer und, last, but not least, derjenige, der am Ende die Zeche zahlte: Vater Staat und damit wieder die so genannten “Leute wie Du und ich”. Und da viele von uns diese unsägliche Geschichte inzwischen vermutlich auswendig aufsagen können, der Spielaufbau zum großen Crash hier noch einmal in Kürze.

Regel 1: Erfinde Mortgage Backed Securities (MBS), also durch Hypotheken gesicherte Wertpapiere, durch die Immobilien-Kredite gebündelt und von Geschäftsbanken an Investmentbanken weiterverkauft werden können. Dadurch wird vor allem das Risiko der Geschäftsbanken minimiert, die sich fortan nicht mehr darum sorgen müssen, dass die Kredite auch zurückgezahlt werden. Oder die Kreditnehmer überhaupt Geld besitzen, um einen Kredit aufnehmen zu können.
Regel 2: Erfinde Credit Default Swaps, also eine Kreditausfall-Versicherung für den Fall, dass die von den Investmentbanken aufgekauften MBS sich als wertlos erweisen etwa, weil die letzten Endes dahinter stehenden Kreditnehmer zahlungsunfähig werden – oder von vornherein überhaupt nicht kreditwürdig waren.
Regel 3: Versorge den Markt mit billigem Geld, vor allem, wenn die Börsen nach Dotcom-Blase und 11. September darniederliegen wie heute die Weltwirtschaft. Denn billiges Geld verleitet die Banken grade dazu, noch mehr Kredite zu vergeben.
Regel 4: Bring Subprime-Kreditnehmer ins Spiel, also Menschen, die überhaupt nicht in der Lage sind, Schulden für aufgenommene Kredite zu bedienen, etwa Paula Taylor, der ein Kredit aufgeschwatzt wurde mit Ratenzahlungen von  2.200 Dollar im Monat – bei einem Gehalt von 1.500 Dollar.
Ziel des Spiels: Oder um noch einmal auf die Spieltheorie zu sprechen zu kommen: Was passiert wohl, wenn man das Risiko für die Vergabe eines Kredits derart minimiert? Wenn sich der Kreditgeber nicht darum scheren muss, ob der Kreditnehmer überhaupt kreditwürdig ist, weil er den Kredit gleich an einen Dritten weiterveräußert und dafür eine fette Provision kassiert? Wenn derjenige den womöglich völlig wertlosen Kredit als gutes Geschäft ansieht, weil er sich bei einem vierten gegen mögliche Kreditausfälle rückversichert, weshalb sogar scheinbar renommierte Rating-Agenturen derlei faule Kredite mit AAA-Bestnoten bewerten? Und all das finanziert mit billigem Geld, das fast umsonst zu haben ist? Muss man tatsächlich ein Prophet sein um vorauszusagen, was passieren wird in einem Spiel, bei dem all die Voraussetzungen gegeben sind?

Was kam ist allseits bekannt. Die Subprime-Kreditnehmer konnten bald schon ihre Zahlungen nicht mehr leisten. Häuser wurden verpfändet und wieder auf den Markt gebracht. Die Immobilienpreise sanken in der Folge, Panik brach aus. Und plötzlich saßen alle auf einem ziemlich großen Haufen fauler Papiere, die die Rückversicherer selbstverständlich nicht abzuwickeln imstande waren. Weshalb die Staaten, also letztlich die Bürger, einspringen und die Zeche bezahlen mussten. Und auch wenn es natürlich ein Leichtes ist, im Nachhinein zu behaupten, man hätte das alles sehen können, zeigt sich, wie ich finde, doch, dass es vermutlich nicht allein oder hauptsächlich Gier war, der dieses Drama befeuerte. Es war eher ein Rausch, in den sich die Akteure hinein spekuliert haben. Denn wenn man sich die Rahmenbedingungen ansieht, kann man selbst leicht nachvollziehen, dass es den Beteiligten vorgekommen sein muss, als hätten sie eine Methode zur wunderbaren Geldvermehrung entdeckt. Weil sich offenbar niemand vorstellen konnte, dass all die selbsterschaffenen Giganten am Ende nicht groß genug sein würden, um all die ausfallenden Kredite zu stemmen.

Das soll nun keine Entschuldigung werden für all das unseriöse, oft genug gar kriminelle Verhalten der für die Krise Hauptverantwortlichen. Und erst recht nicht für dieses ehrlose Verhalten, erst hunderte Millionen von Euro und Dollar Boni einzustreichen, um dann das eigene Unternehmen gegen die Wand zu fahren und sich schließlich vom Staat retten zu lassen. Interessant ist dennoch, dass es vor allem die Rahmenbedingungen waren, die die Handelnden überhaupt in diesen Wahnsinn regelrecht getrieben haben.

Oder in den sie sich haben treiben lassen wollen. Schließlich waren nicht wenige, etwa der ehemalige US-Notenbankchef Greenspan, aktiv an der Gestaltung all dieser Regelungen beteiligt. Allerdings bleibt am Ende immer noch die Frage, ob sich einer von uns unter all den genannten Aspekten anders verhalten hätte. Und auch darauf gibt die Spieltheorie eine recht eindeutige Antwort, wie ich finde: Mit ziemlich Sicherheit nicht.

Nov 27

Die Kühe im Atlantik westlich von Paris

Posted by Winston Wolf in Politik und so

Video der Woche (43): Günther Oettinger erklärt warum Paris einen Kopfbahnhof hat und Stuttgart einen Durchgangsbahnhof braucht.

Alle Menschen sind klug.
Die einen vorher. Die anderen hinterher.
Chinesisches Sprichwort

Ich kann mich gar nicht entscheiden, ob mich die Entwicklung, die die Occupy-Bewegung nimmt, eher langweilen oder einfach nur deprimieren soll. Langweilen tut sie mich ohne Frage, denn auch wenn die dort versammelte Gemeinschaft sich immer wieder recht putzige Aktionen überlegt und etwa symbolisch die “Banken in die Schranken” weist, ist damit nur wieder einmal der allgemeine Unmut bekundet worden, dass “das System” nicht gerecht ist. Irgendwie. Und überhaupt wäre es schon schön, “Großbanken zu zerschlagen” und “Reichtum umzuverteilen” Hauptsache, dass sich “was ändert“, weil es das schließlich muss. Da ist es natürlich auch wichtig, dass man gleich gegen alles demonstriert, was einen so offensichtlich stört an dem System und der Welt als solcher: Atomkraft natürlich. Afghanistankrieg – ja, wie kommen wir denn überhaupt da hin? Und Kinderarbeit selbstredend. Armut sowieso. Nicht zu vergessen dringend zu klärende Detailfragen wie etwa die Einführung eines Betriebsrats bei Lidl oder die Arbeitsbedingungen in irgendwelchen afrikanischen Uranminen. Herrje. Und weil man selber nicht so richtig weiß wie das alles gehen soll und warum das überhaupt so ist, ist zumindest klar, was all dem Abhilfe schaffen würde, weshalb – neben dem bereits Zitierten – vor allem “Echte Demokratie” gefordert wird. Und zwar jetzt. Sofort. Und überhaupt.

Nun ja, da ich mich ohnehin grade mit Klischees beschäftige, tut es insofern ganz gut zu sehen, wie stereotyp dieses Verhalten ist. Wie überraschungsarm. Und unglaublich vorhersehbar. Und ich würde ne Wette drauf abschließen, dass sich unter den AKW-Demonstranten und Stuttgart21-Gegnern sicher auch ein paar befunden haben, die wahlweise auch gleich gegen die Banken demonstriert haben. Und das System. Sowieso. Und überhaupt. Es scheint fast eine Art Herdenverhalten der Linken zu geben, sich bei jeder als irgendwie ungerecht empfundenen Situation zusammenzurotten, darüber zu schwadronieren und mit bisweilen sogar ziemlich witzigen Aktionen den eigenen Unmut zu bekunden. Auch wenn sich einem Außenstehenden nicht wirklich der Sinn erschließt, was damit bezweckt werden soll. Ich vermute ja insgeheim, damit man sich am Ende entschuldigend auf die Schultern klopfen und gegenseitig versichern kann: Wir haben es ja gleich gesagt. Denn angesichts der Tatsache, dass die aus der Anti-AKW-Bewegung hervorgegangen zwischenzeitlich gar an der Regierung beteiligte Partei es den Konservativen – und damit quasi den Gegnern – überließ, die Meiler mit und mit vom Netz zu nehmen. Ist von ein paar Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Polizei abgesehen bei all dem linken Gehabe der letzten 30 Jahre nicht viel rausgekommen. Zumindest nichts Offensichtliches. Und das ist, was mich an der Bewegung so deprimiert. Dass sich offenbar stereotype Verhaltensmuster auf die – landläufig Occupy bezeichnete – Bewegung übertragen so als ginge es darum, die Abschaltung des nächsten AKW in Angriff zu nehmen. Oder gegen irgendeinen Bahnhof zu demonstrieren. Obwohl das mitnichten der Fall ist.

Die Probleme, die die Occupy anspricht, sind ernst. Und sie betreffen einen Großteil der Menschen. Wenn nicht uns alle. Und es ist schade, dass innerhalb der  Bewegung offenbar so wenig Anstalten gemacht werden, etwas Konkreteres zu tun als ein paar nette Schilder zu malen und ein paar kesse Sprüche draufzupinseln, sich als Banker zu verkleiden und mit Monoly-Geld um sich zu schmeißen, um irgendwen auf irgendetwas hinzuweisen. Die Bewegung demonstriert für mich damit lediglich, dass die sie tragenden Menschen ihrer selbst angemahnten Verantwortung nicht gerecht werden und sich vielmehr darin gefallen, Symbolisches zu tun, denn konkrete Lösungen zu gestalten. Womit eine große Chance vertan werden dürfte. Einmal etwas zu verändern. Bevor es dann schließlich knallt. So geschehen nach Fukushima. Allen Demonstrationen zum Trotz.

Es gibt etwas, das mir seit 2 Jahren auf der Seele liegt und auf den Magen schlägt. Kein Wunder, es hat mit Geld zu tun. Und mit dem Staat. Einige ahnen vielleicht, wohin diese Kombination führt: Finanzamt. Doch wie ich feststellen musste, nicht nur dahin. Alles ist vernetzt, alles ist global, alles ist abhängig. Und einer gewissen Abhängigkeit will ich mich nicht hingeben, nämlich der des Bankkredits.

Ich habe schon in meinem Studium lange gezögert, bis ich irgendwann doch aus finanzieller Not das Bafög beantragt habe. Ich will gar nicht davon sprechen, dass meine Bezugszeit um die Zeit verkürzt wurde, ich der ich es hätte haben können, es aber nicht wahr genommen hatte, auch wenn ich das an sich für eine seltsame Logik erachte. Aber um das Bildungsfördergeld soll es hier nicht gehen. Es geht um Steuern. Genauer, um Steuernachzahlungen. Diese hatte ich zu leisten, weil ich neben meinem Angestelltenjob mit direkt abgeführter Lohnsteuer als Freischaffende im Jahr zusätzlich 2000 Euro  verdient habe. Das ist aufs Jahr gerechnet NIX. Meine beiden Einkünfte werden jedoch zusammen gerechnet und ergeben somit eine Summe, für die ein höherer Steuersatz fällig ist, als wenn man meinen Lohn und meine Honorar unabhängig voneinander versteuern würde. Nun bleibt von 2000 Euro ja nicht viel übrig, und der laufende Lohn reicht für die laufenden Kosten, mehr aber nicht. Innerhalb von 2 Monaten soll ich nun knapp 200 Euro nachzahlen und 400 Euro voraus zahlen. Das macht 600 Euro. Innerhalb von 2 Monaten. Woher nehmen? Was tun? Man richtet sich zuerst an das Finanzamt und bittet entweder um Aufschub oder um Ratenzahlung.

Und das wird einem ja auch eventuell genehmigt, wenn man man seine finanzielle Lage darstellt und WENN MAN NACHWEIST, DASS MAN KEINEN KREDIT BEKOMMT. Und da wurde ich stutzig, um nicht zu sagen sauer. Ich verstehe ja, dass ich nach geltendem Recht in der Schuld des Staates stehe, und diese Schuld zu begleichen ist, schließlich muss der Staat ja auch kalkulieren. ABER: Verstehe ich das richtig, dass der Staat mich nun dazu treibt, oder gar von mir verlangt, mich bei Bankinstituten zu verschulden (mit Zinsen), um meine „Schulden“ beim Staat zu bezahlen? Waren  Staat und Wirtschaft nicht mal getrennt? (Gut, dass sie es nicht sind, wissen wir ja leider alle spätestens seit dem Rettungsschirm für die Banken! Ber diese Praxis scheint es länger zu geben:). Es gibt hier zwei Möglichkeiten: entweder ich verschulde mich bei einer Privatbank und muss Zinsen zahlen, die mich noch mehr in die Schuldenfalle treiben (oder kann ich die etwa von der Steuer absetzen?), was bedeutet, dass der Staat mich dazu zwingt, mich in den Strudel der Bankenwirtschaft zu begeben, die in den letzten Jahren für eine weltweite Krise gesorgt hat durch Menschen, Firmen, Staaten, die die Kredite nicht zurückzahlen konnten (und auf dem Wege sähe ich mich auch in Anbetracht meiner finanziellen Lage). Es könnte auch heißen, ich solle mich nicht bei der Privatwirtschaft, sondern bei den Landesbanken verschulden, aber dann würde ich mich ja beim Staat verschulden, um meine Schulden beim Staat zu begleichen. Hä?!

Sehen wir mal vom geltenden Steuerrecht ab, das ich als ungerecht betrachte – wie kann es sein, dass ein staatliches Amt mich dazu zwingt, mich bei einem Kreditinstitut zu verschulden mit zusätzlichen Schulden (Zins), die ich nicht bezahlen kann – sonst würde ich ja nicht um Aufschub oder Ratenzahlung bitten. Wie kann es sein, dass die demokratisch gewählte Regierung, die dem Volk zumindest in der Theorie (wie wir wissen, sieht es mit der Praxis durchaus mal anders aus) dienen soll von mir verlangt, meine Steuernachzahlung dadurch zu finanzieren, dass ich mich mit zusätzlicher Last bei den Banken verschulde?! Ich bin ja durchaus bereit, die Steuern zu zahlen, warum kann ich es nicht in zinslosen Raten abzahlen, wenn ich die finanziellen Mittel nicht habe, ohne zusätzliche Schulden zu machen?! Ich erachte das nicht nur als  paradox, sondern auch illegal, sollte der Staat doch von der Privatwirtschaft unabhängig sein. Dass er es nicht ist, haben wir ja leider in den letzten Jahren zugenüge gesehen. What a shame!

Wir hatten es ja kurz erwähnt, dass in Oakland einer der Demonstranten ernsthaft von der Polizei verletzt worden ist. Entsprechend war zu erwarten, dass sich zumindest der Oakland-Arm der Occupy-Bewegung radikalisierte und zunächst zum Generalstreik aufrief, dann, in der vergangenen Nacht, Oaklands Hafenanlagen blockierten und so den Betrieb des wichtigsten Umschlagplatzes der US-Westküste praktisch zum Erliegen brachte. Was insofern einem Pyrrhussieg gleichkommen dürfte, als die bis dato mehr oder minder friedliche Bewegung nun einen ersten Anlass gibt, notfalls mit Gewalt gegen sie vorzugehen.

Damit zeigt sich aber auch gleich das Dilemma, das diese offenbar weltweit Anklang findende Bewegung hat. Selbst wenn man ihr unterstellte, dass sie inhaltlich mehr zu bieten hat als nur eine unbestimmte Ahnung, dass unser Geldsystem schlicht ungerecht ist, und sich irgendwas irgendwie ändern sollte. Und zwar am besten sofort. Und überhaupt. Denn selbst wenn ein gewisser Konsens erzielt werden würde, was denn genau geändert werden müsste, bliebe immer noch die Frage, wie diese Änderungen – oder nennen wir sie doch besser: Umwälzungen – überhaupt zu erreichen wären. Zumal mit den von der Bewegung gern zitierten 1% eben jene Gesellschaftsschicht gemeint ist, die wesentlichen Einfluss hat auf die herrschende Ordnung. Und sicherlich nicht viel Interesse zeigen wird, ebendiese Ordnung über den Haufen zu werfen.

Was also soll man tun? Wenn man nicht unbedingt Hafenanlagen besetzen will? Forderungen erheben? Demonstrieren bis der Arzt kommt? Ausharren und auf bessere Zeiten hoffen? Oder gar auf Einsicht? Im Moment befeuert sich die Bewegung möglicherweise noch durch eine gefühlte weltweite Verbundenheit. Durch das Wissen womöglich, dass man im Recht ist. Irgendwie zumindest. Dass es so nicht weitergehen kann. Auch wenn vielleicht niemand so richtig weiß wohin es denn eigentlich gehen soll. Na ja, vielleicht hilft es ja, wenn wir Griechenland aus der Euro-Zone schmeißen. Oder die Tea-Party-Bewegung den nächsten Präsidenten stellt.

Ich bin dazu gefragt und nach meiner Antwort gebeten worden, das Gesagte noch einmal zu skizzieren. Weshalb ich nun kurz darlegen will, wie das japanische Fureai Kippu ein wesentlicher Baustein sein könnte, das bestehende System allmählich in das neue System zu überführen. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass nur wenige Wirrköpfe ein ernsthaftes Interesse an einem -wahlweise gar gewaltsamen – Umsturz haben. Auch wenn ein paar tausend Verzweifelte in ihrer Hilflosigkeit schon mal ne Hafenanlage besetzen. Oder Tottenham in Schutt und Asche legen.

Das japanische System Fureai Kippu ist denkbar einfach: Die jüngere Generation sorgt sich um die ältere Generation und bekommt im Gegenzug die geleisteten Stunden gutgeschrieben. Wenn die jüngere Generation dann selbst alt wird oder krank oder deren Eltern, können die geleisteten Stunden beansprucht werden, und jemand anderes kommt und kümmert sich um einen. Dieser Gedanke besticht durch seine schlichte Eleganz. Und zwar nicht, weil sich die Jungen um die Alten kümmern, was notwendigerweise überall auf der Welt geschieht. Sondern weil durch die Verrechnung der geleisteten Arbeit de facto eine Währung geschaffen wird.

Betrachtet man sich die lange Liste der allein in Deutschland existieren Regionalgeld-Initiativen, so wird schnell klar, dass die Idee von umlaufgesichertem Geld vielerorts unterstützt wird. Nimmt man nun noch die ebenso zahlreich vorhandenen Tauschringe hinzu, stellt sich fast schon die Frage, warum nicht mehr Leute längst etwas wissen über Freigeld & Co. Oder grade erst beginnen, sich dafür zu interessieren. Nun , wenn mir die Vermutung gestattet sei: ich glaube, es liegt vor allem daran, dass es sich um mehr oder minder gut funktionierende Experimente von bestimmten Personenkreisen handelt, die letztendlich unter sich bleiben und von weiten Teilen der Bevölkerung – wenn überhaupt – als spinnerte Exoten wahrgenommen werden. Oder anders ausgedrückt: Die Sache mit dem Regiogeld ist schlichtweg unsexy. Von Tauschringen ganz zu schweigen. Man muss sich nur mal die Namen einiger Initiativen ansehen: Allgäuer, Chiemgauer, Freitaler, Rhein-Neckar-Mark, Zschopautaler. Das klingt ja schon wie ein versammelter Heimatfilm.

Das aber macht es für Außenstehende, allenfalls am Rande Interessierte nicht unbedingt leicht, sich für eine solche Idee zu begeistern. Zumal die Bereitschaft, sich überhaupt in solchen Vereinigungen zu engagieren, generell nicht sehr hoch sein dürfte. Zumal der regionale Charakter all dieser Projekte eine überregionale Einbindung erschwert wenn nicht schier undurchführbar macht. Diese Nachteile würden durch das Fureai Kippu-System zumindest teilweise beseitigt, auch wenn das finale Ziel der Schaffung einer einheitlichen, mit einem negativen Zins belasteten Währung für einen Moment vernachlässigt würde. Dagegen hätte die Idee des Fureai Kippu den entscheidenden Vorteil, dass es eben nicht um Geld und all dieses langweilige Zinsgelaber ginge, sondern vornehmlich um die Beschäftigung mit und Hilfestellung für Hilfebedürftige. Was für viele möglicherweise ein Anreiz sein könnte, sich entsprechend zu engagieren.

Folgendes Szenario wäre durchaus vorstellbar:

1. Nach Klärung wesentlicher Fragen, die in Zusammenhang mit der Schaffung einer Währung zu stellen sind (und die insbesondere fiskalische und organisatorische Probleme betreffen) könnten ohne überladene Organisationsstrukturen ortsunabhängige Hilfsprojekte ins Leben gerufen werden, wie wir es im Rahmen des PAL-Projektes bereits gezeigt haben.

2.  Wären diese Strukturen etabliert, ließen sich grade die Tauschringe gut in das System integrieren mit dem Ziel, Dienstleistungen irgendwann generell mithilfe dieser Währung anzurechnen. Entsprechend wäre vorstellbar, einen Teil des Geldes, das man für Kino- oder Friseurbesuche zu bezahlen hätte, in der Komplementärwährung bezahlt werden könnte.

3. Im dritten – zugegebenermaßen im Moment ziemlich gewagten Schritt – ließe sich durchaus vorstellen, die Realwährung zur Komplementärwährung konvertierbar zu machen. Und Leuten die Wahl zu lassen, ob sie in der einen Währungszone oder in der anderen arbeiten wollen. Oder sogar in beiden.

Ich will nicht alle sich daraus wieder ergebenen Konsequenzen an dieser Stellen erörtern. Es wäre ja auch vorstellbar, dass man über einen solchen Weg wenigstens mal diskutiert. Für die Occupy-Bewegung könnte durch das japanische System vielleicht wirklich eine Möglichkeit ergeben, der Welt zu zeigen wie einfach es sein kann.

Die Welt zu verändern.

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Literatur: Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft, Riemann Verlag 2002

Nun ist es also passiert. In Oakland hat es bei Krawallen rund um die Occupy-Wallstreet-Bewegung den ersten Schwerverletzten gegeben, den 24jährigen Kriegsveteran Thomas Olsen, den durch Gummigeschosse der Polizei einen Schädelbruch über dem rechten Auge erlitt. Und während Oaklands Bürgermeisterin Jean Quan der Occupy-Bewegung versichert, dass “viele Oakländer ihre Ziele unterstützen” teilte das Krankenhaus mit, der Ex-US-Marine befinde sich in kritischem Zustand. Na, da kommen ja herrliche Zeiten auf uns zu.

Es hat sich ganz schön was verändert in der Welt seit wir diesen Blog im April 2009 begonnen haben. Damals war die Krise, die die Welt überrollt hat, erst als schwacher Schimmer am Horizont erkennbar, auch wenn damals schon dauernd von Banken-Zusammenbrüchen und Massenentlassungen gesprochen wurde. Doch damals schien die Welt irgendwie noch in Ordnung, und man hatte das Gefühl, dass all die Probleme, von denen nun geredet wurde, sich schon irgendwie wieder einrenken würden. Naja, ich brauche ja niemanden daran zu erinnern, dass auch damals nicht alles in Ordnung war, insbesondere nicht in Hinblick auf diesen vermeintliche Krieg zwischen Christentum und Islam, der – so kommt es mir jedenfalls vor – das erste Jahrzehnt des Neuen Jahrtausends fast ausschließlich bestimmt hat.

Mag sein, dass es am neuen US-Präsidenten liegt, dass diese Wogen sich geglättet haben, daran, dass Osama Bin Laden inzwischen tot ist und gefühlt jede Woche ein ranghohes Al-Quaida Mitglied von einer Drone in Stücke gerissen wird. Vielleicht sind auch durch die Verschiebung alter Machtverhältnisse – der Aufstieg Chinas, der Arabische Frühling – einige althergebrachte Vorstellungen ins Wanken geraten und dieser seltsame “Kampf der Kulturen” im Nachhalldes 11. Septembers einfach nicht mehr so wichtig und überholt. Womöglich tobt er auch ungehindert weiter, und wir kriegen es einfach nicht mehr so mit, weil die Ereignisse sich angesichts all der drohenden Staatsbankrotte schlichtweg überschlagen. Oder die Welt stellt nun und mit Verblüffung fest, dass der gute, alte “Westen”, der sich jahrzehnte- wenn nicht jahrhundertelang mit Selbstverständlichkeit eines Auserwählten als Herrscher über den Planeten wähnen durfte, inzwischen ein ziemlich bedauernswertes, geradezu jämmerliches Bild abgibt, und sich nicht einmal mehr zu bekämpfen lohnt. Wie etwa, wenn das Bundesamt für Wehrverwaltung einen Soldaten im Afghanistan-Einsatz auffordert, einen auf einer Patrouille verloren gegangen Handschuh im Wert von 7,17 Euro zu ersetzen. Oder die Bundespolizei das Benzin rationiert, weil einfach das Geld fehlt. Ojemine.

Ganz am Anfang hatte ich die sehr unkonkrete Idee, mittels dieses Blogs ein Netzwerk aufzubauen, in dem sich Gleichgesinnte austauschen und gemeinsam mögliche Lösungen erörtern, wie dieser ganze Quatsch, der sich dort draußen vor unserer Tür abspielt, zu beenden ist. Da damals schon abzusehen war, dass dieses System sich innerhalb der nächsten zehn Jahre überleben wird, hatte ich gehofft, sich mit und mit immer mehr Menschen finden zusammenfinden würden, die gewillt wären, aufzustehen und wirklich etwas zu verändern. Nun, diese Leute gibt es tatsächlich, immer mehr, in immer mehr Ländern – Griechenland, Spanien, Ägypten, USA, Großbritannien, Chile. Sie streiken, rufen zum Protest auf, beklagen die Ungerechtigkeit mittels des Internets, bringen Machtverhältnisse ins Wanken von Tripolis bis Stuttgart und wählen aus lauter Verzweiflung unnütze Parteien. Antworten aber geben sie nicht. Und das ist das Mysterium für mich, dass mich immer noch mit tiefer Ratlosigkeit befällt. Dass es die Antworten gibt. Und sie niemand hören will. Oder kennt. Oder abtut als unsinnig. Undurchführbar. Hanebüchen. Als ob die Rezepte von Schwarz-Gelb, Rot-Grün, Rot-Rot-Orange, Blassblau, Schneeweiß, Rosarot, Kotzgrün oder Tea-Party-Braun sinniger wären. Durchführbarer. Und nicht aus dem Holz der Hagebuche. Ich begreif’s einfach nicht. Ganz ehrlich.

Auch wenn mich gerade dieser Umstand jedesmal wieder aufs Neue zwingt, weiter zu machen. Auch wenn es mich – wie phasenweise bei der letzten Serie zu den Märkten – selbst über weite Strecken langweilt. Aber vielleicht hilft es ja was. Man weiß ja nie.

Ich danke meinen Mitstreitern, allen voran Sir Winston Wolf, Bibi Blogs, Agnieszka, Miss Me Too und allen, die immer mal wieder oder auch regelmäßig hier vorbeischauen. Und da ich weiß, dass das inzwischen ziemlich viele Leute sind, schließe ich mit der Bitte, doch in Zukunft vielleicht mal den ein oder anderen Artikel zu kommentieren. Damit ein bisschen mehr Interaktion stattfindet und vielleicht ein paar neue Ideen entstehen.

In den nächsten 500 Artikeln.

Ich weiß, dass ich eigentlich die Serie über die (Finanz-)Märkte weiter schreiben und endlich auch zu Ende bringen sollte, aber da ich mir momentan nicht so richtig im Klaren bin, wie da weitermachen soll, ein kleine Einschub im Nachhall der von der SPD wenig überraschend gewonnenen Mecklenburg-Vorpommerschen Landtagswahl. Vielleicht liegt es daran, dass sich in unserem Land – außer der sich stetig verringernden Wahlbeteiligung – nicht viel ändert, weil einem jede Wahl wie ein Echo der vorherigen vorkommt. Und in der das Gelaber der Sieger stets dasselbe bleibt, gleich welche Partei, ähem, gewonnen hat.

CDU-Generalsekretär etwa sieht die Wahl völlig losgelöst und überhaupt nicht in Zusammenhang stehend mit der – wenn man sie so nennen will – Politik der Bundesregierung. Allenfalls hat es mit dem Euro zu tun, und Griechenland und all diesen Dingen, mit denen man überhaupt ja so gar nichts zu tun hat, weil man für die ja auch gar nix kann und so weiter. Und die FastDreiProzent-Partei entdeckt – wie Christian Lindner trotzig feststellt – plötzlich Brot-und-Butter-Themen für sich, womit vor allem gemeint sind: “harter Euro, starke Wirtschaft und stabile Arbeitsplätze”. Auch wenn das vermutlich nicht ausreichen wird, um über die Drei-Prozent-Hürde zu springen. Oder wenigstens die Piraten-Partei im Pool der “Sonstigen” zu überholen.

Die Linke, die bis 2006 mit in der Regierung saßen, erhebt nach einem mickrigen Zugewinn von 1,6% den Anspruch, wieder mitregieren zu wollen und wertet den Wahlausgang als Erfolg. Auch wenn sie sich wahrscheinlich selbst nicht erklären kann, warum die Partei in der Wahl 2006 glatte 8% in den Keller gerutscht ist. Mann muss es halt positiv sehen. Was die Grünen auch können, die zum ersten Mal überhaupt in den Schweriner Landtag einziehen. Da die Anzahl der Mandate aber nicht reichen, um mitregieren zu können, muss befürchtet werden, dass in Mecklenburg-Vorpommern alles stillsteht wie bisher. Wenn ich die Worte von Grünen-Partei-Chef Cem Özdemir richtig zu deuten verstehen.

Und die Wahlgewinner von der SPD? Na ja, Parteichef Sigmar Gabriel wähnt sich ja am Beginn einer langen Serie sicher gewonnener Landtagswahlen, die letztendlich in einer gewonnen Bundestagswahl münden. Was selbstredend an der unnachahmlichen Politik der SPD liegt und der Fähigkeiten ihres Vorsitzenden. Ansonsten bleiben sich die Genossen ebenso treu wie die Anhänger der übrigen Parteien und fangen gleich am nächsten Tag wieder an sich zu beharken. Weshalb Michael Sommer gleich man klarstellt, dass er Peer Steinbrück, der laut Umfragen im Moment der beliebteste Politiker Deutschlands ist, für ziemlich ungeeignet hält als Kanzlerkandidaten. Was ja Generalsekretären Andrea Nahles vor einer Wochen schon andeutete. Die einst für den Rücktritt von Franz Müntefering sorgte. Ach, wenn die Linken doch einmal lernen würden, sich nicht ständig ins Knie zu schießen!

Was aber am lustigsten ist: Ich werde diesen Artikel in knapp zwei Wochen noch einmal veröffentlichen, wenn die Berliner gewählt haben. Und mich würde es wundern, wenn ich außer ein paar Namen etwas ändern müsste.

Märkte. Märktepopärkte. Nach Meinung von Wirtschaftsliberalen wie den Anhängern der FDP und Marktradikalen wie Tea-Party-Jüngern ist der Markt der heilige Gral, Tempel, Sinnstiftung und einziges Heilmittel, um alle Probleme dieser Welt für alle und alle Zeiten zu lösen. Freiheit, so propagieren es diese tendenziell konservativen Kreise und meinen nichts anderes als freien Wettbewerb – schafft dauerhaften und größtmöglichen Wohlstand  für die größtmögliche Anzahl an Menschen. Und jedwede Einmischung des Staates als wettbewerbsverzerrend, wohlstandsschädigend und geradezu kommunistisch hinstellt.

Dieses Denken geht zurück bis auf die Anfänge der Wirtschaftswissenschaften, namentlich auf den Schotten Adam Smith, der mit seinem Hauptwerk Wohlstand der Nationen und dem darin beschriebenen Mechanismus der unsichtbaren Hand die Ökonomie als eigenen Wissenschaftsbereich quasi begründet hat. Einfach ausgedrückt erklärt Smith das Angebot-Nachfrage-Prinzip, was auch durchaus einleuchtend ist. Angenommen, es gibt nur einen Bäcker in einer Stadt, der Brot anbietet und dafür Nachfrager findet. Dieser Erfolg des Bäckers animiert andere, es ihm nachzutun, was zu einer Erhöhung des Angebots am Markt führt und – die Bäcker konkurrieren nun miteinander – zu sinkenden Brotpreisen. Natürlich wollen die Konsumenten – Nachfrager – den geringstmöglichen Preis zahlen. Dieser aber wird nur so lange fallen, wie es ich für die Bäcker noch lohnt, überhaupt Brot herzustellen und zu verkaufen. Entsprechend findet sich so, mittels der “unsichtbaren Hand”, der für alle fairste Preis und größtmögliche Wohlstand. Wenn es doch so einfach wäre.

Denn die Annahmen, die Anhänger dieser Theorie machen, halten der Realität schlicht nicht stand. Etwa, weil einer der Bäcker auf die Idee kommen könnte, das Brot mit Sägemehl zu strecken, weil das einfach billiger ist. In diesem Fall könnte er das Brot billiger anbieten als der Theorie gemäß möglich wäre. Zu Lasten der Konsumenten, die nun Sägespäne zu fressen kriegen statt Mehl. Oder die Bäcker einer Stadt schließen sich zusammen und treffen Preisabsprachen, über dem Marktpreis. Auch dies würde zu Lasten der Konsumenten gehen und ist durch die Theorie der unsichtbaren Hand nicht zu erklären. Denn es handelt sich bei derlei Vorgängen um so genanntes Marktversagen, das im Großen und Ganzen auf folgende drei Ursachen zurückzuführen ist:

1. Informationsdefizit
Die Marktteilnehmer verfügen nur über unzureichende Informationen. Etwa, weil die Kunden des Bäckers nicht wissen können, was der Typ in die Brötchen packt. Oder welcher Preis tatsächlich der fairste ist. Oder das Produkt wirklich das beste. Was einer der Gründe gewesen sein dürfte, warum kürzlich erst Foodwatch eingerichtet worden ist. Weil die Lebensmittelindustrie natürlich alles daran setzen noch die letzte ungesunde, überteuerte Zucker-, Fett- und Glutamatplörre als “wertvoll”, “gesund” und “aus besten Zutaten hergestellt”  hinzustellen. Und alles daran setzt, um etwa die Lebensmittelampel zu verhindern – zum Wohle des Verbrauchers, versteht sich.

2. Marktmacht
Das Informationsdefizit kann sowohl die Qualität der Waren als auch die Preise derselben betreffen. Im letzteren Fall liegt dann möglicherweise ein Monopol vor, also die marktbeherrschende Stellung eines einzelnen Unternehmens. In einem solchen Fall ist es schwer für den Konsumenten, faire Preise am Markt zu erzielen, weil das eine (oder – in einem Oligopol – die wenigen) Unternehmen die Macht haben, die Preise selbst festzusetzen – und nicht über den Markt ermitteln zu lassen. Etwa wenn die Ölkonzerne pünktlich zur Ferienzeit und eigenartigerweise zeitgleich die Preise erhöhen. Und der eigentlich nur dem Namen nach deregulierte deutsche Strommarkt dafür sorgt, dass die Deutschen europaweit den zweihöchsten Strompreis zahlen. Derlei Effekte glauben die Wirtschaftsliberalen mittels des Marktes ausschalten zu können. Wobei man sich dann nur fragt, warum es dann überhaupt Lobbyismus gibt. Wenn der Markt doch alles regelt. Hätte der Herr von Finck der FDP doch überhaupt kein Geld zahlen müssen. Tja, grau ist alle Theorie.

3. Volkswirtschaftliche Aspekte
Bei all den Überlegungen darf man eine entscheidende Sache nicht vergessen. Märkte existieren nicht isoliert, sondern sind in gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge eingebunden. Staaten greifen aktiv ins Marktgeschehen ein, weil sie volkswirtschaftliche Interessen zu berücksichtigen haben. So subventionieren sie etwa Wirtschaftsbereiche wie in Deutschland etwa die Agrarwirtschaft oder verhindern gezielt Wettbewerb (bspw. durch Buchpreisbindung), wenn sie glauben, dass es volkswirtschaftlich geboten ist. Andererseits kommen sie auch für die Kosten auf, die die Unternehmen bei der Produktion ihrer Güter verursachen und für die sie nicht bezahlen (müssen), etwa wenn nicht die verursachenden Unternehmen, sondern der Staat die Kosten für die Endlagerung des Atommülls übernimmt. Oder wenn er in “Not geratene” Banken stützt. Weil durch deren Zusammenbruch ein noch größerer volkswirtschaftlicher Schaden entstehen würde als durch die Rettung verursacht.

Teufel. Da hab ich am Ende ja doch noch die Kurve zurück zu den Finanzmärkten genommen, von denen ich eigentlich reden wollte. Auch wenn wir uns damit erst beim nächsten Mal beschäftigen.

Zum 3. Teil der Serie

So ein Jammer. Da hatten wir uns in unserer schönen neuen Welt doch schon so herrlich eingerichtet! Wir haben doch schließlich den Kommunismus besiegt, und damit gezeigt, wer das richtige, das gute, das einzig wahre System auf diesem Planeten gefunden hat. Haben uns zwar von ein paar afghanischen Kameltreibern eine zeitlang ins Bockshorn jagen lassen. Ihnen dann aber doch ordentlich die Fresse poliert. Und abgesehen von ein paar Kriegen, die wir zur Verteidigung der uns zugedachten Freiheitsrechte angezettelt haben, war es doch im großen und ganzen ziemlich friedlich gewesen die letzten Jahre. Ein paar Terroranschläge, ein paar afrikanische Piraten, ein paar Drogendealer-Scharmützel in Lateinamerika – pah! Ein bisschen Schwund ist schließlich immer. Und außerdem lief es doch ganz gut, die Wirtschaft im Wachstum, die Menschen in Wohlstand, Glückseligkeit und Frieden. Und die paar Zurückgebliebenen bekamen einfach Besuch von der Supernanny oder von SAT1 eine Renovierung spendiert. Wirklich. Alles hätte so schön sein können. Und nun das!?!

Ich meine, die Jugend in den arabischen Ländern, die sich gegen die Despoten erhoben haben, die haben wir schon irgendwie unterstützt. Ist ja auch nicht in Ordnung, sein Volk zu knechten und so. So richtig getraut haben wir uns zwar nicht, uns auf die Seite der Freiheitskämpfer zu schlagen (apropos: was ist eigentlich aus dem Libyen-Krieg geworden?). Aber insgeheim sympathisiert haben wir schon mit, ähem, denen. Gut, das hat uns zwar nicht von Panzerlieferungen in ähnliche Krisenregionen abgehalten. Aber so ist das nun mal in der heutigen Welt. Alles ist so furchtbar kompliziert. Weshalb man bei derartigen Waffendeals die Öffentlichkeit am besten gar nicht informiert. Oder – wie im Zuge des Atomausstiegs – das Parlament im wahrsten Sinne des Wortes nur von der Entscheidung der Regierung in Kenntnis setzt. Ohne große Debatte und all den lästigen Schnickschnack und so. Aber ich komm vom Thema ab.

Denn nicht nur in Nordafrika und im Mittleren Osten gibt es frustrierte Jugendliche. Die sich über die Errungenschaften unserer furchtbar schönen Welt einfach nicht so richtig freuen können. Die gar nicht wissen, wie gut sie es eigentlich haben. Undankbares Pack! Sollen die mal nach Somalia fahren und fragen, wie es denen da unten geht! Nun gut, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von europaweit gut 20% kann man den Frust schon ein wenig verstehen. Zumal etwa Spanien fast jeder zweite junge Mensch ohne Arbeit dasteht. Als ob man was daran ändern könnte! Als ob jemand Schuld sei an dieser so genannten Finanzkrise. Aber vielleicht ist das ja auch einfach die spätrömische Dekadenz, von der unser seltsamerweise-immer-noch-Außenminister vor gut einem Jahr schwadronierte. Oder, frei nach Jean-Jacques Rousseau (und fälschlicherweise Marie-Antoinette zugeschrieben): Wenn sie nix zu tun haben, sollen sie doch arbeiten gehen!

Und immer noch kann man die auf den Madrider Plätzen herumlungernden Tagediebe ja irgendwie noch verstehen. Denn wo wären wir bloß, wenn man nicht seinen Unmut zum Ausdruck bringen dürfte. Wenn sich da nicht jetzt auch noch die Engländer eingemischt hätten. Was haben die überhaupt damit zu tun? Die haben ja nicht mal den Euro. Und außerdem: von den Franzosen kennt man das ja, dass da alle Nase lang die Vorstädte brennen. Die haben die Revolution ja praktisch in den Genen liegen. Aber die Tommies? Und dann auch noch brandschatzend und plündernd? Also, die Queen wird das sicherlich überhaupt nicht amusen.

Also, wenn wir es genau nehmen, hat ja alles schon vor gut einem Jahr angefangen. Im November stürmten Studenten die Tory-Zentrale in London. Im Dezember griffen Vermummte das Auto von Thronfolger Charles an. Das hätte ja eigentlich schon zu denken geben müssen. Aber vielleicht hat das ja auch alles gar nichts miteinander zu tun. Schließlich sind doch bei den jüngsten Ausschreitungen überall auf der Insel nur irgendwelche Chaoten am Werk, die anscheinend gar nicht so recht wissen, was sie da tun und vor allem – warum? Warum nur? Nun weil Polizisten einen Mann aus Versehen erschossen? Naja, das ist echt tragisch. Aber darf ja wohl mal vorkommen. Fehler passieren schließlich. Und sind noch lange kein Grund zu randalieren und ganze Straßenzüge in Schutt und Asche zu legen.

Es gibt sicherlich nicht eine singuläre Erklärung für diesen scheinbaren Ausbruch der Gewalt. Ebenso wenig wie es sicherlich nicht die eine homogene Gruppe an Aufständischen gibt. Es ist zwar eine gewagte These, aber es ist nicht unsinnig anzunehmen, dass verschiedene Personengruppen mit verschiedenen Motiven für die Gesamtheit aller Vorkommnisse der letzten Tage verantwortlich sind. So ist fraglich, ob diejenigen, die die Sony-Lagerhalle in Brand setzten, dieselben sind, die einen verletzt am Boden liegenden Teenager ausrauben. Und ob die Vielzahl an Plünderungen allein von Kriminellen begangen wurden oder doch zumindest zum Teil von irgendwelchen Kindsköpfen, die sich von der Stimmung der Straße haben anstecken lassen. Und auch wenn es keine klare politische Botschaft der Randalierenden gibt, keine konkreten Forderungen und womöglich nicht einmal einen richtigen Anlass, der diese Ausschreitungen rechtfertigt, bleibt die Frage, ob es nicht einfach die Unzufriedenheit mit dem System ist, das – ausgelöst durch die Finanzkrise – gerade die Schwächsten zu Verlierern machte, während die “eigentlichen” Verursacher der Krise zugleich die höchsten Einkommenszuwächse seit einem Jahrzehnt verbuchen konnten.

“Wir zeigen den reichen Leuten, dass wir tun können, was wir wollen”, hat ein Mädchen, ein weißes sogar, der BBC als Begründung für die Unruhen genannt. Das ist keine politische Agenda. Nichts, was verbunden wäre mit irgendwelchen Forderungen. Bloße Ohnmacht gegenüber einer Gesellschaft, die sich fast schon damit angefreundet hatte. Dass alles so schön geworden war.