Archive for the ‘Politik und so’ Category

Na ja, das altbekannte Sommerloch erreich langsam seinen Höhepunkt. Und da es wettertechnisch ziemlich trüb aussieht, und die nachrichtentechnischen Knüller – von Hungerkatastrophe bis Schuldenkrise – sowohl auf den Magen als auch aufs Gemüt schlagen, trifft es sich gut, dass das Landgericht Frankfurt das Urteil gesprochen und dem Kindermörder Magnus Gäfgen 3000 Euro zugesprochen hat. Wir erinnern uns: Gäffgen hatte im Jahr 2002 ein Kind entführt und umgebracht und von den Eltern 1.000.000 Euro erpresst. Nach seiner Festnahme verweigerte er die Aussage zum Verbleib des Kindes – von dem die verhörenden Beamten dachten, dass es zum Zeitpunkt der Ermittlungen noch lebte. Erst nachdem die Polizisten Gäfgen mit massiver Gewalt gedroht hatten, gestand dieser den Mord an dem Kind, und wurde schlussendlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Aus der Haft allerdings heraus klagte Gäfgen ob der Folterandrohung gegen die verantwortlichen Polizeibeamten und erwirkte eine Verurteilung des die Vernehmungen leitenden Hauptkommissars. Sowie nun zusätzlich eine Entschädigung von 3.00 Euro, die das Landgericht Frankfurt ihm im heute beendeten Prozess zugebilligt hat. Nun wäre ist das Alles zwar ziemlich ungeheuerlich und die Kaltschnäuzigkeit, die dieser Kerl an den Tag legt ist schier unvorstellbar. Das ganze wäre jedoch kaum wert, in einem extra Blog beschrieben zu werden. Wenn nicht die Reaktionen auf das Gäfgen zugestandene Geld erwartungsgemäß empörend ausgefallen wären.

“Jemand, der sich auf Todesangst beruft wegen einer Androhung, der muss sich mal überlegen, was das Kind erlitten hat, das er letztlich dann dem Tode zugeführt hat”, sagte etwa der Sprecher der Opferhilfe-Organisation Weißer Ring, und dass das Urteil ”sehr stark an dem Rechtsempfinden der Menschen” rühre. Und der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach erklärt: “Dass hier ein Mörder eine Entschädigung bekommt, ist für mich völlig unverständlich” Völlig unverständlich. Soso.

Ich verstehe natürlich, dass so eine Gerichtsentscheidung auf Unverständnis stößt. Ebenso wie es manchen Menschen vielleicht nicht erklärbar ist, wieso Kinderschänder nicht nachträglich lebenslange Sicherheitsverwahrung aufgebrummt bekommen dürfen – zumal sie womöglich nach wie vor eine Gefährdung für die Allgemeinheit darstellen. Das allerdings ist Ausdruck unseres Rechtsstaats. Ein notwendiges “Übel”, das man in Kauf zu nehmen hat, weil wir uns an für alle verbindliche Regeln halten müssen, die einfach für jeden gelten, ohne Ausnahme. Ich kann und will das gar nicht noch genauer oder beispielhafter erklären, weil das so dermaßen offensichtlich ist, dass eine tiefgehendere Betrachtung mich unendlich langweilt.

Und auch wenn ich grade das Verhalten der Vertreter des Weißen Rings nachvollziehen kann, weil diese vermutlich gar persönlich betroffen sind. Kann ich mir die unsägliche Aussage des Herrn Bosbach, der immerhin Vorsitzender des Innenausschusses ist, nur als Sommerlochs-Gelaber erklären. Weil ich sie ansonsten als unfassbar schädlich und zersetzend einstufen müssen – sowohl für unsere Demokratie. Als auch für unsere Verfassung.

Dass Zinsen für einen de facto unkontrollierbaren Anstieg der (nominalen) Geldmenge führen muss, habe ich, denke ich, hier schon einige Male thematisiert. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich auf einen anderen wesentlichen Aspekt unseres Zinssystems eingegangen bin, der womöglich noch subtiler gegen uns alle arbeitet als die unaufhörliche Verschuldung – die auch niemand zu so richtig zu begreifen scheint, obwohl sie inzwischen offensichtlich ist.

Dieser Aspekt bezieht sich auf den Zwang zur Kurzfristigkeit, zu dem uns die Existenz des Zinses derart massiv drängt, dass diese Kurzfristigkeit (und wahrscheinlich auf Kurzsichtigkeit) ein allgemeiner Teil unseres Lebens geworden ist. Und auch wenn Politiker und sonstige Interessengruppen gerne von Nachhaltigkeit schwadronieren und davon, die “Weichen für die Zukunft zu stellen” ist unser System überhaupt nicht darauf ausgelegt.

Denn das Zinssystem unterliegt dem Prinzip der Diskontierung oder Abzinsung, mit deren Hilfe man den Wert einer zukünftigen Auszahlung ermittelt. Wikipedia schreibt folgendes dazu: “Auf Grund der Existenz von Zinsen hat derselbe Geldbetrag einen um so höheren Wert, je früher man ihn erhält.” Na, sieh mal einer an. Heutiges Geld ist mehr wert als zukünftiges. Ziemlich einleuchtend.

Denn wenn ich die Wahl habe, sagen wir: 100 Euro heute zu bekommen oder erst in einem Jahr, dann werde ich selbstverständlich die 100 Euro heute nehmen, und das nicht nur, weil mir das Geld sofort zur Verfügung steht und ich mich damit heute noch voll laufen lassen kann. Nein, auch weil ich das Geld anlegen und dafür Zinsen kassieren kann, sind 100 Euro heute mehr wert als bspw. in einem Jahr. Bei 5% Verzinsung nämlich 105 Euro, um genau zu sein. Umgekehrt sind 100 Euro in einem Jahr heute nur 95,23 Euro wert – wenn man einen Zinssatz von 5% unterstellt.

Mag das der Grund sein, warum sich außer ein paar Versprengten niemand ernsthaft um die Zukunft des Planeten kümmert? Ich mein, sorgen tun wir uns ja alle irgendwie bei all den schlechten Nachrichten? Und selbst ein paar ultrafundamentalistische Christen werden sich angesichts der die weite Teile der USA beherrschenden Hitzewelle wohl in einer stille fragen, ob die Sache mit der globalen Erwärmung wirklich nur ein Hirngespenst irgendwelcher spinnerten Professoren ist.

Ich will nicht spekulieren. Es sind noch andere Faktoren für dieses unsägliche Verhalten verantwortlich, das unsere Erde so allmählich den Ausguss runterspült. Das Principal-Agent-Prinzip zum Beispiel. Daher zum Abschluss nur eine kleine Anekdote, von der ich glaube, dass sie hier irgendwie hingehört: In England, Frankreich und den Niederlanden gab es eine zeitlang eine Steuer, die ein Eigentümer auf die zu seiner Wohnung gehörenden Fenster zu zahlen hatte, die so genannte Fenstersteuer.

Ist schon seltsam, oder? Man verlangt Gebühren für die Anzahl der Fenster eines Gebäudes. Und die Menschen beginnen, ihre Häuser zuzumauern.

Krise, Krise, Krise. Mittlerweile pfeifen es selbst die Spatzen von den Dächern. Bei den nicht verstummenden Hiobsbotschaften – wahlweise aus Griechenland, Spanien, Italien, Japan und natürlich den USA – ist man sich irgendwie nicht mehr sicher, in welcher Phase dieser Krise wir eigentlich stecken oder ob sich eine Krise durch eine andere ablöst oder mehrere Krisen sich gleichzeitig abspielen oder sich die Klinke in die Hand geben. Und damit rede ich nicht mal von Fukushima.

Also, um einmal die Frage zu stellen: Sind wir immer noch in der als Finanzkrise betitelten Krise, oder ist diese überwunden und die Griechenland-Krise ist unabhängig davon zu sehen?  Ich meine, die Finanzkrise zumindest scheint ausgestanden, angesichts der Tatsache, dass etwa JP Morgan schon im letzten Jahr wieder Milliardengewinne eigestrichen hat, und Citigroup und Deutsche Bank bombastische Quartalszahlen verkünden. Im Fall der Deutschen Bank gar die zweithöchsten Quartalsgewinne ihrer Geschichte.

Angesichts dieser Nachrichten wundert man sich dann doch, warum man selbst nicht das Gefühl hat, die Krise sei tatsächlich zu Ende gegangen. Vielleicht liegt es daran, dass die Staaten den Banken im Zuge der sogenannten Finanzkrise – quasi als Notfallplan – Staatshilfen in Höhe von 4.000.000.000.000 (4 Billionen) Euro garantierten – von denen die Banken tatsächlich knapp 1.000.000.000.000 (exakt 994 Milliarden) in Anspruch nahmen. Na, ist doch herrlich. Die Finanzkrise wurde behoben durch den massiven Eingriff der Staaten (zu den Billionen für die Bankenrettung kommen noch gut 2 Billionen für Konjunkturprogramme wie etwa  die sogenannte Abwrackprämie hinzu) mit dem Ziel, Banken und Unternehmen vor dem Konkurs zu bewahren. Und nun stehen die Banken (und mit ihnen viele andere Unternehmen) wieder glänzend da. Nur die Staaten taumeln einer nach dem anderen langsam aber mit Gewissheit in Richtung Staatsbankrott.

Es ist nicht zweckdienlich gegen die Bankenrettung zu polemisieren, was angesichts anderer Schlagzeilen wie etwa der, dass die Nettoeinkommen von Arbeitnehmern in den letzten Jahren real gesunken sind und Superreiche in den USA reicher und immer reicher werden. Die Bankenrettung war sinnvoll, da es wohl noch schlimmer gekommen wäre mit der Weltwirtschaft, wenn im Zuge der Krise noch mehr Banken und Unternehmen Konkurs gegangen wären. Weil die weltwirtschaftlichen Folgen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit noch drastischer verlaufen wären als ohnehin schon. Der Denkfehler an diesen Entscheidungen ist, dass sie alle darauf abzielen, ein sterbendes System zu retten. Was – und auch das ist mathematische Gewissheit – schlicht nicht zu retten ist.

Entsprechend ist das Ende bereits abzusehen. Weil keine Lösung in Sicht außer neue Schulden aufzunehmen. Und selbst, wenn sich die USA dazu durchringen werden (was sicherlich passiert), die Schuldengrenze (wieder einmal) anzuheben – was ist dann in ein paar Jahren? Welches Konzept haben die Politiker und Wirtschaftswaisen aller Länder überhaupt, um Griechenland finanziell zu befrieden? Oder Italien? Oder andere Wackelkandidaten wie Spanien und Irland? Sparen? Wenns hilft. In der Finanzkrise haben sie das Geld noch mit vollen Händen ausgegeben. Aber vielleicht kommen ja irgendwann die Banken, um die Staaten zu retten bevor diese bankrott gehen, quasi um sich zu revanchieren. Was nicht sonderlich wahrscheinlich ist. Weil sie erstens nicht über das nötige Kleingeld verfügen um was weiß ich wie viele Staaten vor dem bankrott zu bewahren. Und wir zweitens beim nächsten Mal alle zusammen untergehen.

Müsste ich zwei nicht zu akzeptierende Missverständnisse unserer Welt benennen, so wären das (wer hätte das gedacht) natürlich Zins und die Pfadabhängigkeit. Der eine ist der zugrundeliegende Denkfehler unseres Systems, der nicht nur hauptverantwortlich ist für die Griechenlandkrise und die drohende Zahlungsunfähigkeit von Staaten wie den USA oder nun auch noch Italien. Immer schön an den Goldklumpen denken! Sondern auch dafür sorgt, dass wir mit der Präzision eines Uhrwerks die Meere leer fischen, die Wälder abholzen und sonst alles verschmutzen, was nicht genug Ertrag abwirft. Die Pfadabhängigkeit (oder auch Institutionalisierung) hingegen ist der Grund, warum wir überhaupt in diesem ziemlich unausgegorenen Gesellschaftssystem leben. Und warum es uns so schwer fällt, auch nur Kleinigkeiten daran und darin zu verändern. Da muss schon ein japanischer Reaktor in die Luft fliegen oder ein Weltkrieg ausbrechen, eh überhaupt etwas passiert.

Die Gründe für diesen Unwillen sind relativ schnell gefunden und werden wissenschaftlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert. So ist es etwa mit erheblichen (persönlichen wie finanziellen) Kosten verbunden, ein vermeintlich funktionierendes System zu verändern oder – spieltheoretisch ausgedrückt – die Strategie zu wechseln. Schließlich weiß man ja nicht, ob sich der Wechsel lohnt, die Zukunft ist schließlich ein wankelmütig Ding, und wer weiß – am Ende steht man womöglich schlechter da also vorher. Daher: besser Kopf einziehen und weitermachen wie bisher. So schlimm wirds am Ende schon nicht werden. Hinzu kommt, dass Kosten und Nutzen einer Entscheidung nicht immer denselben Menschen angelastet werden bzw. zugute kommen, was die Risikobereitschaft und vor allem den Willen zur Veränderung erheblich mindert. Wenn etwa – um beim Fukushima-Beispiel zu bleiben – die Erträge aus der Kernenergie einem Konzern (also Stromanbieter) zugute kommen, im Fall einer Havarie aber die Gesellschaft als ganze die Kosten für Schäden zu tragen hat, bitte wer glaubt dann ernsthaft, dass die Chefs dieser Konzerne ein gleichwie geartetes Interesse haben, nach neuen, gemeinverträglichen Alternativen zu suchen? Oder die Banken. Die nicht erst vor der Finanzkrise bereitwillig hochriskante Geschäft abschlossen, weil dort natürlich der (individuelle) Ertrag am höchsten ist. Um sich, nach dem Zusammenbruch ganzer Märkte, von den Staaten helfen zu lassen, weil die Kosten für die trudelnde Wirtschaft besser von der ganzen Gesellschaft getragen werden sollte. Geht ja schließlich uns alle an, wenn die Banken in Schwierigkeiten stecken.

Wie bereits erwähnt werden diese Phänomene grundsätzlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert, speziell durch die Transaktionskostentheorie, die Theorie der Verfügungsrechte und die Prinzipal-Agent-Theorie. Und doch vermögen es diese Theorien allein nicht, das Problem der Pfadabhängigkeit zu erklären. Insbesondere, wenn es sich nicht auf wirtschaftliche, sondern auf ideelle Aspekte des Lebens bezieht. So ist bspw. fraglich, warum eine ziemlich große Zahl von Leuten die Bibel als unumstößliches Wort Gottes ansehen, an dem in keiner Zeile gezweifelt werden darf. Und warum diese Menschen wissenschaftliche Fakten – wie etwa die Entstehungsgeschichte des Universums – ignorieren, etwa weil in der Bibel steht, dass Gott die Erde an sechs Tagen erschaffen hat. Ebenso wie sie vor ein paar hundert Jahren geglaubt haben, dass die Erde eine Scheibe ist. Oder, um es allgemeiner auszudrücken, warum man so ein Buch wie die Bibel dazu heranzieht, um eben jene Lebensweise zu rechtfertigen – oder einzufordern! – die man sich in den Kopf gesetzt hat.

Natürlich ist für ein solches Denken – das sich viele Radikale, gleich welcher Ideologie, zu eigen machen – die Angst verantwortlich, in einer sich verändernden Welt am Ende schlechter dazustehen als vorher. Ebenso wie es die Ungleichverteilung von Kosten und Nutzen so unglaublich einfach macht, junge Menschen für seine Weltsicht in den Tod zu schicken, während man selbst irgendwo rumsitzt und kluge Reden über gottesfürchtiges (!) Leben schwingt. Und doch gibt es meines Erachtens noch einen anderen Grund, warum wir alle so befremdlich sind was unsere ureigensten Überzeugungen angeht: Eitelkeit. Dieses seltsame Ding, das in uns steckt und leicht mit Stolz und Ehre verwechselt werden kann und wird. Und uns oft genug daran hindert uns einzugestehen, dass wir im Unrecht waren. Und womöglich immer noch sind. Ebenso wie vielleicht schon unsere Väter im Unrecht waren. Und deren Väter. Gott bewahre. Also das geht eindeutig zu weit. Auf meine Familien lass ich nichts kommen. Und schließlich steht doch in der Bibel schon zu lesen, dass wir das auserwählte Volk sind. Was ich bis aufs Blut und mit meinem Leben zu verteidigen suche. Koste es was es wolle.

Wer den Sumpf trocken legen will, darf die Frösche nicht fragen.
Elmar Schmähling

Ich frag mich ehrlich nach der Absicht, die die ganzen Apologeten des Systems dazu treibt das zu tun, was sie tun. Was für ein tieferer Sinn hinter ihrem Handeln steckt. Und wie beschränkt das menschliche Denken überhaupt sein kann, wenn selbst vermeintlich hochgescheite Köpfe wie die Mitglieder des Sachverständigenrats oder der Leiter des ifo-Instituts mit dem bezeichnenden Namen Hans-Werner Sinn von dieser Beschränktheit erfasst werden. Letzterer hat erst heute davor gewarnt, dass die deutschen Hilfsleistungen für Griechenland die ebenso deutschen Renten gefährdeten. Wie putzig. Als würde das irgendjemandem weiterhelfen. Da stellt man sich dann doch die Frage, was diese Mahnung bezwecken soll. Wolfgang Wiegert, einer der so genannten Wirtschaftsweisen, hat zumindest eine Lösung parat, nämlich Schuldenerlass und die Beteiligung der Gläubiger an der Rettung Griechenlands, nebst verordnetem Sparkurs für das geplagte Land, der – so der Wirtschaftswaise – kaum ohne soziale Probleme ablaufen wird. Fazit: “Es wird also sehr schwierig werden“. Ach nein. Und ich dachte, das wäre es schon längst.

Blickt man in die andere Richtung, etwa zu den Linken, dann ist diese mit den verabschiedeten Maßnahmen der Bundesregierung erwartungsgemäß überhaupt nicht einverstanden. Bei den Bolschewiki will man selbstredend alle Lasten der Griechenland-Entlastung den Banken aufbürden. Oder auch den griechischen Wehretat zusammenstreichen, was auch nicht weiter überrascht. Ich bring leider nicht die Kraft auf das langweilige Geseire zu den Thema auf der Website der Linken zu lesen. Doch ich denke mir mal so, dass die ein oder andere Verstaatlichung von irgendetwas auch ein Vorschlag ist, der von den Linken in Zusammenhang mit der Griechenland-Krise diskutiert wird. Vielleicht hüten sie sich auch davor das Wort Verstaatlichung zu benennen, klingt ja immer auch ein bisschen nach Stalin und Mauer und Große Säuberung und so. Man weiß es nicht. Und – zumindest was mich angeht – interessiert es auch nicht weiter. Ebenso wenig wie das Verhalten der SPD – die vermutlich froh sind, dass sie keine Regierungsverantwortung innehat. Aber – natürlich – das Vorgehen der Kanzlerin scharf kritisiert. Kann ja nicht schaden. Auch wenn ich mir damit immer noch nicht beantworten konnte, was all diese Klugschwätzer mit ihrem Gefasel denn nun bezwecken wollen. Was für ein Ziel sie verfolgen.

Was sollen wir denn tun, um die deutschen Renten zu retten, Herr Sinn? Griechenland nicht helfen? Was sollen wir denn gegen die bereits voll im Gang befindlichen Unruhen in Griechenland tun, Herr Wiegert? Griechenland einfach so weiter machen lassen wie bisher? Und wenn ich jetzt Frau Merkel die Frage stellen würde, wie sie denn gedenkt von unserem eigenen, deutschen Schuldenberg herunterzukommen, der ja durch die “Rettung” Griechenlands noch weiter anwachsen wird? Ob ich ernsthaft glaube, dass die Kanzlerin das nicht wüsste? Nicht wenigstens das? Und ob es etwas helfen würde, den griechischen Wehretat zusammenzustreichen? Natürlich, eine zeitlang. Ebenso wie es hilft, Rentnern und Beamten die Bezüge zu kürzen. Hilft sicher auch. Eine zeitlang. Auch wenn am Ende nicht so recht klar geworden ist, wem damit geholfen wurde.

Ich muss gestehen, dass ich immer noch ein wenig konsterniert bin von den Berechnungen in meinem letzten Artikel. Schließlich ist der Goldklumpen um einiges schneller auf die Größe des Universums aufgebläht, als es dauert mit Lichtgeschwindigkeit durch selbiges hindurchzufliegen. Kurz gesagt verdoppelt sich – legt man einen Zinsfuß von 5% zugrunde – das eingesetzte Kapital alle 14,2 Jahre. Entsprechend verhält es sich mit dem Kapital und Zins genauso wie in dem Gleichnis von Schachbrett und dem Reiskorn, das durch die Verdopplung nach 64 Felder auf die 800-fache jährliche weltweite Reisproduktion angewachsen ist. In unserem Beispiel bedeuten die 2000 Jahre demnach eine rund 140fache Verdopplung des eingesetzten Kapitals. Statt “bloß” eine  64fache Verdopplung wie im Schachbrett-Gleichnis. Was wirklich jedem einleuchten sollte, dass das Alles nicht funktionieren kann.

Umso erstaunlicher allerdings, dass dieser elementaren Fehler unseres Wirtschaftssystems nur so wenigen überhaupt bewusst ist. Und er auch nicht – und damit meine ich überhaupt nicht – thematisiert wird. Nun, da sich die Zeichen mehren, dass sich das System als Ganzes allmählich dem Ende nähert, wird darüber diskutiert, ob die Griechen zuviel Rente kassieren oder vielleicht weniger Urlaub machen sollten. Oder man nicht selber öfter Urlaub in Spanien machen sollte, um auf diesem Weg die spanische Wirtschaft ein wenig zu päppeln. Was die USA tun müssen, um nicht als nächstes Land unter der Last der Schulden zusammenzubrechen. Und was überhaupt aus Deutschland und den anderen, vermeintlich gut dastehenden Ländern werden soll, die sich – trotz guter Konjunktur wie es so schön heißt –  Jahr für Jahr weiter verschulden. Müssen. Das ist ein echtes Mysterium. Dass alle dem Kaiser – in diesem Fall unser Wirtschaftssystem – dabei zusehen wie er nackt über den Marktplatz flaniert. Und alle sich einreden, dass seine Kleider wahrlich die schönsten sein müssen. Weil sie uns schließlich den Luxus von iPad, HDTV und Pauschaltourismus gebracht haben. Und niemand sich klar macht, dass den Goldklumpen vom Ende des Universums niemand zu Schlagen imstande ist. Selbst wenn wir alle Meere leer fischen, alle Wälder abholzen und noch den letzten Krumen Erz aus den Tiefen des Planeten kratzen, um unsere Zinsen bezahlen zu können.

Was aber wird passieren, wenn der ganze Klumpatsch – wie es absehbar ist – den Bach runter geht? Nun , da dieser Blog sich gut darin versteht, zu unken und die Zukunft als wenig rosig auszumalen, will ich einen kurzen Versuch wagen, die Zukunft zu nostradamufizieren.

Möglichkeit 1: Es passiert überhaupt nichts.
Ist zwar mathematisch unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie wie es kommt. Ein Wunder geschieht, vielleicht eine neue Technologie oder etwas derartiges, und alle Länder schaffen es, Ihre jeweiligen Staatshaushalte auszugleichen und sich zu entschulden. Und die Bürger dieser Welt leben fortan in Frieden und Glückseligkeit bis in alle Ewigkeit.

Möglichkeit 2: Das Establishment kriegt die Kurve.
Auch das ist ziemlich unwahrscheinlich, glaube ich. Schließlich sind alle – rechts wie links – so sehr damit beschäftigt, das Bestehende zu konservieren, dass es im Moment nicht danach aussieht als würde sich das in nächster Zeit grundliegend ändern. Aber man weiß ja nie. Die Zeit wird die Mächtigen schon dazu zwingen, sich eines besseren zu besinnen. Und kann ja sein, dass das alles noch rechtzeitig geschieht. Und die Menschheit ein einziges Mal zumindest nicht erst aus ihren Fehlern lernt.

Möglichkeit 3: Bürgerkrieg.
Keine verlockende Vorstellung zugegeben. Aber leider auch keine ausgeschlossene. Marodierende Horden auf dem Potsdamer Platz. Bewaffnete Aufstände rund um den Kölner Dom. Paramilitärische Einheiten, die sich Feuergefechte liefern am Stuttgarter Bahnhof. Nicht, dass die Aufständischen in Griechenland da schon adäquate Vorboten wären. Denn wenn das System zusammenbrechen sollte – global und in seiner vollen Konsequenz – werden die Zahlungsströme zum erliegen kommen. Und mit ihnen der Warenfluss. Und das in unserer Welt, die inzwischen so arbeitsteilig ist und voneinander abhängig, dass etwa in der Nordsee gefangene Krabben 6.000 Kilometer nach Afrika verschickt, um dort gepuhlt und zurück nach Deutschland geschickt zu werden. Dann kommt man plötzlich in den Supermarkt, von dem man gelernt hat, dass dort immer alle Waren zu haben sein werden, die man zum Leben braucht. Und findet die Regale leer und geplündert. Da kann man dann schon mal ins Grübeln kommen. Und auf die Idee, sich vielleicht zu bewaffnen – nur für den Fall.

Möglichkeit 4: Die Wiederholung der Geschichte (Teil 1).
Was finden die Menschen an Blendern wie Herrn Guttenberg so faszinierend? Was treibt sie in die Hände obskurer Sekten? Verleitet sie dazu radikal zu werden? In Krisenzeiten – und ich hoffe, dass ich jetzt nicht zu sehr verallgemeinere – sehnen sich Menschen oft nach einer starken Führungspersönlichkeit. Nach Ordnung. Sicherheit. Diktatur. Was hilft uns schließlich Freiheit und Grundgesetz, wenn wir nichts zu fressen haben? Weshalb man sich nicht die Frage zu stellen braucht, warum die Radikalen in den USA auf dem Vormarsch scheinen. Und in allen anderen Ländern, die stetig weiter den Bach runtergehen.

Möglichkeit 5: Die Wiederholung der Geschichte (Teil 2).
Nach der Währungsreform ist vor der Währungsreform, sacht man ja. Oder etwa nicht? Bei all den wenig attraktiven Zukunftsszenarien wäre es doch am besten, wir streichen am Ende des Tages einfach alle Schulden und machen weiter wie gehabt. Hurra! Das Leben kann so einfach sein – oder nicht? Und auch wenn es so einfach natürlich nicht geht – was ich mir zu erläutern der Kurzweil genügend an dieser Stelle schenke – ist das womöglich die wahrscheinlichste Variante. Vielleicht auch eine Mischung aus mehreren Möglichkeiten. Die Krise verschärft sich, es kommt zu Aufständen, ein Erlöser findet sich (Herr Guttenberg steht sicherlich zur Verfügung) und macht alles wieder heile. Dann kehren wir das zerschmissene Kristall zusammen. Und machen weiter wie gewohnt. Und so weiter.

Wie gewohnt.

“In was für einem Land willst Du Leben?”, hat mich gestern Abend jemand gefragt, und ich musste zu meiner Überraschung erkennen, dass dies keine so leicht zu beantwortende Frage ist, wie es zunächst den Anschein hat. Schließlich geht es ja nicht um die Frage, in welchem Land ich leben möchte – vorzugsweise in einem warmen. Wobei mir da natürlich als erstes Griechenland in den Sinn kommt. Oder Spanien. Elendes Gegurke.

Nein, grundsätzlich bin ich ziemlich zufrieden, hier in Deutschland zu wohnen. Allein, weil ich hier alles besser verstehe als in den meisten anderen Ländern dieses Planeten. Außerdem komme ich mit der deutschen Mentalität ganz gut zurecht, auch wenn mich natürlich einiges annervt. Aber das würde es sicherlich auch anderswo. Sowieso hab ich mich ziemlich daran gewöhnt, dass hier Alles einigermaßen sauber ist, es im Großen und Ganzen geordnet zugeht und Vieles schon irgendwie seine Richtigkeit hat. Und da ich ohnehin nicht so der In-Urlaub-Fahrer bin ich – wie schon gesagt – ganz zufrieden damit, dort zu sein wo ich jetzt bin. Womit zumindest die Frage nach dem wo schon einmal beantwortet wäre.

Dabei soll es ja hier eigentlich um die Beantwortung der Frage gehen, wie dieses Land, Deutschland, gemäß meinen Vorstellungen aussehen soll. Und wenn ich so darüber nachdenke, fallen mir zig Sachen ein, die mir erstmal auf den unfassbaren Keks gehen, dass ich mich ständig darüber aufregen könnte. Dass die Deutschen mir bspw. einfach zuviel meckern, zu wenig zufrieden sind mit sich und der Welt etwa. Dass Neid eine deutsche Eigenschaft und Schadenfreude ein ungemein deutsches Wort ist. Dass unser Schulsystem vor die Hunde geht und wir mit vereinten Kräften dafür Sorge tragen, dass wir in Zukunft den Anschluss an die Weltspitze verlieren werden. Dass ich das Gefühl habe, dass sich nichts verändert, dass nichts voran geht, dass es immer nur schlechter wird, und nirgendwo und in keinem Bereich eine Besserung zu sehen ist. Dass unser politisches System, das wohl hauptverantwortlich ist für die grade aufgezeigten Missstände, einfach nur erbärmlich, ineffizient und ineffektiv ist und wir von solchen Flachpfeifen und Blitzbirnen regiert werden, dass man sich ernsthaft wundern muss, dass der Karren nicht längst gegen die Wand gefahren ist.

Nun frage ich mich doch, warum ich nicht auswandere. Deutschland, seine Sprache, und all die lieb gewonnenen Dinge hin oder her. Wahrscheinlich, weil ich einfach nicht wüsste, wo ich hingehen sollte. Schließlich sieht es in anderen Ländern ja auch nicht besser aus. In den meisten vermutlich sogar noch schlimmer. Oder möchte einer ernsthaft mit einem US-Amerikaner tauschen? Ich unter keinen Umständen, vielen Dank. Womit mich das ganze Geschwafel immer noch nicht zur Beantwortung der Frage geführt hat, in was für einem Land ich denn nun leben will?

Eins mit niedrigen Steuern, versteht sich. Mit guten Schulen, natürlich. Sicheren Straßen. Schönen Gebäuden. Freundlichen Menschen. In dem es genug Arbeit gibt für alle. Ein tolerantes, offenes Land, in dem sich alle zu benehmen wissen. Und sich Samstags abends treffen, um gemeinsam unterm Gemeindebaum Ringelpietz mit Anfassen zu spielen. Hach, wie schön ist Panama.

Nein, jetzt mal ehrlich. Es ist wirklich keine leicht zu beantwortende Frage. In was für einem Land willst Du leben? Und auch, wenn das ein ziemlich unbefriedigendes Ende ist. Werde ich es vielleicht herausfinden. Für mich zumindest.

Es ist spät oder vielleicht doch eher früh und mir ist nach ein wenig Polemik, weil ich im Moment keine Lust habe, meine Gedanken über die Maßen auf ein staatstragendes Thema zu konzentrieren. Also mal sehen.

Heißt es nicht: Aus Schaden wird man klug? Und dass erst etwas passieren muss wie das Reaktorunglück in Fukushima oder die so genannte Finanzkrise bevor sich etwas ändert? Und dass wir den jahrzehntelangen Frieden in Europa hauptsächlich dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken haben und den vielen Millionen Toten, die die Überlebenden dazu gebracht hat zu sagen: Nie wieder! Und so weiter und so fort.

Und die Beispiele scheinen tatsächlich zu belegen, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Schließlich haben sich die Politiker durch die Rettung der Banken nicht ganz so dämlich (oder unwissend) angestellt wie jene Verantwortlichen, die beim weltweiten Zusammenbruch von 1929 den Dingen im Großen und Ganzen ihren Lauf ließen, dass die sich abzeichnende Depression sich ungehindert ausbreiten konnte. Und nicht zuletzt auch Mitursache war für die Erstarkung radikaler politischer Kräfte in Europa, allen voran natürlich der Adi und seine Gurkentruppe. Aber ich schweife ab. Denn neben den Rettungspaketen und -schirmen für Banken und Staaten, die zur Abwehr der so genannten Krise geschnürt und aufgespannt wurden, ist man nach der erschütternden Katastrophe in Japan auch gleich dazu übergegangen, zumindest in Deutschland ein paar Atom-Meiler vom Netz zu nehmen, obwohl man vor ein paar Wochen die Verlängerung der AKW-Laufzeiten für unerlässlich angesehen hat. Sicher ist jedenfalls sicher. Und man kann ja auch aus dem Schaden der anderen klug werden.

Also alles in Butter, oder? Der Krieg beendet, die Finanzkrise abgewendet, etwaige Störgrößen beseitigt. Und auch wenn sich die Deutschen unverständlicherweise aus den Kamphandlungen in Libyen raushalten, ist das Eingreifen einiger Nato-Staaten womöglich Beleg dafür, dass die Weltgemeinschaft nicht mehr dieselben Fehler zu tun gewillt ist wie etwa in Srebrenica 1995. Na wenns so einfach wäre. Ich habe nämlich überhaupt nicht das Gefühl, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Und das nicht nur im globalgalaktischen Sinne. Sondern in Bezug auf jeden von uns.

In einer Kurzgeschichte von Stephen King wird von einem Kaninchen erzählt, dass zu Anschauungszwecken in einem Käfig lebt, der unter Strom gesetzt werden kann. Und immer, wenn das Tier fressen will, wird ihm ein schmerzhafter Schlag verpasst. Was – entsprechend der Geschichte – dazu führen dürfte, dass das Kaninchen irgendwann vor seinem Napf verhungert, weil es gelernt hat Fressen mit Schmerzen gleichzusetzen, den es so gut es kann zu vermeiden sucht. So weit, so grausam. Und was hat das Alles jetzt mit irgendetwas zu tun?

Das Kaninchen versteht nicht, was passiert, es erfährt lediglich, dass es höllisch weh tut, wenn es fressen will. Und auch wenn es es sich nicht erklären kann und spürt, dass es fressen muss, um zu überleben, wird es vor dem Napf verhungern, wenn der Schmerz nur stark genug ist. Es wird sprichwörtlich aus Schaden klug, auch wenn die Klugheit darin besteht, vor einem Berg von Leckereien zu verhungern. Ist der Mensch tatsächlich so? So konsequent in der Vermeidung von Fehlern, die er einmal gemacht hat? Ich denke nicht. Dafür sind wir einfach zu, ähem, klug. Leider muss man manchmal noch hinzufügen.

Wir beschwichtigen, interpretieren, mutmaßen, ignorieren Tatsachen, verdrehen Logik und Dinge, wie sie tatsächlich passiert sind, erscheinen in unserer Erinnerung völlig anders. Wir ist eitel, borniert, wollen uns Fehler nicht eingestehen bis zu Lächerlichkeit, leugnen selbst dann noch, dass wir daneben gelegen haben, wenn man uns das Gegenteil bewiesen hat. Wir weigern uns, Tatsachen zu akzeptieren, blenden sie aus und verhöhnen unsere Gegenspieler, ganz gleich was sie sagen und ob sie Recht haben oder nicht. Und wir sind derart selbstgerecht, dass wir mit Leichtigkeit ein Dutzend Fehler aufzählen können, die uns bei anderen sofort ins Auge springen, und finden kaum etwas, was es an uns zu kritisieren gäbe. Warum auch? Weil wir verflucht hörig sind vielleicht. Und maßlos. Eitel. Und träge. Und gewillt, uns so was von selbst in die Tasche zu lügen, nur damit wir uns – und vor allem anderen – nicht eingestehen müssen, dass wir im Unrecht waren. Und sind. Warum auch? Die anderen hat schließlich niemand um ihre Meinung gebeten.

Es gibt noch eine Geschichte, eine nette, keine so brutale mit gefolterten Kaninchen und so weiter. Das auf Aristoteles zurückgehende Gleichnis von Buridans Esel. Der zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen sitzt und sich für keinen der beiden entscheiden kann. Das Ergebnis ist allerdings dasselbe wie bei dem Kaninchen: Der Esel verhungert schließlich. Und so sind wir Menschen. Eine Horde dämlicher Esel.

Nun ist er weg, der KTG, und schneller als erwartet. Nein, jetzt mal im Ernst. Wer hätte noch vor gut einer Woche gedacht, dass der vielleicht immer noch beliebteste Politiker des Landes so schnell sein Hut zu nehmen gezwungen wird. Ich jedenfalls nicht. Und wohl sicher nicht die Hunderttausende, die sich vor allem auf Facebook über die Schnutz-Kampagne gegen den (Ex-)Verteidigungsminister echauffieren und wortstark dessen Rückkehr in die Politik fordern.

“Ich war empört über alle Statements seitens SPD…”, schreibt etwa eine Stefanie Sch. vor dem Rücktritt auf der Seite http://www.facebook.com/ProGuttenberg:”Was ist heute noch wichtig und zählt Leistung,Engagement und Persönliche Werte garnichts mehr? Scheinbar ist es wichtiger sich über Nichtigkeiten aus zu lassen und Dinge so zu puschen,dass man aus dem Ursprung der harmlos war,ne Katastrophe macht…” Und ein gewisser Tscharlie H. ist der Meinung: “ich frage mich wurde denn seine doktorarbeit nicht geprüft von der UNI Bayreuth, denn dann hätten sie ihm den doktortitel nicht geben dürfen jetzt hinterher sagen wir nehmen ihm den doktortitel , na ja schon etwas fragwürdig.” Und Hannes S. vermutet gar eine ernsthafte Verschwörung hinter der Plagiatsaffäre: “Achso, man bedenke zusätzlich, dass Insiderberichte aus verschiedenen Universitäten vorliegen, in denen angesprochen wird, dass einer Vielzahl von Promovierten der Doktortitel enzogen werden würde, wenn man sie genau wie Herrn Guttenberg prüfen würde…Komisch oder…die Prominenz und Konkurrenz wird schön geprüft…die anderen lachen sich derweil warscheinlich kaputt…”

Auch nach dem Rücktritt ändert sich an der Sichtweise der Unterstützer nur wenig. Christian S. etwa schreibt auf der Facebook-Seite Wir wollen Guttenberg zurück: “So, das muss jetzt echt mal raus: Ich bin ein Fan, so! Solche Menschen braucht das Land, Plagiate/Duplikate hin oder her – okay, er hat die Medien beeinflusst, sogar nachhaltig – in meinen Augen hat er Deutschland, ja sogar die Welt, besser gemacht! Ich will ihn zurück! Das musste mal gesagt werden.” Was möglicherweise ironisch gemeint ist, Thomas K. dennoch zu dem Kommentar hinreißt: “ch stimme Christian voll inhaltlich zu – auch ich finde, dass unserer Land – ja die ganze Welt – noch mehr von solchen Leuten gut gebrauchen könnte… aber in der heutigen Zeit haben es solche Lichtgestalten sehr schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden…” Und auch, wenn die Kommentare inzwischen immer wieder durchsetzt werden von Guttenberg-kritischen Stimmen (die vor dem Rücktritt mehrmals von der Seite gelöscht wurden) bleibt der Tenor im Großen und Ganzen immer derselbe: Was ist das schon, ein Doktor. Und wer regt sich schon über ein paar Fußnoten auf? Der Mann hat sich doch nichts weiter zu schulden kommen lassen und ist der beste deutsche Politiker seit Menschengedenken. Der noch dazu gestolpert ist über eine perfide Intrige eines finsteren Konglomerats aus neidischen Oppositionspolitikern, der Desinformation verpflichteten Medien und sonstigen Kanaillen, die selbst unfassbar viel Dreck am Stecken haben. Und überhaupt (und dieses Argument war gefühlt das deutlich am häufigsten genannte). Johannes 8, 7: Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Wie putzig.

Diese auch eine Woche nach Rücktritt des Ministers zumindest im Netz sehr hitzig geführte Debatte erinnert ein wenig an das, was seit einiger Zeit in den USA passiert und sich unverdientermaßen die Tea-Party-Bewegung nennt. Außerdem hat die Art der Argumentation ein bisschen was von der nach dem Ersten Weltkrieg von hochrangigen deutschen Militärs verbreitete Dolchstoßlegende, die den von Deutschland verlorenen Krieg nicht dem “im Feld unbesiegt gebliebenen” deutschen Heer anlastete, sondern oppositionellen und selbstredend vaterlandslosen Politikern, die so genannten Novemberverbrecher,  die durch den im November 1918 ausgehandelten Waffenstill den Soldaten an der Front buchstäblich “den Dolch in den Rücken” gerammt hätten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese ganze Hysterie ein Ausdruck der Unsicherheit ist, die insbesondere die westliche Welt seit dem letzten Jahrzehnt erfasst hat, angefangen mit dem 11. September, vertieft durch den Aufstieg Chinas und explosionsartig entwickelt durch die Finanzkrise und den Zusammenbruch von Staaten wie Griechenland und Irland. Denn diese Entwicklungen sind nicht etwa durch fähige Staatenlenker behoben oder zumindest abgefedert worden. Nein, die politische Klasse hat dem beschleunigten Verfall des Systems nichts entgegenzusetzen, kein tragbares wirtschaftliches Konzept, kein funktionierendes Gesellschaftsmodell, kein schlüssiges Politik-Konzept. Stattdessen hat sich die politische Klasse durch die Wikileaks-Affäre, ihre uneindeutige Positionierung gegenüber den nordafrikanischen Diktatoren und nicht zuletzt durch das Taktieren und Beschwichtigen während der Plagiats-Affäre um Guttenberg vollends diskreditiert – nicht zuletzt beim eigenen Volk.

Verständlicherweise suchen die Menschen nach einem Ausweg aus dieser Misere und da sich die politische Klasse im Einerlei des allgemeinen Geschwafels entsprechend eingerichtet hat, war es nur natürlich, dass sie sich KTG zum Heilsbringer erkoren haben – ausgerechnet. Der wirkte zumindest schneidig, prinzipientreu und kompetent. Was er allerdings selbst – Opel, Kunduz, Gorch Fock – immer wieder selbst zu entkräften vermochte. Was seiner Popularität verständlicherweise keinen Abbruch tat. Es gab ja auch scheinbar keinen anderen. Und den gibt es immer noch nicht. Es ist die Hoffnung auf den Messias in Gestalt des KTG, die die Menschen zu diesen teils wahnwitzigen Reaktionen auf die Plagiatsaffäre hinreißt. Die Hoffnung, dass er es ist, der alles endlich wieder zum Besseren wendet.

Auch wenn Herr zu Guttenberg dadurch, dass er dieser unsäglichen Diskussion um seine Person keinen Einhalt gebietet, zeigt, dass er einfach nicht der ist, für den die Leute ihn so gerne halten wollen.

Sondern einfach nur ein Blender. Und eitler Fatzke obendrein.

Es ist der Sache als solcher geschuldet, dass es, nun ja, unmöglich ist, in die Zukunft zu sehen. Und auch wenn ich in meinem letzen Artikel ziemlich überschwänglich von Perspektiven schwadroniert habe, die uns diese Zukunft womöglich schenken wird, so will ich nun nicht unerwähnt lassen, dass es der Sache als solcher geschuldet ist, dass es, nun ja, dass diese Zeit der Umbrüche so ihre gewissen Schwierigkeiten mit sich bringt.

So war es etwa bei der Hexenverfolgung, die mitnichten im finsteren Mittelalter allerorts die Scheiterhaufen brennen ließ. Sondern die hereinbrechende Neuzeit mit Entdeckung der Neuen Welt, des Protestantismus und der Wissenschaft nebst zunehmender Entsagung der Religion, die die Menschen dazu verleitete, jeden als Ketzer auf die Streckbank zu schicken, der einen nur scheel ansah. Das im letzten Artikel bereits angerissene Ringen zweier Denkmodelle – dem alten, gewohnten, tradierten, institutionalisierten Denken. Und dem neuen, aufgeschlossenen, hungrigen, bisweilen radikalen Denken, das der Zeitgeist und der Stand wissenschaftlicher Erkenntnis hervorgebracht hat – oder von ihm hervorgebracht wird.

Ob man die Tea-Party-Bewegung nimmt, die sich im Grunde nur verzweifelt gegen die abnehmende Bedeutungslosigkeit der ehemaligen Weltmacht zur Wehr zu setzen versucht. Oder die Dschihadisten, die mit Attentaten die sich verändernde Welt wie die eigene Bedeutungslosigkeit hinwegbomben wollen. Oder die jüdischen Siedler, die mit ihrem befremdlichen Gebaren die gleichberechtigte Existenz der Palästinenser in Judäa mit Siedlungen verhindern wollen. Oder auch die europäischen Politiker, die Rettungsschirm und Regenmantel bemühen, nur um unser überkommenes System irgendwie zu kitten. Sie alle verstehen irgendwie nicht, dass die Zeiten sich einfach ändern. Und dass man eine Bewegung vielleicht mit Panzern und Gewehren niederschlagen kann. Der Rücktritt des Generalsekretärs den Fall der Mauer jedoch nicht aufhalten kann.

Bezeichnenderweise sind sich all diese Verteidiger des Status Quo nicht bewusst, dass sie ihre eigenen Ideale verraten, nur um ihr überkommenes Weltbild zu retten. Beziehungsweise sie nehmen es sogar billigend in Kauf. Die erzkonservativen Sarah Pallins, die Orthodoxen und Hardliner dieser Welt schwafeln zwar Gutsein für das sie vorgeblich einstehen und für das sie angeblich kämpfen. Für die gerechte Sache. Den wahren Glauben. Die Achse des Guten. Das Heilige Land. Quakeldiquakeldiqak. Und neben den formelhaften Rechtfertigungen ihres erbärmlichen Tuns wird die Vergangenheit beschworen, die Erinnerung bemüht und Geschichte geklittert was das Zeug hält. Da sind Ronald Reagan und George W. Bush Männer reinster Güte, ohne Fehl und Tadel. Gebietsansprüche von vor tausenden von Jahren werden als von Gott verbrieftes Recht dahingezetert. Und lustige Geschichten erzählt von Deutschen Wirtschaftswundern, Sozialen Marktwirtschaften und dem unfehlbaren Neoliberalismus, der uns alle retten wird. Wie er uns immer schon gerettet hat.

Im Dritten Reich hat es geheißen: Wenn das der Führer wüsste! Denn weil der Adi schließlich so tolle Sachen gemacht hat in den 1930er Jahren – etwa die Machtergreifung, die Wiederbewaffnung, die Vollbeschäftigung, den Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes – konnten sich einige Zeitgenossen wahrscheinlich einfach nicht vorstellen, dass der Gefreite aus Braunau doch kein so toller Kerl sein musste. In Polen rotten sie die Intelligenzija aus? Wenn das der Führer wüsste! In Auschwitz brennen die Öfen? Wenn das der Führer wüsste! Die Rote Armee steht am Potsdamer Platz? Wenn das der Führer wüsste!

Natürlich ist die hysterisch geführte Debatte um Karl Theodor zu Guttenberg damit nicht zu vergleichen. Ebenso wie der Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland schwerlich mit einem durchgeknallten Kriegstreiber und Massenmörder in Bezug gesetzt werden kann. Es geht hier lediglich um das Prinzip dahinter. Und die Angst der Menschen, dass ihnen etwas weggenommen wird, von dem sie glauben, dass sie es brauchen. Weil es so wichtig ist. Und unersetzlich.

Ganz gleich, ob die Ideale und Werte, für die dieses unersetzliche Etwas stehen soll, dabei geopfert werden. Schließlich geht es ja um eine höhere Sache. Aber um die geht es ja immer.

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PS: Im Rückblick auf den von mir kurz vor Bekanntwerden der Copy&Paste-Affäre verfassten Artikel möchte ich zu dem, was zwischenzeitlich (d. h. innerhalb der letzten Woche) passiert ist, sagen, dass es – auch wenn es viele von uns nicht wahrhaben wollen – mir persönlich wirklich gut tut zu sehen, dass Herr zu Guttenberg auch nur ein weiterer charakterloser Politiker ist, den nur seine Borniertheit (und vielleicht die 400.000.000 € seiner Familie) aus der grauen Masse der Parlamentarier heraushebt. Und natürlich seine Außenwirkung. Teufel, die hat er wirklich gut drauf.