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Ich widme den letzten Artikel dieses unsäglichen Jahres einigen spieltheoretischen Überlegungen, weil der Spieltheorie meines Erachtens viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl sich mit ihrer Hilfe einige grundlegende Aspekte menschlichen Handels ziemlich gut erklären lassen. Denn die Spieltheorie stellt weniger auf psychologische oder soziologische Aspekte menschlichen Verhaltens ab. Sondern postuliert, dass Entscheidungen und Handlungen nicht nur von einem selbst abhängen, sondern in besonderem Maße auch davon, wie die anderen (Akteure des jeweiligen Spiels) sich verhalten.

Nehmen wir zur Illustration etwa die 2008 geplatzte US-amerikanische Subprime- und Hypothekenblase, die mit verantwortlich sein dürfte für die jetzige noch um einiges gravierendere Staatsschuldenkrise. Und vermutlich auch Anstoß gab für Bewegungen wie Occupy Wallstreet und Slogans von “Stop Capitalism” bis “Banken in die Schranken”. Nun könnte man natürlich hingehen und behaupten, dass die Krise vor allem dadurch ausgelöst wurde, dass die verantwortlichen Banker schlicht zu gierig gewesen sind. Dass man von Staats wegen die Finanzmärkte stärker hätte regulieren müssen. Und das ganze System ohnehin nur korrupt ist und ungerecht. Was alles sicherlich nicht unwahr ist. Aber leider auch ein bisschen zu kurz greift, wie ich finde.

Sehen wir uns noch einmal an, wie sich das Drama abgespielt hat, an dem im Großen und Ganzen fünf Akteure beteiligt waren: Die Kreditnehmer, die so genannten “Leute wie Du und ich”, die Kredit gebenden Geschäftsbanken, die mit diesen Krediten Handel treibenden Investment-Banken, die diesen Handel absichernden Rückversicherer und, last, but not least, derjenige, der am Ende die Zeche zahlte: Vater Staat und damit wieder die so genannten “Leute wie Du und ich”. Und da viele von uns diese unsägliche Geschichte inzwischen vermutlich auswendig aufsagen können, der Spielaufbau zum großen Crash hier noch einmal in Kürze.

Regel 1: Erfinde Mortgage Backed Securities (MBS), also durch Hypotheken gesicherte Wertpapiere, durch die Immobilien-Kredite gebündelt und von Geschäftsbanken an Investmentbanken weiterverkauft werden können. Dadurch wird vor allem das Risiko der Geschäftsbanken minimiert, die sich fortan nicht mehr darum sorgen müssen, dass die Kredite auch zurückgezahlt werden. Oder die Kreditnehmer überhaupt Geld besitzen, um einen Kredit aufnehmen zu können.
Regel 2: Erfinde Credit Default Swaps, also eine Kreditausfall-Versicherung für den Fall, dass die von den Investmentbanken aufgekauften MBS sich als wertlos erweisen etwa, weil die letzten Endes dahinter stehenden Kreditnehmer zahlungsunfähig werden – oder von vornherein überhaupt nicht kreditwürdig waren.
Regel 3: Versorge den Markt mit billigem Geld, vor allem, wenn die Börsen nach Dotcom-Blase und 11. September darniederliegen wie heute die Weltwirtschaft. Denn billiges Geld verleitet die Banken grade dazu, noch mehr Kredite zu vergeben.
Regel 4: Bring Subprime-Kreditnehmer ins Spiel, also Menschen, die überhaupt nicht in der Lage sind, Schulden für aufgenommene Kredite zu bedienen, etwa Paula Taylor, der ein Kredit aufgeschwatzt wurde mit Ratenzahlungen von  2.200 Dollar im Monat – bei einem Gehalt von 1.500 Dollar.
Ziel des Spiels: Oder um noch einmal auf die Spieltheorie zu sprechen zu kommen: Was passiert wohl, wenn man das Risiko für die Vergabe eines Kredits derart minimiert? Wenn sich der Kreditgeber nicht darum scheren muss, ob der Kreditnehmer überhaupt kreditwürdig ist, weil er den Kredit gleich an einen Dritten weiterveräußert und dafür eine fette Provision kassiert? Wenn derjenige den womöglich völlig wertlosen Kredit als gutes Geschäft ansieht, weil er sich bei einem vierten gegen mögliche Kreditausfälle rückversichert, weshalb sogar scheinbar renommierte Rating-Agenturen derlei faule Kredite mit AAA-Bestnoten bewerten? Und all das finanziert mit billigem Geld, das fast umsonst zu haben ist? Muss man tatsächlich ein Prophet sein um vorauszusagen, was passieren wird in einem Spiel, bei dem all die Voraussetzungen gegeben sind?

Was kam ist allseits bekannt. Die Subprime-Kreditnehmer konnten bald schon ihre Zahlungen nicht mehr leisten. Häuser wurden verpfändet und wieder auf den Markt gebracht. Die Immobilienpreise sanken in der Folge, Panik brach aus. Und plötzlich saßen alle auf einem ziemlich großen Haufen fauler Papiere, die die Rückversicherer selbstverständlich nicht abzuwickeln imstande waren. Weshalb die Staaten, also letztlich die Bürger, einspringen und die Zeche bezahlen mussten. Und auch wenn es natürlich ein Leichtes ist, im Nachhinein zu behaupten, man hätte das alles sehen können, zeigt sich, wie ich finde, doch, dass es vermutlich nicht allein oder hauptsächlich Gier war, der dieses Drama befeuerte. Es war eher ein Rausch, in den sich die Akteure hinein spekuliert haben. Denn wenn man sich die Rahmenbedingungen ansieht, kann man selbst leicht nachvollziehen, dass es den Beteiligten vorgekommen sein muss, als hätten sie eine Methode zur wunderbaren Geldvermehrung entdeckt. Weil sich offenbar niemand vorstellen konnte, dass all die selbsterschaffenen Giganten am Ende nicht groß genug sein würden, um all die ausfallenden Kredite zu stemmen.

Das soll nun keine Entschuldigung werden für all das unseriöse, oft genug gar kriminelle Verhalten der für die Krise Hauptverantwortlichen. Und erst recht nicht für dieses ehrlose Verhalten, erst hunderte Millionen von Euro und Dollar Boni einzustreichen, um dann das eigene Unternehmen gegen die Wand zu fahren und sich schließlich vom Staat retten zu lassen. Interessant ist dennoch, dass es vor allem die Rahmenbedingungen waren, die die Handelnden überhaupt in diesen Wahnsinn regelrecht getrieben haben.

Oder in den sie sich haben treiben lassen wollen. Schließlich waren nicht wenige, etwa der ehemalige US-Notenbankchef Greenspan, aktiv an der Gestaltung all dieser Regelungen beteiligt. Allerdings bleibt am Ende immer noch die Frage, ob sich einer von uns unter all den genannten Aspekten anders verhalten hätte. Und auch darauf gibt die Spieltheorie eine recht eindeutige Antwort, wie ich finde: Mit ziemlich Sicherheit nicht.

Wir hatten es ja kurz erwähnt, dass in Oakland einer der Demonstranten ernsthaft von der Polizei verletzt worden ist. Entsprechend war zu erwarten, dass sich zumindest der Oakland-Arm der Occupy-Bewegung radikalisierte und zunächst zum Generalstreik aufrief, dann, in der vergangenen Nacht, Oaklands Hafenanlagen blockierten und so den Betrieb des wichtigsten Umschlagplatzes der US-Westküste praktisch zum Erliegen brachte. Was insofern einem Pyrrhussieg gleichkommen dürfte, als die bis dato mehr oder minder friedliche Bewegung nun einen ersten Anlass gibt, notfalls mit Gewalt gegen sie vorzugehen.

Damit zeigt sich aber auch gleich das Dilemma, das diese offenbar weltweit Anklang findende Bewegung hat. Selbst wenn man ihr unterstellte, dass sie inhaltlich mehr zu bieten hat als nur eine unbestimmte Ahnung, dass unser Geldsystem schlicht ungerecht ist, und sich irgendwas irgendwie ändern sollte. Und zwar am besten sofort. Und überhaupt. Denn selbst wenn ein gewisser Konsens erzielt werden würde, was denn genau geändert werden müsste, bliebe immer noch die Frage, wie diese Änderungen – oder nennen wir sie doch besser: Umwälzungen – überhaupt zu erreichen wären. Zumal mit den von der Bewegung gern zitierten 1% eben jene Gesellschaftsschicht gemeint ist, die wesentlichen Einfluss hat auf die herrschende Ordnung. Und sicherlich nicht viel Interesse zeigen wird, ebendiese Ordnung über den Haufen zu werfen.

Was also soll man tun? Wenn man nicht unbedingt Hafenanlagen besetzen will? Forderungen erheben? Demonstrieren bis der Arzt kommt? Ausharren und auf bessere Zeiten hoffen? Oder gar auf Einsicht? Im Moment befeuert sich die Bewegung möglicherweise noch durch eine gefühlte weltweite Verbundenheit. Durch das Wissen womöglich, dass man im Recht ist. Irgendwie zumindest. Dass es so nicht weitergehen kann. Auch wenn vielleicht niemand so richtig weiß wohin es denn eigentlich gehen soll. Na ja, vielleicht hilft es ja, wenn wir Griechenland aus der Euro-Zone schmeißen. Oder die Tea-Party-Bewegung den nächsten Präsidenten stellt.

Ich bin dazu gefragt und nach meiner Antwort gebeten worden, das Gesagte noch einmal zu skizzieren. Weshalb ich nun kurz darlegen will, wie das japanische Fureai Kippu ein wesentlicher Baustein sein könnte, das bestehende System allmählich in das neue System zu überführen. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass nur wenige Wirrköpfe ein ernsthaftes Interesse an einem -wahlweise gar gewaltsamen – Umsturz haben. Auch wenn ein paar tausend Verzweifelte in ihrer Hilflosigkeit schon mal ne Hafenanlage besetzen. Oder Tottenham in Schutt und Asche legen.

Das japanische System Fureai Kippu ist denkbar einfach: Die jüngere Generation sorgt sich um die ältere Generation und bekommt im Gegenzug die geleisteten Stunden gutgeschrieben. Wenn die jüngere Generation dann selbst alt wird oder krank oder deren Eltern, können die geleisteten Stunden beansprucht werden, und jemand anderes kommt und kümmert sich um einen. Dieser Gedanke besticht durch seine schlichte Eleganz. Und zwar nicht, weil sich die Jungen um die Alten kümmern, was notwendigerweise überall auf der Welt geschieht. Sondern weil durch die Verrechnung der geleisteten Arbeit de facto eine Währung geschaffen wird.

Betrachtet man sich die lange Liste der allein in Deutschland existieren Regionalgeld-Initiativen, so wird schnell klar, dass die Idee von umlaufgesichertem Geld vielerorts unterstützt wird. Nimmt man nun noch die ebenso zahlreich vorhandenen Tauschringe hinzu, stellt sich fast schon die Frage, warum nicht mehr Leute längst etwas wissen über Freigeld & Co. Oder grade erst beginnen, sich dafür zu interessieren. Nun , wenn mir die Vermutung gestattet sei: ich glaube, es liegt vor allem daran, dass es sich um mehr oder minder gut funktionierende Experimente von bestimmten Personenkreisen handelt, die letztendlich unter sich bleiben und von weiten Teilen der Bevölkerung – wenn überhaupt – als spinnerte Exoten wahrgenommen werden. Oder anders ausgedrückt: Die Sache mit dem Regiogeld ist schlichtweg unsexy. Von Tauschringen ganz zu schweigen. Man muss sich nur mal die Namen einiger Initiativen ansehen: Allgäuer, Chiemgauer, Freitaler, Rhein-Neckar-Mark, Zschopautaler. Das klingt ja schon wie ein versammelter Heimatfilm.

Das aber macht es für Außenstehende, allenfalls am Rande Interessierte nicht unbedingt leicht, sich für eine solche Idee zu begeistern. Zumal die Bereitschaft, sich überhaupt in solchen Vereinigungen zu engagieren, generell nicht sehr hoch sein dürfte. Zumal der regionale Charakter all dieser Projekte eine überregionale Einbindung erschwert wenn nicht schier undurchführbar macht. Diese Nachteile würden durch das Fureai Kippu-System zumindest teilweise beseitigt, auch wenn das finale Ziel der Schaffung einer einheitlichen, mit einem negativen Zins belasteten Währung für einen Moment vernachlässigt würde. Dagegen hätte die Idee des Fureai Kippu den entscheidenden Vorteil, dass es eben nicht um Geld und all dieses langweilige Zinsgelaber ginge, sondern vornehmlich um die Beschäftigung mit und Hilfestellung für Hilfebedürftige. Was für viele möglicherweise ein Anreiz sein könnte, sich entsprechend zu engagieren.

Folgendes Szenario wäre durchaus vorstellbar:

1. Nach Klärung wesentlicher Fragen, die in Zusammenhang mit der Schaffung einer Währung zu stellen sind (und die insbesondere fiskalische und organisatorische Probleme betreffen) könnten ohne überladene Organisationsstrukturen ortsunabhängige Hilfsprojekte ins Leben gerufen werden, wie wir es im Rahmen des PAL-Projektes bereits gezeigt haben.

2.  Wären diese Strukturen etabliert, ließen sich grade die Tauschringe gut in das System integrieren mit dem Ziel, Dienstleistungen irgendwann generell mithilfe dieser Währung anzurechnen. Entsprechend wäre vorstellbar, einen Teil des Geldes, das man für Kino- oder Friseurbesuche zu bezahlen hätte, in der Komplementärwährung bezahlt werden könnte.

3. Im dritten – zugegebenermaßen im Moment ziemlich gewagten Schritt – ließe sich durchaus vorstellen, die Realwährung zur Komplementärwährung konvertierbar zu machen. Und Leuten die Wahl zu lassen, ob sie in der einen Währungszone oder in der anderen arbeiten wollen. Oder sogar in beiden.

Ich will nicht alle sich daraus wieder ergebenen Konsequenzen an dieser Stellen erörtern. Es wäre ja auch vorstellbar, dass man über einen solchen Weg wenigstens mal diskutiert. Für die Occupy-Bewegung könnte durch das japanische System vielleicht wirklich eine Möglichkeit ergeben, der Welt zu zeigen wie einfach es sein kann.

Die Welt zu verändern.

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Literatur: Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft, Riemann Verlag 2002

Es hat sich ganz schön was verändert in der Welt seit wir diesen Blog im April 2009 begonnen haben. Damals war die Krise, die die Welt überrollt hat, erst als schwacher Schimmer am Horizont erkennbar, auch wenn damals schon dauernd von Banken-Zusammenbrüchen und Massenentlassungen gesprochen wurde. Doch damals schien die Welt irgendwie noch in Ordnung, und man hatte das Gefühl, dass all die Probleme, von denen nun geredet wurde, sich schon irgendwie wieder einrenken würden. Naja, ich brauche ja niemanden daran zu erinnern, dass auch damals nicht alles in Ordnung war, insbesondere nicht in Hinblick auf diesen vermeintliche Krieg zwischen Christentum und Islam, der – so kommt es mir jedenfalls vor – das erste Jahrzehnt des Neuen Jahrtausends fast ausschließlich bestimmt hat.

Mag sein, dass es am neuen US-Präsidenten liegt, dass diese Wogen sich geglättet haben, daran, dass Osama Bin Laden inzwischen tot ist und gefühlt jede Woche ein ranghohes Al-Quaida Mitglied von einer Drone in Stücke gerissen wird. Vielleicht sind auch durch die Verschiebung alter Machtverhältnisse – der Aufstieg Chinas, der Arabische Frühling – einige althergebrachte Vorstellungen ins Wanken geraten und dieser seltsame “Kampf der Kulturen” im Nachhalldes 11. Septembers einfach nicht mehr so wichtig und überholt. Womöglich tobt er auch ungehindert weiter, und wir kriegen es einfach nicht mehr so mit, weil die Ereignisse sich angesichts all der drohenden Staatsbankrotte schlichtweg überschlagen. Oder die Welt stellt nun und mit Verblüffung fest, dass der gute, alte “Westen”, der sich jahrzehnte- wenn nicht jahrhundertelang mit Selbstverständlichkeit eines Auserwählten als Herrscher über den Planeten wähnen durfte, inzwischen ein ziemlich bedauernswertes, geradezu jämmerliches Bild abgibt, und sich nicht einmal mehr zu bekämpfen lohnt. Wie etwa, wenn das Bundesamt für Wehrverwaltung einen Soldaten im Afghanistan-Einsatz auffordert, einen auf einer Patrouille verloren gegangen Handschuh im Wert von 7,17 Euro zu ersetzen. Oder die Bundespolizei das Benzin rationiert, weil einfach das Geld fehlt. Ojemine.

Ganz am Anfang hatte ich die sehr unkonkrete Idee, mittels dieses Blogs ein Netzwerk aufzubauen, in dem sich Gleichgesinnte austauschen und gemeinsam mögliche Lösungen erörtern, wie dieser ganze Quatsch, der sich dort draußen vor unserer Tür abspielt, zu beenden ist. Da damals schon abzusehen war, dass dieses System sich innerhalb der nächsten zehn Jahre überleben wird, hatte ich gehofft, sich mit und mit immer mehr Menschen finden zusammenfinden würden, die gewillt wären, aufzustehen und wirklich etwas zu verändern. Nun, diese Leute gibt es tatsächlich, immer mehr, in immer mehr Ländern – Griechenland, Spanien, Ägypten, USA, Großbritannien, Chile. Sie streiken, rufen zum Protest auf, beklagen die Ungerechtigkeit mittels des Internets, bringen Machtverhältnisse ins Wanken von Tripolis bis Stuttgart und wählen aus lauter Verzweiflung unnütze Parteien. Antworten aber geben sie nicht. Und das ist das Mysterium für mich, dass mich immer noch mit tiefer Ratlosigkeit befällt. Dass es die Antworten gibt. Und sie niemand hören will. Oder kennt. Oder abtut als unsinnig. Undurchführbar. Hanebüchen. Als ob die Rezepte von Schwarz-Gelb, Rot-Grün, Rot-Rot-Orange, Blassblau, Schneeweiß, Rosarot, Kotzgrün oder Tea-Party-Braun sinniger wären. Durchführbarer. Und nicht aus dem Holz der Hagebuche. Ich begreif’s einfach nicht. Ganz ehrlich.

Auch wenn mich gerade dieser Umstand jedesmal wieder aufs Neue zwingt, weiter zu machen. Auch wenn es mich – wie phasenweise bei der letzten Serie zu den Märkten – selbst über weite Strecken langweilt. Aber vielleicht hilft es ja was. Man weiß ja nie.

Ich danke meinen Mitstreitern, allen voran Sir Winston Wolf, Bibi Blogs, Agnieszka, Miss Me Too und allen, die immer mal wieder oder auch regelmäßig hier vorbeischauen. Und da ich weiß, dass das inzwischen ziemlich viele Leute sind, schließe ich mit der Bitte, doch in Zukunft vielleicht mal den ein oder anderen Artikel zu kommentieren. Damit ein bisschen mehr Interaktion stattfindet und vielleicht ein paar neue Ideen entstehen.

In den nächsten 500 Artikeln.

Na. das war ja ein Trick. Erst wollte ich nur über die Finanzmärkte schreiben, vor denen die ganze Welt zittert. Und nun hab ich mich selber drangekriegt mit allgemeinen Betrachtungen zu Märkten und Marktprinzipien, zu denen leider immer noch etwas zu sagen ist, bevor ich dann hoffentlich endlich zu den Finanzmärkten abbiege. Na ja, zumindest kann ich unterwegs noch ein paar marktfundamentalistischen Neo-Klassizisten ein paar mal kräftig auf die Füße treten. Und das ist doch angesichts des ausgemachten Blödsinns auf den sich die Tea-Party-Bewegung versteift, und mit denen sicherlich auch einige FDP-Anhänger liebäugeln doch auch was.

Ich möchte heute auf etwas eingehen, was ich in meinem letzten Artikel schon kurz mit Informationsdefizit bezeichnet und kurz angerissen habe. Bei dieser flüchtigen Betrachtung hat man vielleicht den Eindruck gewonnen, dass es sich bei dieser Art von Marktversagen gewissermaßen um Irreführung handelt, durch die minderwertige Waren für einen viel zu hohen Preis leichtgläubigen Käufern untergejubelt werden. In Wirklichkeit sind die Folgen, die aus dem Problem unvollständiger Information resultieren, um einiges gravierender.

Denn die Käufer sind sich ja grundsätzlich des Problems bewusst, dass sie – kurz gesagt – besch!ssen werden. Mit sich daraus ergebenden gravierenden Konsequenzen. Nehmen wir als Beispiel das (nicht grundlos gewählte) Beispiel des Markts für Gebrauchtwagen. Nehmen wir an, es gibt mehrere Anbieter von Gebrauchtwagen, einige, die Wagen guter Qualität zu einem relativ hohen Preis anbieten. Und andere, die die letzten Schrottkarren zu einem niedrigeren Preis anbieten. Und es gibt vielleicht sogar ein paar, die schlechte Autos zu einem hohen Preis anbieten.

Die potentiellen Käufer dieser Wagen können allerdings nicht wissen, bei welchem Verkäufer sie Autos welcher Qualität kaufen. Und werden in der Konsequenz nicht bereit sein, für Autos guter Qualität einen angemessenen Preis zu zahlen, weil sie sich denken: Wenn ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ohnehin nur ein Auto minderer Qualität erstehe, dann will ich auch nur einen geringen Preis dafür zahlen. Die Verkäufer schützen sich quasi gegen ihre ungenügenden Kenntnisse über Gebrauchtwagen, indem sie den Preis einfach niedrig ansetzen. Dadurch können die Verkäufer von Autos guter Qualität ihre Preise nicht mehr durchsetzen und verschwinden vom Markt. Mit dem Ergebnis, dass am Ende nur noch schlechte Gebrauchtwagen übrig bleiben. Was natürlich niemand will. Weshalb es überhaupt neutrale Gutachter wie den TÜV oder die DEKRA gibt.

Das beschriebene Phänomen bezeichnet man als Saure-Gurken-Problem oder – in der englischsprachigen Literatur – Zitronen-Problem. Man weiß halt einfach nicht, wann man eine Saure Gurke erwischt. Und auch wenn es sich dieses Problem ein wenig banal anhört, ist die dahinterstehende Erkenntnis so gravierend, dass den Artikel, der das Zitronen-Problem  behandelte, keine wissenschaftliche Zeitschrift abdrucken, weil es der neoklassischen Ökonomie schlicht widersprach. Erst das damals noch relativ unbekannte Quarterly Journal of Economics veröffentlichte ihn schließlich und avancierte, weil dieser Artikel zu einem der meist zitierten überhaupt wurde, im Nachhall dieser Veröffentlichung zu einer der renommiertesten ökonomischen Fachzeitschriften überhaupt.

Und das ist doch auch eine schöne Geschichte.

Zum 4. Teil der Serie

Jul 27

Verstanden?

Posted by agnieszka in Hain des Plato

Ich möchte euch auf eine Internetseite aufmerksam machen, die Informationen und Ideen aus den verschiedensten Gebieten (Soziologie, Wissenschaft, Wirtschaft, Ökologie etc) vorstellt und auf verständliche, unterhaltsame Weise erklärt – bzw. die Redner, denen man auf der Seite begegnet. Zum Beispiel Kevin Slavin über Algorythmen ua. in der globalen Wrtschaft:

Müsste ich zwei nicht zu akzeptierende Missverständnisse unserer Welt benennen, so wären das (wer hätte das gedacht) natürlich Zins und die Pfadabhängigkeit. Der eine ist der zugrundeliegende Denkfehler unseres Systems, der nicht nur hauptverantwortlich ist für die Griechenlandkrise und die drohende Zahlungsunfähigkeit von Staaten wie den USA oder nun auch noch Italien. Immer schön an den Goldklumpen denken! Sondern auch dafür sorgt, dass wir mit der Präzision eines Uhrwerks die Meere leer fischen, die Wälder abholzen und sonst alles verschmutzen, was nicht genug Ertrag abwirft. Die Pfadabhängigkeit (oder auch Institutionalisierung) hingegen ist der Grund, warum wir überhaupt in diesem ziemlich unausgegorenen Gesellschaftssystem leben. Und warum es uns so schwer fällt, auch nur Kleinigkeiten daran und darin zu verändern. Da muss schon ein japanischer Reaktor in die Luft fliegen oder ein Weltkrieg ausbrechen, eh überhaupt etwas passiert.

Die Gründe für diesen Unwillen sind relativ schnell gefunden und werden wissenschaftlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert. So ist es etwa mit erheblichen (persönlichen wie finanziellen) Kosten verbunden, ein vermeintlich funktionierendes System zu verändern oder – spieltheoretisch ausgedrückt – die Strategie zu wechseln. Schließlich weiß man ja nicht, ob sich der Wechsel lohnt, die Zukunft ist schließlich ein wankelmütig Ding, und wer weiß – am Ende steht man womöglich schlechter da also vorher. Daher: besser Kopf einziehen und weitermachen wie bisher. So schlimm wirds am Ende schon nicht werden. Hinzu kommt, dass Kosten und Nutzen einer Entscheidung nicht immer denselben Menschen angelastet werden bzw. zugute kommen, was die Risikobereitschaft und vor allem den Willen zur Veränderung erheblich mindert. Wenn etwa – um beim Fukushima-Beispiel zu bleiben – die Erträge aus der Kernenergie einem Konzern (also Stromanbieter) zugute kommen, im Fall einer Havarie aber die Gesellschaft als ganze die Kosten für Schäden zu tragen hat, bitte wer glaubt dann ernsthaft, dass die Chefs dieser Konzerne ein gleichwie geartetes Interesse haben, nach neuen, gemeinverträglichen Alternativen zu suchen? Oder die Banken. Die nicht erst vor der Finanzkrise bereitwillig hochriskante Geschäft abschlossen, weil dort natürlich der (individuelle) Ertrag am höchsten ist. Um sich, nach dem Zusammenbruch ganzer Märkte, von den Staaten helfen zu lassen, weil die Kosten für die trudelnde Wirtschaft besser von der ganzen Gesellschaft getragen werden sollte. Geht ja schließlich uns alle an, wenn die Banken in Schwierigkeiten stecken.

Wie bereits erwähnt werden diese Phänomene grundsätzlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert, speziell durch die Transaktionskostentheorie, die Theorie der Verfügungsrechte und die Prinzipal-Agent-Theorie. Und doch vermögen es diese Theorien allein nicht, das Problem der Pfadabhängigkeit zu erklären. Insbesondere, wenn es sich nicht auf wirtschaftliche, sondern auf ideelle Aspekte des Lebens bezieht. So ist bspw. fraglich, warum eine ziemlich große Zahl von Leuten die Bibel als unumstößliches Wort Gottes ansehen, an dem in keiner Zeile gezweifelt werden darf. Und warum diese Menschen wissenschaftliche Fakten – wie etwa die Entstehungsgeschichte des Universums – ignorieren, etwa weil in der Bibel steht, dass Gott die Erde an sechs Tagen erschaffen hat. Ebenso wie sie vor ein paar hundert Jahren geglaubt haben, dass die Erde eine Scheibe ist. Oder, um es allgemeiner auszudrücken, warum man so ein Buch wie die Bibel dazu heranzieht, um eben jene Lebensweise zu rechtfertigen – oder einzufordern! – die man sich in den Kopf gesetzt hat.

Natürlich ist für ein solches Denken – das sich viele Radikale, gleich welcher Ideologie, zu eigen machen – die Angst verantwortlich, in einer sich verändernden Welt am Ende schlechter dazustehen als vorher. Ebenso wie es die Ungleichverteilung von Kosten und Nutzen so unglaublich einfach macht, junge Menschen für seine Weltsicht in den Tod zu schicken, während man selbst irgendwo rumsitzt und kluge Reden über gottesfürchtiges (!) Leben schwingt. Und doch gibt es meines Erachtens noch einen anderen Grund, warum wir alle so befremdlich sind was unsere ureigensten Überzeugungen angeht: Eitelkeit. Dieses seltsame Ding, das in uns steckt und leicht mit Stolz und Ehre verwechselt werden kann und wird. Und uns oft genug daran hindert uns einzugestehen, dass wir im Unrecht waren. Und womöglich immer noch sind. Ebenso wie vielleicht schon unsere Väter im Unrecht waren. Und deren Väter. Gott bewahre. Also das geht eindeutig zu weit. Auf meine Familien lass ich nichts kommen. Und schließlich steht doch in der Bibel schon zu lesen, dass wir das auserwählte Volk sind. Was ich bis aufs Blut und mit meinem Leben zu verteidigen suche. Koste es was es wolle.

Jun 03

Ertappt

Posted by agnieszka in Alles wird Gut, Hain des Plato, Kniffe des Lebens

Ohne den wissenschaftlichen Beweis momentan anführen zu können oder zu wollen, behaupte ich jetzt einfach Mal, dass die meisten Menschen Selbstgespräche führen – ob laut oder im Kopf. Ich tue es, beides. Das allein ist ja nun keine große Erkenntnis, und das folgende vielleicht auch nicht – ich genieße es aber manchmal auf eigenem Weg, so lang er auch dauern mag, zu bestimmten Schlüssen zu kommen, als mein Wissen vorab aus Büchern zu beziehen. Es zieht hin und wieder Schwierigkeiten nach sich, die man hätte umgehen können, aber so ist es spannender.

Vor einigen Tagen wurde mir etwas bewusst. Und zwar, dass ich, wenn ich mit mir Selbstgespräche führte – von angepissten Kommentaren über „nicht vergessen“ und to do liste bis „jetzt sitze doch mal gerade“ – mich selbst dabei so gut wie immer mit „du“ ansprach. „Du kannst das machen“, „das hast du gut gemacht“, „das kannst du nicht bringen“, „du solltest“, „du könntest“, „du machst das jetzt“.

An jenem Abend, als mir das auffiel, kam ich ins Bad, schaute mich im Spiegel an und sagte: „Das hab ich gut gemacht.“ Ja, ICH. Ich höre hin und wieder – und das seit geraumer Zeit – Stimmen, die sich darüber beklagen, dass die heutige Gesellschaft egomanisch sei, dass jeder nur an sich denken und auf den eigenen Profit aus sei. Da mag etwas dran sein, und auch ich gehöre manchmal zu jenen welchen, aber diese Stimmen gab es schon immer.

Ich dachte an diesem Abend, dass wir uns meistens sogar bei Selbstgesprächen, sogar wenn wir ganz allein sind, als jemand Fremdes begegnen, wir sprechen von uns in der dritten oder zweiten Person, selten in der ersten. Wir sagen „Man sollte“, „du könntest“ und beziehen es auch auf uns, doch gleichzeitig verstecken wir uns hinter dem Imperativ, hinter dem Schleier, der „du“ zu „ich“ werden lässt. Das „du“, das wir einem Fremden anbieten, ist etwas, das meistens als positiv und offen angesehen und angenommen wird. Das „du“ jedoch, das das „ich“ ersetzt, wenn man mit sich selbst spricht, sei mit Vorsicht zu genießen. Dass es wichtig ist, eine gewisse Distanz auch zu sich aufzubauen, das bestreite ich nicht. Doch gerade in der intimsten Minute, wenn wir – wenn ich – ganz allein bin, wieso duze ich mich statt mich zu „ichen“? Und ich rede hier nicht einmal von Fehlern, die sich ein jeder manchmal schwer zugesteht und deswegen zu einer Entfremdung gegenüber dem Ich neigt. Ich spreche von den alltäglichsten Pillepalle-Themen, die man auf dem Heimweg so revue passieren lässt. Wieso sagen wir, in den Spiegel schauend „gut siehst du aus“ und nicht „ich sehe gut aus“?

Später in der Nacht, nach ein paar Bier und dem Drang, trotz besseren Wissens wach zu bleiben, sagte ich mir: Ich habe genug gehabt für heute. Und ich putzte mir die Zähne und ging ins Bett. Früher sagte ich „du hast genug gehabt“ und machte mir noch eins auf.

Es ist spät oder vielleicht doch eher früh und mir ist nach ein wenig Polemik, weil ich im Moment keine Lust habe, meine Gedanken über die Maßen auf ein staatstragendes Thema zu konzentrieren. Also mal sehen.

Heißt es nicht: Aus Schaden wird man klug? Und dass erst etwas passieren muss wie das Reaktorunglück in Fukushima oder die so genannte Finanzkrise bevor sich etwas ändert? Und dass wir den jahrzehntelangen Frieden in Europa hauptsächlich dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken haben und den vielen Millionen Toten, die die Überlebenden dazu gebracht hat zu sagen: Nie wieder! Und so weiter und so fort.

Und die Beispiele scheinen tatsächlich zu belegen, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Schließlich haben sich die Politiker durch die Rettung der Banken nicht ganz so dämlich (oder unwissend) angestellt wie jene Verantwortlichen, die beim weltweiten Zusammenbruch von 1929 den Dingen im Großen und Ganzen ihren Lauf ließen, dass die sich abzeichnende Depression sich ungehindert ausbreiten konnte. Und nicht zuletzt auch Mitursache war für die Erstarkung radikaler politischer Kräfte in Europa, allen voran natürlich der Adi und seine Gurkentruppe. Aber ich schweife ab. Denn neben den Rettungspaketen und -schirmen für Banken und Staaten, die zur Abwehr der so genannten Krise geschnürt und aufgespannt wurden, ist man nach der erschütternden Katastrophe in Japan auch gleich dazu übergegangen, zumindest in Deutschland ein paar Atom-Meiler vom Netz zu nehmen, obwohl man vor ein paar Wochen die Verlängerung der AKW-Laufzeiten für unerlässlich angesehen hat. Sicher ist jedenfalls sicher. Und man kann ja auch aus dem Schaden der anderen klug werden.

Also alles in Butter, oder? Der Krieg beendet, die Finanzkrise abgewendet, etwaige Störgrößen beseitigt. Und auch wenn sich die Deutschen unverständlicherweise aus den Kamphandlungen in Libyen raushalten, ist das Eingreifen einiger Nato-Staaten womöglich Beleg dafür, dass die Weltgemeinschaft nicht mehr dieselben Fehler zu tun gewillt ist wie etwa in Srebrenica 1995. Na wenns so einfach wäre. Ich habe nämlich überhaupt nicht das Gefühl, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Und das nicht nur im globalgalaktischen Sinne. Sondern in Bezug auf jeden von uns.

In einer Kurzgeschichte von Stephen King wird von einem Kaninchen erzählt, dass zu Anschauungszwecken in einem Käfig lebt, der unter Strom gesetzt werden kann. Und immer, wenn das Tier fressen will, wird ihm ein schmerzhafter Schlag verpasst. Was – entsprechend der Geschichte – dazu führen dürfte, dass das Kaninchen irgendwann vor seinem Napf verhungert, weil es gelernt hat Fressen mit Schmerzen gleichzusetzen, den es so gut es kann zu vermeiden sucht. So weit, so grausam. Und was hat das Alles jetzt mit irgendetwas zu tun?

Das Kaninchen versteht nicht, was passiert, es erfährt lediglich, dass es höllisch weh tut, wenn es fressen will. Und auch wenn es es sich nicht erklären kann und spürt, dass es fressen muss, um zu überleben, wird es vor dem Napf verhungern, wenn der Schmerz nur stark genug ist. Es wird sprichwörtlich aus Schaden klug, auch wenn die Klugheit darin besteht, vor einem Berg von Leckereien zu verhungern. Ist der Mensch tatsächlich so? So konsequent in der Vermeidung von Fehlern, die er einmal gemacht hat? Ich denke nicht. Dafür sind wir einfach zu, ähem, klug. Leider muss man manchmal noch hinzufügen.

Wir beschwichtigen, interpretieren, mutmaßen, ignorieren Tatsachen, verdrehen Logik und Dinge, wie sie tatsächlich passiert sind, erscheinen in unserer Erinnerung völlig anders. Wir ist eitel, borniert, wollen uns Fehler nicht eingestehen bis zu Lächerlichkeit, leugnen selbst dann noch, dass wir daneben gelegen haben, wenn man uns das Gegenteil bewiesen hat. Wir weigern uns, Tatsachen zu akzeptieren, blenden sie aus und verhöhnen unsere Gegenspieler, ganz gleich was sie sagen und ob sie Recht haben oder nicht. Und wir sind derart selbstgerecht, dass wir mit Leichtigkeit ein Dutzend Fehler aufzählen können, die uns bei anderen sofort ins Auge springen, und finden kaum etwas, was es an uns zu kritisieren gäbe. Warum auch? Weil wir verflucht hörig sind vielleicht. Und maßlos. Eitel. Und träge. Und gewillt, uns so was von selbst in die Tasche zu lügen, nur damit wir uns – und vor allem anderen – nicht eingestehen müssen, dass wir im Unrecht waren. Und sind. Warum auch? Die anderen hat schließlich niemand um ihre Meinung gebeten.

Es gibt noch eine Geschichte, eine nette, keine so brutale mit gefolterten Kaninchen und so weiter. Das auf Aristoteles zurückgehende Gleichnis von Buridans Esel. Der zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen sitzt und sich für keinen der beiden entscheiden kann. Das Ergebnis ist allerdings dasselbe wie bei dem Kaninchen: Der Esel verhungert schließlich. Und so sind wir Menschen. Eine Horde dämlicher Esel.

Wie mag sich Muammar al-Gaddafi heute Abend fühlen? Oder Husni Mubarak? Was wird den anderen Despoten des Nahen und Mittleren Ostens jetzt grade durch den Kopf gehen? Und was mag sich der ehemalige Präsident Tunesiens, Zine el-Abidine Ben Ali, gedacht haben, bevor ihn ein Hirnschlag ereilte? Kaum anmaßend zu behaupten, dass die Genannten schlicht die Welt nicht mehr verstehen.

Oder Silvio Berlusconi. Hätte der es vor ein paar Wochen oder Monaten für möglich gehalten, dass irgendwer ihn tatsächlich vor Gericht stellt – wegen Verführung einer Minderjährigen? Hätten Charles und Camilla es sich noch vor Kurzem vorstellen können, dass sie in ihrer Limousine vom wütenden Mob angegriffen werden? Die USA, dass sie innerhalb eines Jahrzehnts von der unangefochtenen Weltmacht zu einem bloßen Mitläufer verkommen könnte, für die man sich phasenweise nur noch in Randnotizen interessiert? Oder Dr. a. D. Guttenberg, dass innerhalb einer Woche “abstruse Vorwürfe” zu “gravierenden Fehlern” werden können? Ich würde eher vermuten: mitnichten.

Ich bin gespannt zu erfahren, wie wir diese Dinge, die sich praktisch im Grunde erst in diesem Jahr ereigneten (Prinz Charles wurde im vergangenen Dezember angegriffen) irgendwann bewerten werden. Was wir sagen werden, über diese Ereignissen, die wahrscheinlich anders sind und waren als viele Ereignisse in den Jahren und Jahrzehnten zuvor. Und ob wir sagen werden, dass sich heute, jetzt, 2011 etwas Grundlegendes verändert hat.

Um eine Prognose zu wagen: Ich glaube schon. Es hat sich etwas verändert. Etwas Grundlegendes. Nachhaltiges. Und hoffentlich Weitergehendes. Wir werden augenblicklich Zeuge des Wettlaufs zweier Systeme oder Weltbilder wenn es beliebt. Erleben den Kampf zwischen dem Alten, in dem Herrschaftsansprüche einfach durchgesetzt wurden, tradiert und weitergegeben wurden, ohne hinterfragt oder weiterentwickelt zu werden.

Und der Herrschaft der Schwarmintelligenz, die – neben zahllosen Amateurpornos und Videos über niesende Pandas – im Begriff ist das Bewusstsein der Menschheit zu verändern. Tief. Umfassend. Und nachhaltig. Und wenn dieser Prozess nicht durch die etablierten, die Ressourcen kontrollierenden Kräfte gestoppt wird, werden wir irgendwann sagen können, dass nichts mehr ist und sein wird wie es seit Anbeginn der Menschheit bisher immer schon gewesen ist.

Niemals in der Geschichte der Menschheit hatte die gern als “Volk”, “Gesellschaft”, manchmal auch “Graue Masse” bezeichnete machlose Mehrheit derart viel Macht wie sie sie grade besitzt. Nie war die Menschheit zuvor in der Lage, sich jenseits institutionalisierter Systeme, Kanäle und Prinzipien zu informieren, zu dynamisieren und zu organisieren als heute. Die Revolution ist im Gange. Inmitten unter uns. Und wir alle, die wir jetzt leben, werden später einmal sagen können, dass wir dabei gewesen sind. Ein Teil davon waren.

Als die Zukunft Gegenwart wurde.

Was haben wir für ein Glück mit unserer Sonne.  Ein kleiner gelber Stern der äußerst genügsam mit seinem Energiehaushalt umgeht – mit  knapp 11 Mrd. Jahren Brenndauer, wobei gerade mal die 1. Halbzeit absolviert ist.  Ein Wunderwerk der Effizienz und Nachhaltigkeit. Würde die Sonne in Deutschland leben,  hätte sie sicherlich bereits mehrere Preise für ihr umweltgerechtes Verhalten verliehen bekommen. Wir schippern mit unserem Sonnensystem relativ unbehelligt am Rande unser Galaxis und konnten uns daher so prächtig entwickeln.

Ganz anders die Sterne, die sich nahe dem Zentrum der Milchstraße aufhalten. Pflegen wir zu unserem Nachbarsystem Alpha Centauri, einen gesunden Abstand von ca. 4,3 Lichtjahren,  gehts nahe dem Zentrum recht eng zu.  Als Stern stirbt man dort recht schnell, wird zermalt, hin und her geschoben, ist den Gravitationskräften gnadenlos ausgesetzt. Zumal ein riesiges Schwarzes Loch die Umgebung absaugt, wie eine penible Hausfrau den Staub beim Wochenendputz. Ganz zu schweigen von den roten Riesen, die ihr Pulver so mir nichts, dir nichts in 10  Millionen Jahren verschießen und in deren Sonnensystemen sich wohl kein Leben entwickeln kann.

Der größte bekannte Stern des Universum trägt die wenig phantasievolle Bezeichnung “VY Canis Majoris”, zu dem ich gerne ein paar Eckdaten loswerden möchte: Der Radius beträgt das ca. 2.000fache des Sonnenradius. Der Durchmesser ist 200.000 mal größer, als der der Erde.  Zur Verdeutlichung: Ein Flugzeug welches mit 800 km/h fliegt würde, um den Durchmesser VY Canis Majoris’ zu durchfliegen, 356 Jahre brauchen.  Dieser Stern ist mindestens 500.000 mal so hell wie unsere Sonne. Würde VY Canis Majoris den Platz unserer Sonne einnehmen, dann würde seine Oberfläche bis zur Umlaufbahn des Saturns reichen.  Genug der Superlative, schaut euch das Video an: