Archive for the ‘Kniffe des Lebens’ Category

Nov 13

Es wird warm im Winter

Posted by Winston Wolf in Kniffe des Lebens

Video der Woche (41): Get On Your Snuggie

Alle Menschen sind klug.
Die einen vorher. Die anderen hinterher.
Chinesisches Sprichwort

Ich kann mich gar nicht entscheiden, ob mich die Entwicklung, die die Occupy-Bewegung nimmt, eher langweilen oder einfach nur deprimieren soll. Langweilen tut sie mich ohne Frage, denn auch wenn die dort versammelte Gemeinschaft sich immer wieder recht putzige Aktionen überlegt und etwa symbolisch die “Banken in die Schranken” weist, ist damit nur wieder einmal der allgemeine Unmut bekundet worden, dass “das System” nicht gerecht ist. Irgendwie. Und überhaupt wäre es schon schön, “Großbanken zu zerschlagen” und “Reichtum umzuverteilen” Hauptsache, dass sich “was ändert“, weil es das schließlich muss. Da ist es natürlich auch wichtig, dass man gleich gegen alles demonstriert, was einen so offensichtlich stört an dem System und der Welt als solcher: Atomkraft natürlich. Afghanistankrieg – ja, wie kommen wir denn überhaupt da hin? Und Kinderarbeit selbstredend. Armut sowieso. Nicht zu vergessen dringend zu klärende Detailfragen wie etwa die Einführung eines Betriebsrats bei Lidl oder die Arbeitsbedingungen in irgendwelchen afrikanischen Uranminen. Herrje. Und weil man selber nicht so richtig weiß wie das alles gehen soll und warum das überhaupt so ist, ist zumindest klar, was all dem Abhilfe schaffen würde, weshalb – neben dem bereits Zitierten – vor allem “Echte Demokratie” gefordert wird. Und zwar jetzt. Sofort. Und überhaupt.

Nun ja, da ich mich ohnehin grade mit Klischees beschäftige, tut es insofern ganz gut zu sehen, wie stereotyp dieses Verhalten ist. Wie überraschungsarm. Und unglaublich vorhersehbar. Und ich würde ne Wette drauf abschließen, dass sich unter den AKW-Demonstranten und Stuttgart21-Gegnern sicher auch ein paar befunden haben, die wahlweise auch gleich gegen die Banken demonstriert haben. Und das System. Sowieso. Und überhaupt. Es scheint fast eine Art Herdenverhalten der Linken zu geben, sich bei jeder als irgendwie ungerecht empfundenen Situation zusammenzurotten, darüber zu schwadronieren und mit bisweilen sogar ziemlich witzigen Aktionen den eigenen Unmut zu bekunden. Auch wenn sich einem Außenstehenden nicht wirklich der Sinn erschließt, was damit bezweckt werden soll. Ich vermute ja insgeheim, damit man sich am Ende entschuldigend auf die Schultern klopfen und gegenseitig versichern kann: Wir haben es ja gleich gesagt. Denn angesichts der Tatsache, dass die aus der Anti-AKW-Bewegung hervorgegangen zwischenzeitlich gar an der Regierung beteiligte Partei es den Konservativen – und damit quasi den Gegnern – überließ, die Meiler mit und mit vom Netz zu nehmen. Ist von ein paar Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Polizei abgesehen bei all dem linken Gehabe der letzten 30 Jahre nicht viel rausgekommen. Zumindest nichts Offensichtliches. Und das ist, was mich an der Bewegung so deprimiert. Dass sich offenbar stereotype Verhaltensmuster auf die – landläufig Occupy bezeichnete – Bewegung übertragen so als ginge es darum, die Abschaltung des nächsten AKW in Angriff zu nehmen. Oder gegen irgendeinen Bahnhof zu demonstrieren. Obwohl das mitnichten der Fall ist.

Die Probleme, die die Occupy anspricht, sind ernst. Und sie betreffen einen Großteil der Menschen. Wenn nicht uns alle. Und es ist schade, dass innerhalb der  Bewegung offenbar so wenig Anstalten gemacht werden, etwas Konkreteres zu tun als ein paar nette Schilder zu malen und ein paar kesse Sprüche draufzupinseln, sich als Banker zu verkleiden und mit Monoly-Geld um sich zu schmeißen, um irgendwen auf irgendetwas hinzuweisen. Die Bewegung demonstriert für mich damit lediglich, dass die sie tragenden Menschen ihrer selbst angemahnten Verantwortung nicht gerecht werden und sich vielmehr darin gefallen, Symbolisches zu tun, denn konkrete Lösungen zu gestalten. Womit eine große Chance vertan werden dürfte. Einmal etwas zu verändern. Bevor es dann schließlich knallt. So geschehen nach Fukushima. Allen Demonstrationen zum Trotz.

Es gibt etwas, das mir seit 2 Jahren auf der Seele liegt und auf den Magen schlägt. Kein Wunder, es hat mit Geld zu tun. Und mit dem Staat. Einige ahnen vielleicht, wohin diese Kombination führt: Finanzamt. Doch wie ich feststellen musste, nicht nur dahin. Alles ist vernetzt, alles ist global, alles ist abhängig. Und einer gewissen Abhängigkeit will ich mich nicht hingeben, nämlich der des Bankkredits.

Ich habe schon in meinem Studium lange gezögert, bis ich irgendwann doch aus finanzieller Not das Bafög beantragt habe. Ich will gar nicht davon sprechen, dass meine Bezugszeit um die Zeit verkürzt wurde, ich der ich es hätte haben können, es aber nicht wahr genommen hatte, auch wenn ich das an sich für eine seltsame Logik erachte. Aber um das Bildungsfördergeld soll es hier nicht gehen. Es geht um Steuern. Genauer, um Steuernachzahlungen. Diese hatte ich zu leisten, weil ich neben meinem Angestelltenjob mit direkt abgeführter Lohnsteuer als Freischaffende im Jahr zusätzlich 2000 Euro  verdient habe. Das ist aufs Jahr gerechnet NIX. Meine beiden Einkünfte werden jedoch zusammen gerechnet und ergeben somit eine Summe, für die ein höherer Steuersatz fällig ist, als wenn man meinen Lohn und meine Honorar unabhängig voneinander versteuern würde. Nun bleibt von 2000 Euro ja nicht viel übrig, und der laufende Lohn reicht für die laufenden Kosten, mehr aber nicht. Innerhalb von 2 Monaten soll ich nun knapp 200 Euro nachzahlen und 400 Euro voraus zahlen. Das macht 600 Euro. Innerhalb von 2 Monaten. Woher nehmen? Was tun? Man richtet sich zuerst an das Finanzamt und bittet entweder um Aufschub oder um Ratenzahlung.

Und das wird einem ja auch eventuell genehmigt, wenn man man seine finanzielle Lage darstellt und WENN MAN NACHWEIST, DASS MAN KEINEN KREDIT BEKOMMT. Und da wurde ich stutzig, um nicht zu sagen sauer. Ich verstehe ja, dass ich nach geltendem Recht in der Schuld des Staates stehe, und diese Schuld zu begleichen ist, schließlich muss der Staat ja auch kalkulieren. ABER: Verstehe ich das richtig, dass der Staat mich nun dazu treibt, oder gar von mir verlangt, mich bei Bankinstituten zu verschulden (mit Zinsen), um meine „Schulden“ beim Staat zu bezahlen? Waren  Staat und Wirtschaft nicht mal getrennt? (Gut, dass sie es nicht sind, wissen wir ja leider alle spätestens seit dem Rettungsschirm für die Banken! Ber diese Praxis scheint es länger zu geben:). Es gibt hier zwei Möglichkeiten: entweder ich verschulde mich bei einer Privatbank und muss Zinsen zahlen, die mich noch mehr in die Schuldenfalle treiben (oder kann ich die etwa von der Steuer absetzen?), was bedeutet, dass der Staat mich dazu zwingt, mich in den Strudel der Bankenwirtschaft zu begeben, die in den letzten Jahren für eine weltweite Krise gesorgt hat durch Menschen, Firmen, Staaten, die die Kredite nicht zurückzahlen konnten (und auf dem Wege sähe ich mich auch in Anbetracht meiner finanziellen Lage). Es könnte auch heißen, ich solle mich nicht bei der Privatwirtschaft, sondern bei den Landesbanken verschulden, aber dann würde ich mich ja beim Staat verschulden, um meine Schulden beim Staat zu begleichen. Hä?!

Sehen wir mal vom geltenden Steuerrecht ab, das ich als ungerecht betrachte – wie kann es sein, dass ein staatliches Amt mich dazu zwingt, mich bei einem Kreditinstitut zu verschulden mit zusätzlichen Schulden (Zins), die ich nicht bezahlen kann – sonst würde ich ja nicht um Aufschub oder Ratenzahlung bitten. Wie kann es sein, dass die demokratisch gewählte Regierung, die dem Volk zumindest in der Theorie (wie wir wissen, sieht es mit der Praxis durchaus mal anders aus) dienen soll von mir verlangt, meine Steuernachzahlung dadurch zu finanzieren, dass ich mich mit zusätzlicher Last bei den Banken verschulde?! Ich bin ja durchaus bereit, die Steuern zu zahlen, warum kann ich es nicht in zinslosen Raten abzahlen, wenn ich die finanziellen Mittel nicht habe, ohne zusätzliche Schulden zu machen?! Ich erachte das nicht nur als  paradox, sondern auch illegal, sollte der Staat doch von der Privatwirtschaft unabhängig sein. Dass er es nicht ist, haben wir ja leider in den letzten Jahren zugenüge gesehen. What a shame!

Wir hatten es ja kurz erwähnt, dass in Oakland einer der Demonstranten ernsthaft von der Polizei verletzt worden ist. Entsprechend war zu erwarten, dass sich zumindest der Oakland-Arm der Occupy-Bewegung radikalisierte und zunächst zum Generalstreik aufrief, dann, in der vergangenen Nacht, Oaklands Hafenanlagen blockierten und so den Betrieb des wichtigsten Umschlagplatzes der US-Westküste praktisch zum Erliegen brachte. Was insofern einem Pyrrhussieg gleichkommen dürfte, als die bis dato mehr oder minder friedliche Bewegung nun einen ersten Anlass gibt, notfalls mit Gewalt gegen sie vorzugehen.

Damit zeigt sich aber auch gleich das Dilemma, das diese offenbar weltweit Anklang findende Bewegung hat. Selbst wenn man ihr unterstellte, dass sie inhaltlich mehr zu bieten hat als nur eine unbestimmte Ahnung, dass unser Geldsystem schlicht ungerecht ist, und sich irgendwas irgendwie ändern sollte. Und zwar am besten sofort. Und überhaupt. Denn selbst wenn ein gewisser Konsens erzielt werden würde, was denn genau geändert werden müsste, bliebe immer noch die Frage, wie diese Änderungen – oder nennen wir sie doch besser: Umwälzungen – überhaupt zu erreichen wären. Zumal mit den von der Bewegung gern zitierten 1% eben jene Gesellschaftsschicht gemeint ist, die wesentlichen Einfluss hat auf die herrschende Ordnung. Und sicherlich nicht viel Interesse zeigen wird, ebendiese Ordnung über den Haufen zu werfen.

Was also soll man tun? Wenn man nicht unbedingt Hafenanlagen besetzen will? Forderungen erheben? Demonstrieren bis der Arzt kommt? Ausharren und auf bessere Zeiten hoffen? Oder gar auf Einsicht? Im Moment befeuert sich die Bewegung möglicherweise noch durch eine gefühlte weltweite Verbundenheit. Durch das Wissen womöglich, dass man im Recht ist. Irgendwie zumindest. Dass es so nicht weitergehen kann. Auch wenn vielleicht niemand so richtig weiß wohin es denn eigentlich gehen soll. Na ja, vielleicht hilft es ja, wenn wir Griechenland aus der Euro-Zone schmeißen. Oder die Tea-Party-Bewegung den nächsten Präsidenten stellt.

Ich bin dazu gefragt und nach meiner Antwort gebeten worden, das Gesagte noch einmal zu skizzieren. Weshalb ich nun kurz darlegen will, wie das japanische Fureai Kippu ein wesentlicher Baustein sein könnte, das bestehende System allmählich in das neue System zu überführen. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass nur wenige Wirrköpfe ein ernsthaftes Interesse an einem -wahlweise gar gewaltsamen – Umsturz haben. Auch wenn ein paar tausend Verzweifelte in ihrer Hilflosigkeit schon mal ne Hafenanlage besetzen. Oder Tottenham in Schutt und Asche legen.

Das japanische System Fureai Kippu ist denkbar einfach: Die jüngere Generation sorgt sich um die ältere Generation und bekommt im Gegenzug die geleisteten Stunden gutgeschrieben. Wenn die jüngere Generation dann selbst alt wird oder krank oder deren Eltern, können die geleisteten Stunden beansprucht werden, und jemand anderes kommt und kümmert sich um einen. Dieser Gedanke besticht durch seine schlichte Eleganz. Und zwar nicht, weil sich die Jungen um die Alten kümmern, was notwendigerweise überall auf der Welt geschieht. Sondern weil durch die Verrechnung der geleisteten Arbeit de facto eine Währung geschaffen wird.

Betrachtet man sich die lange Liste der allein in Deutschland existieren Regionalgeld-Initiativen, so wird schnell klar, dass die Idee von umlaufgesichertem Geld vielerorts unterstützt wird. Nimmt man nun noch die ebenso zahlreich vorhandenen Tauschringe hinzu, stellt sich fast schon die Frage, warum nicht mehr Leute längst etwas wissen über Freigeld & Co. Oder grade erst beginnen, sich dafür zu interessieren. Nun , wenn mir die Vermutung gestattet sei: ich glaube, es liegt vor allem daran, dass es sich um mehr oder minder gut funktionierende Experimente von bestimmten Personenkreisen handelt, die letztendlich unter sich bleiben und von weiten Teilen der Bevölkerung – wenn überhaupt – als spinnerte Exoten wahrgenommen werden. Oder anders ausgedrückt: Die Sache mit dem Regiogeld ist schlichtweg unsexy. Von Tauschringen ganz zu schweigen. Man muss sich nur mal die Namen einiger Initiativen ansehen: Allgäuer, Chiemgauer, Freitaler, Rhein-Neckar-Mark, Zschopautaler. Das klingt ja schon wie ein versammelter Heimatfilm.

Das aber macht es für Außenstehende, allenfalls am Rande Interessierte nicht unbedingt leicht, sich für eine solche Idee zu begeistern. Zumal die Bereitschaft, sich überhaupt in solchen Vereinigungen zu engagieren, generell nicht sehr hoch sein dürfte. Zumal der regionale Charakter all dieser Projekte eine überregionale Einbindung erschwert wenn nicht schier undurchführbar macht. Diese Nachteile würden durch das Fureai Kippu-System zumindest teilweise beseitigt, auch wenn das finale Ziel der Schaffung einer einheitlichen, mit einem negativen Zins belasteten Währung für einen Moment vernachlässigt würde. Dagegen hätte die Idee des Fureai Kippu den entscheidenden Vorteil, dass es eben nicht um Geld und all dieses langweilige Zinsgelaber ginge, sondern vornehmlich um die Beschäftigung mit und Hilfestellung für Hilfebedürftige. Was für viele möglicherweise ein Anreiz sein könnte, sich entsprechend zu engagieren.

Folgendes Szenario wäre durchaus vorstellbar:

1. Nach Klärung wesentlicher Fragen, die in Zusammenhang mit der Schaffung einer Währung zu stellen sind (und die insbesondere fiskalische und organisatorische Probleme betreffen) könnten ohne überladene Organisationsstrukturen ortsunabhängige Hilfsprojekte ins Leben gerufen werden, wie wir es im Rahmen des PAL-Projektes bereits gezeigt haben.

2.  Wären diese Strukturen etabliert, ließen sich grade die Tauschringe gut in das System integrieren mit dem Ziel, Dienstleistungen irgendwann generell mithilfe dieser Währung anzurechnen. Entsprechend wäre vorstellbar, einen Teil des Geldes, das man für Kino- oder Friseurbesuche zu bezahlen hätte, in der Komplementärwährung bezahlt werden könnte.

3. Im dritten – zugegebenermaßen im Moment ziemlich gewagten Schritt – ließe sich durchaus vorstellen, die Realwährung zur Komplementärwährung konvertierbar zu machen. Und Leuten die Wahl zu lassen, ob sie in der einen Währungszone oder in der anderen arbeiten wollen. Oder sogar in beiden.

Ich will nicht alle sich daraus wieder ergebenen Konsequenzen an dieser Stellen erörtern. Es wäre ja auch vorstellbar, dass man über einen solchen Weg wenigstens mal diskutiert. Für die Occupy-Bewegung könnte durch das japanische System vielleicht wirklich eine Möglichkeit ergeben, der Welt zu zeigen wie einfach es sein kann.

Die Welt zu verändern.

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Literatur: Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft, Riemann Verlag 2002

Okt 16

Wie bedient man eine Zeitschrift?

Posted by Winston Wolf in Kniffe des Lebens

Video der Woche (37): A Magazine Is an iPad That Does Not Work

Es hat sich ganz schön was verändert in der Welt seit wir diesen Blog im April 2009 begonnen haben. Damals war die Krise, die die Welt überrollt hat, erst als schwacher Schimmer am Horizont erkennbar, auch wenn damals schon dauernd von Banken-Zusammenbrüchen und Massenentlassungen gesprochen wurde. Doch damals schien die Welt irgendwie noch in Ordnung, und man hatte das Gefühl, dass all die Probleme, von denen nun geredet wurde, sich schon irgendwie wieder einrenken würden. Naja, ich brauche ja niemanden daran zu erinnern, dass auch damals nicht alles in Ordnung war, insbesondere nicht in Hinblick auf diesen vermeintliche Krieg zwischen Christentum und Islam, der – so kommt es mir jedenfalls vor – das erste Jahrzehnt des Neuen Jahrtausends fast ausschließlich bestimmt hat.

Mag sein, dass es am neuen US-Präsidenten liegt, dass diese Wogen sich geglättet haben, daran, dass Osama Bin Laden inzwischen tot ist und gefühlt jede Woche ein ranghohes Al-Quaida Mitglied von einer Drone in Stücke gerissen wird. Vielleicht sind auch durch die Verschiebung alter Machtverhältnisse – der Aufstieg Chinas, der Arabische Frühling – einige althergebrachte Vorstellungen ins Wanken geraten und dieser seltsame “Kampf der Kulturen” im Nachhalldes 11. Septembers einfach nicht mehr so wichtig und überholt. Womöglich tobt er auch ungehindert weiter, und wir kriegen es einfach nicht mehr so mit, weil die Ereignisse sich angesichts all der drohenden Staatsbankrotte schlichtweg überschlagen. Oder die Welt stellt nun und mit Verblüffung fest, dass der gute, alte “Westen”, der sich jahrzehnte- wenn nicht jahrhundertelang mit Selbstverständlichkeit eines Auserwählten als Herrscher über den Planeten wähnen durfte, inzwischen ein ziemlich bedauernswertes, geradezu jämmerliches Bild abgibt, und sich nicht einmal mehr zu bekämpfen lohnt. Wie etwa, wenn das Bundesamt für Wehrverwaltung einen Soldaten im Afghanistan-Einsatz auffordert, einen auf einer Patrouille verloren gegangen Handschuh im Wert von 7,17 Euro zu ersetzen. Oder die Bundespolizei das Benzin rationiert, weil einfach das Geld fehlt. Ojemine.

Ganz am Anfang hatte ich die sehr unkonkrete Idee, mittels dieses Blogs ein Netzwerk aufzubauen, in dem sich Gleichgesinnte austauschen und gemeinsam mögliche Lösungen erörtern, wie dieser ganze Quatsch, der sich dort draußen vor unserer Tür abspielt, zu beenden ist. Da damals schon abzusehen war, dass dieses System sich innerhalb der nächsten zehn Jahre überleben wird, hatte ich gehofft, sich mit und mit immer mehr Menschen finden zusammenfinden würden, die gewillt wären, aufzustehen und wirklich etwas zu verändern. Nun, diese Leute gibt es tatsächlich, immer mehr, in immer mehr Ländern – Griechenland, Spanien, Ägypten, USA, Großbritannien, Chile. Sie streiken, rufen zum Protest auf, beklagen die Ungerechtigkeit mittels des Internets, bringen Machtverhältnisse ins Wanken von Tripolis bis Stuttgart und wählen aus lauter Verzweiflung unnütze Parteien. Antworten aber geben sie nicht. Und das ist das Mysterium für mich, dass mich immer noch mit tiefer Ratlosigkeit befällt. Dass es die Antworten gibt. Und sie niemand hören will. Oder kennt. Oder abtut als unsinnig. Undurchführbar. Hanebüchen. Als ob die Rezepte von Schwarz-Gelb, Rot-Grün, Rot-Rot-Orange, Blassblau, Schneeweiß, Rosarot, Kotzgrün oder Tea-Party-Braun sinniger wären. Durchführbarer. Und nicht aus dem Holz der Hagebuche. Ich begreif’s einfach nicht. Ganz ehrlich.

Auch wenn mich gerade dieser Umstand jedesmal wieder aufs Neue zwingt, weiter zu machen. Auch wenn es mich – wie phasenweise bei der letzten Serie zu den Märkten – selbst über weite Strecken langweilt. Aber vielleicht hilft es ja was. Man weiß ja nie.

Ich danke meinen Mitstreitern, allen voran Sir Winston Wolf, Bibi Blogs, Agnieszka, Miss Me Too und allen, die immer mal wieder oder auch regelmäßig hier vorbeischauen. Und da ich weiß, dass das inzwischen ziemlich viele Leute sind, schließe ich mit der Bitte, doch in Zukunft vielleicht mal den ein oder anderen Artikel zu kommentieren. Damit ein bisschen mehr Interaktion stattfindet und vielleicht ein paar neue Ideen entstehen.

In den nächsten 500 Artikeln.

Bevor sich Dumpfbacken wie Barth, Mittermeier und Co. auf die deutschen Bühnen und Bildschirme drängten und mich an der Qualität der deutschen Komik zweifeln ließen, gab es einen, der mir gezeigt hat, dass Deutsche durchaus Humor haben können – und Selbstironie. Kaum ein anderer war in der Lage, die deutsche Gesellschaft so witzig, pointiert und subtil aufs Korn zu nehmen wie Loriot. Streng soll er gewesen sein in seiner Arbeit, perfektionistisch und eigenwillig. Diese preußischen Tugenden, die er zuhauf in den eigenen Sketchen verballhornte, brachten uns die unvergesslichen Herrn Müller-Lüdenscheidt, Herrn Lohse und Lothar Frohwein. Geboren als Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, ist Loriot am 22. August seinem Alter von 87 Jahren erlegen. Seine Werke bleiben, und die Neigung, Opa Hoppenstedt zuzustimmen: „Früher war mehr Lametta“.

Was haben Ägypten, Israel, Spanien, Portugal, England, Tunesien und Griechenland gemeinsam? Hätte man vor einem Jahr noch nicht beantworten können, diese Frage. Die genannten Länder liegen ja nicht einmal auf demselben Kontinent. Doch natürlich weiß inzwischen jeder, auf was genau diese Frage abzielt, die diese sieben Länder in einem Atemzug nennt, weshalb ich mir nicht mal die Mühe mache, die offensichtliche Antwort zu geben.

Die Frage für heute ist, an welchem Punkt geschichtlicher Entwicklung wir stehen?  Denn es ist, denke ich, ziemlich unstrittig, dass die Vorgänge in den genannten Ländern durchaus als Folge des weltweiten wirtschaftlichen Niedergangs gewertet werden können. In den europäischen Ländern stellt sich ohnehin nicht die Frage, ob die Demonstrationen der Jugend mit der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit in Zusammenhang stehen. Doch auch die Umsturzbewegungen in Nordafrika sind hauptsächlich wirtschaftlich motiviert, bedingt durch hohe Arbeitslosigkeit der relativ jungen Bevölkerung, steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise, Inflation, wachsende Armut, kurz alles, was man auch zu Griechenland oder Spanien sagen könnte.

Wenn ich jetzt die Länder dazurechne, deren Bevölkerung zumindest Grund hätten zu protestieren, die praktisch insolventen USA, Frankreich, die ebenfalls um ihr Spitzenrating bangen, Italien, noch ein G8-Mitglied, das in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckt, herrje. Da wundert es wohl nicht, dass auch das letzte absolutistisch regierte Land Afrikas, Swasiland, de facto bankrott ist. Und – wer hätte das gedacht – selbst in auch China führt die vielzitierte “Kluft zwischen Arm und Reich” zu Unruhen, auch wenn die chinesische Staatsführung gewohnt souverän agiert und sich das Heft sicher nicht aus der Hand nehmen lässt.

Also, noch einmal. An welchem Punkt geschichtlicher Entwicklung stehen wir?  Sind all diese Entwicklungen nur ein Strohfeuer, eine heftige, aber zeitlich begrenzte Reaktion auf wirtschaftlich schwierige Zeiten, wie sie immer wieder vorgekommen sind und wohl immer wieder vorkommen werden? Oder etwas epochemachendes, langfristig veränderndes, gar das Herausbrechen eines neuen Zeitalters? Wenn Konservative Gallionsfiguren wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher plötzlich räsonieren, dass die Linke vielleicht doch Recht hat – was sie nicht hat. Oder Erklärungsbemühungen und Rettungsvorschläge so genannten Experten ziemlich hohl und irgendwie verzweifelt klingen. Kann das vermutlich tatsächlich als Beleg gewertet werden, dass etwas grundsätzlich aus den Fugen geraten ist. Da braucht nicht mal mehr kopflos agierende, konzeptlos regierende Politiker, die man als Beleg wahrscheinlich dutzendfach anführen könnte.

Ich will nicht in der Gegend rumtheoretisieren, aber meiner Meinung nach gibt es Ereignisse nach denen ein neues Zeitalter anbricht. Etwa die Entdeckung Amerikas, die Französische Revolution oder auch die Zeit von 1918 bis 1945, die die Weltordnung wie wir sie heute kennen zementierte. Und es gibt epochemachende Ereignisse, die gravierend sind, aber Ausdruck sind eines Zeitalters oder Vorboten eines heraufziehenden. Der 30jährige Krieg etwa als Fanal innerhalb der Glaubenskriege. Die Revolution von 1848, der Deutsch-Französische Krieg, ja selbst die anschließende Reichsgründung. Selbst die beiden großen Ereignisse der letzten Jahrzehnte, der Mauerfall und der 11. September – es fällt schwer diese gravierende Einschnitte in die bestehende Ordnung als Anbruch eines neuen Zeitalters zu deuten und nicht nur als “bloßes” epochales Ereignis.

Wo aber stehen wir jetzt? Dass etwas passiert, passieren wird, ich denke, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Auch wenn dem noch nicht lange so ist. Eine neue Epoche? Ein neues Zeitalter? Eines ist jedenfalls klar. In ein paar Jahren schon, gehört uns dieser Planet. Uns. Und wir tragen die Verantwortung für all die Scheiße die da draußen vor sich geht, und die wir jetzt noch anderen in die Schuhe schieben können. Und vielleicht fällt dieser Übergang – der sicherlich längst begonnen hat – in eine Zeit in der Umbrüche notwendig, zwingend werden.

Mal sehen, was wir dann daraus machen. Wenn wir die Chance bekommen. Nur einmal etwas anders zu machen.

So ein Jammer. Da hatten wir uns in unserer schönen neuen Welt doch schon so herrlich eingerichtet! Wir haben doch schließlich den Kommunismus besiegt, und damit gezeigt, wer das richtige, das gute, das einzig wahre System auf diesem Planeten gefunden hat. Haben uns zwar von ein paar afghanischen Kameltreibern eine zeitlang ins Bockshorn jagen lassen. Ihnen dann aber doch ordentlich die Fresse poliert. Und abgesehen von ein paar Kriegen, die wir zur Verteidigung der uns zugedachten Freiheitsrechte angezettelt haben, war es doch im großen und ganzen ziemlich friedlich gewesen die letzten Jahre. Ein paar Terroranschläge, ein paar afrikanische Piraten, ein paar Drogendealer-Scharmützel in Lateinamerika – pah! Ein bisschen Schwund ist schließlich immer. Und außerdem lief es doch ganz gut, die Wirtschaft im Wachstum, die Menschen in Wohlstand, Glückseligkeit und Frieden. Und die paar Zurückgebliebenen bekamen einfach Besuch von der Supernanny oder von SAT1 eine Renovierung spendiert. Wirklich. Alles hätte so schön sein können. Und nun das!?!

Ich meine, die Jugend in den arabischen Ländern, die sich gegen die Despoten erhoben haben, die haben wir schon irgendwie unterstützt. Ist ja auch nicht in Ordnung, sein Volk zu knechten und so. So richtig getraut haben wir uns zwar nicht, uns auf die Seite der Freiheitskämpfer zu schlagen (apropos: was ist eigentlich aus dem Libyen-Krieg geworden?). Aber insgeheim sympathisiert haben wir schon mit, ähem, denen. Gut, das hat uns zwar nicht von Panzerlieferungen in ähnliche Krisenregionen abgehalten. Aber so ist das nun mal in der heutigen Welt. Alles ist so furchtbar kompliziert. Weshalb man bei derartigen Waffendeals die Öffentlichkeit am besten gar nicht informiert. Oder – wie im Zuge des Atomausstiegs – das Parlament im wahrsten Sinne des Wortes nur von der Entscheidung der Regierung in Kenntnis setzt. Ohne große Debatte und all den lästigen Schnickschnack und so. Aber ich komm vom Thema ab.

Denn nicht nur in Nordafrika und im Mittleren Osten gibt es frustrierte Jugendliche. Die sich über die Errungenschaften unserer furchtbar schönen Welt einfach nicht so richtig freuen können. Die gar nicht wissen, wie gut sie es eigentlich haben. Undankbares Pack! Sollen die mal nach Somalia fahren und fragen, wie es denen da unten geht! Nun gut, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von europaweit gut 20% kann man den Frust schon ein wenig verstehen. Zumal etwa Spanien fast jeder zweite junge Mensch ohne Arbeit dasteht. Als ob man was daran ändern könnte! Als ob jemand Schuld sei an dieser so genannten Finanzkrise. Aber vielleicht ist das ja auch einfach die spätrömische Dekadenz, von der unser seltsamerweise-immer-noch-Außenminister vor gut einem Jahr schwadronierte. Oder, frei nach Jean-Jacques Rousseau (und fälschlicherweise Marie-Antoinette zugeschrieben): Wenn sie nix zu tun haben, sollen sie doch arbeiten gehen!

Und immer noch kann man die auf den Madrider Plätzen herumlungernden Tagediebe ja irgendwie noch verstehen. Denn wo wären wir bloß, wenn man nicht seinen Unmut zum Ausdruck bringen dürfte. Wenn sich da nicht jetzt auch noch die Engländer eingemischt hätten. Was haben die überhaupt damit zu tun? Die haben ja nicht mal den Euro. Und außerdem: von den Franzosen kennt man das ja, dass da alle Nase lang die Vorstädte brennen. Die haben die Revolution ja praktisch in den Genen liegen. Aber die Tommies? Und dann auch noch brandschatzend und plündernd? Also, die Queen wird das sicherlich überhaupt nicht amusen.

Also, wenn wir es genau nehmen, hat ja alles schon vor gut einem Jahr angefangen. Im November stürmten Studenten die Tory-Zentrale in London. Im Dezember griffen Vermummte das Auto von Thronfolger Charles an. Das hätte ja eigentlich schon zu denken geben müssen. Aber vielleicht hat das ja auch alles gar nichts miteinander zu tun. Schließlich sind doch bei den jüngsten Ausschreitungen überall auf der Insel nur irgendwelche Chaoten am Werk, die anscheinend gar nicht so recht wissen, was sie da tun und vor allem – warum? Warum nur? Nun weil Polizisten einen Mann aus Versehen erschossen? Naja, das ist echt tragisch. Aber darf ja wohl mal vorkommen. Fehler passieren schließlich. Und sind noch lange kein Grund zu randalieren und ganze Straßenzüge in Schutt und Asche zu legen.

Es gibt sicherlich nicht eine singuläre Erklärung für diesen scheinbaren Ausbruch der Gewalt. Ebenso wenig wie es sicherlich nicht die eine homogene Gruppe an Aufständischen gibt. Es ist zwar eine gewagte These, aber es ist nicht unsinnig anzunehmen, dass verschiedene Personengruppen mit verschiedenen Motiven für die Gesamtheit aller Vorkommnisse der letzten Tage verantwortlich sind. So ist fraglich, ob diejenigen, die die Sony-Lagerhalle in Brand setzten, dieselben sind, die einen verletzt am Boden liegenden Teenager ausrauben. Und ob die Vielzahl an Plünderungen allein von Kriminellen begangen wurden oder doch zumindest zum Teil von irgendwelchen Kindsköpfen, die sich von der Stimmung der Straße haben anstecken lassen. Und auch wenn es keine klare politische Botschaft der Randalierenden gibt, keine konkreten Forderungen und womöglich nicht einmal einen richtigen Anlass, der diese Ausschreitungen rechtfertigt, bleibt die Frage, ob es nicht einfach die Unzufriedenheit mit dem System ist, das – ausgelöst durch die Finanzkrise – gerade die Schwächsten zu Verlierern machte, während die “eigentlichen” Verursacher der Krise zugleich die höchsten Einkommenszuwächse seit einem Jahrzehnt verbuchen konnten.

“Wir zeigen den reichen Leuten, dass wir tun können, was wir wollen”, hat ein Mädchen, ein weißes sogar, der BBC als Begründung für die Unruhen genannt. Das ist keine politische Agenda. Nichts, was verbunden wäre mit irgendwelchen Forderungen. Bloße Ohnmacht gegenüber einer Gesellschaft, die sich fast schon damit angefreundet hatte. Dass alles so schön geworden war.

Auch wenn dieser Blog dizrespect heißt, ist nicht meine Absicht zu versuchen, jedem ans Bein zu pissen und über alles herzuziehen, schlecht zu reden, madig zu machen und zu allem und jedem meine kaum geschätzte und noch weniger beachtete Meinung in den Browser zu drücken. Noch dazu, dass ich glaube, dass von den wenigen, die diesen Blog lesen, noch weniger die tiefgreifende Kritik am Bestehenden in vielen Artikeln überhaupt bewusst ist. Nun, das wird zumindest für diesen Artikel nicht gelten, und meine wieder einmal lang gewählte Einleitung gilt dem Versuch, die Wogen von vornherein zu glätten, wenn ich mich hier buchstäblich hinstelle und fordere:

Es sollte keinen Gott geben.

Und bevor nun womöglich einige fromme Geister gekränkt nach dem Scheiterhaufen rufen und einige vermeintlich aufgeklärte Denker bloß an kalkulierte Provokation denken und sich verächtlich gähnend abwenden, sei mir eine kleine Erklärung erlaubt. Es ist ja nicht so, dass Kant alle scheinbaren Beweise für die Existenz Gottes als nicht stichhaltig analysiert hat. Genauso wie Nietzsche schon vor mehr als hundert Jahren erkannt zu haben glaubte, dass die Vorherrschaft der Geistes- und Naturwissenschaften Gott de facto getötet hat. Was allerdings die Milliarden von Gläubigen überall auf der Welt ebenso wenig davon abgehalten hat, an Gott und seine Gnade zu glauben wie die durch Gottes Gnade nur schwer zu erklärenden Monstrositäten à la Auschwitz und Srebrenica.

Wo wir schon von Gottes Gnade reden. Wenn ich die Denkweise der monotheistischen Weltreligionen richtig verstehen geht es doch im Großen und Ganzen darum ein gottgefälliges Leben zu leben, Gutes zu tun und mit seinen Taten die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wenn man sich daran hält, kommt man in den Himmel, wenn nicht droht ewige Verdammnis und unerträgliche Seelenqual. Natürlich kann man es sich irgendwie zurecht legen und sagen, dass man Gutes tut, wenn man Ungläubige abschlachtet, Menschen unterdrückt, Kriege führt, diffamiert, lügt, intrigiert, foltert, mordet. Alles im Namen Gottes. Und das ist der springende Punkt.

Ich selbst habe jahrelang gedacht, dass Religion und vor allem der Glaube an Gott unerlässlich ist, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. “Religion ist die Brücke zwischen Mensch und Moral.”, hab ich ständig verbreitet. Ich habe damals gedacht, dass, wenn es keinen Gott, keinen Himmel und keine Hölle gibt, die Menschen keinen Grund haben, sich vernünftig zu verhalten. Weil schlicht keine Konsequenzen drohen. Schließlich liegt den monotheistischen Religionen diese Belohnungs- und Bestrafungsphilosophie zugrunde. Die einen bestenfalls zu einem besseren Menschen macht, weil ansonsten unvorstellbare Qualen drohen. Aber ich musste erkennen, dass ich mich grundlegend geirrt habe.

Denn Gott ist in seiner Funktion mittlerweile nicht mehr Grund, sich sittsam und vernünftig zu verhalten. Sondern Ausflucht und Totschlag-Argument um jede noch so verkommene und menschenverachtende Handlungsweise zu rechtfertigen. Ob es nun die strikte Ablehnung der Evolutionstheorie durch radikale Christen ist, die Wahrheiten verdrehen und so tun als wäre die Welt noch eine Scheibe, nur um ihr Weltbild nicht antasten zu müssen. Oder das Verhalten radikaler Juden und Moslems ist, die vor Waffengewalt und Terror nicht zurückschrecken, nur um ihren Gott zu verteidigen bis aufs Blut.

Ich will gar nicht die Frage erörtern, ob es Gott gibt oder nicht. Das ist eine müßige Frage, die wir vermutlich niemals endgültig klären werden. Ich will auch niemandem seinen Glauben wegnehmen oder den Glauben seiner Väter und deren Väter. Noch mich darüber lustig machen in irgendeiner Weise. Wir wollen alle nur am Leben bleiben, und wenn der Glaube an Gott für den jeweiligen Menschen dazugehört, ist das sein gutes Recht. Was ich sagen will ist lediglich, dass ich finde, dass es keinen Gott geben darf. Geben sollte.

Dann kann er nämlich auch nicht mehr als Ausrede benutzt werden, um all die schlimmen Dinge zu tun, die die Menschheit so anstellt, von Krieg über Umweltverschmutzung bis zur Unterjochung ganzer Volksgruppen. All dieses Verhalten lässt sich nämlich nur rechtfertigen, wenn man einen Gott unterstellt, dessen Willen man sekundiert. Wenn man Gott wegließe, wäre jeder plötzlich auf sich selbst gestellt. Und für seine Taten verantwortlich. Wir wären nicht mehr Gottes Werkzeuge. Und wenn jemand von uns einem anderen etwas antun würde, dann wäre allein er es, dann wäre auch er allein dafür verantwortlich. Keine Ausflüchte mehr. Nur noch selbst entscheidende Individuen, die sich mit nichts herausreden können außer ihrem eigenen Verhalten.

Und mit einem Mal wären wir nur eine recht seltsam anmutende, kaum vorstellbare Spezies, die auf einem ziemlich kleinen, unbedeutenden Stein durchs nirgendwo fliegt, die nichts besseres zu tun hat, als sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Na, das wär doch mal was.