Archive for the ‘Kniffe des Lebens’ Category

Jun 03

Ertappt

Posted by agnieszka in Alles wird Gut, Hain des Plato, Kniffe des Lebens

Ohne den wissenschaftlichen Beweis momentan anführen zu können oder zu wollen, behaupte ich jetzt einfach Mal, dass die meisten Menschen Selbstgespräche führen – ob laut oder im Kopf. Ich tue es, beides. Das allein ist ja nun keine große Erkenntnis, und das folgende vielleicht auch nicht – ich genieße es aber manchmal auf eigenem Weg, so lang er auch dauern mag, zu bestimmten Schlüssen zu kommen, als mein Wissen vorab aus Büchern zu beziehen. Es zieht hin und wieder Schwierigkeiten nach sich, die man hätte umgehen können, aber so ist es spannender.

Vor einigen Tagen wurde mir etwas bewusst. Und zwar, dass ich, wenn ich mit mir Selbstgespräche führte – von angepissten Kommentaren über „nicht vergessen“ und to do liste bis „jetzt sitze doch mal gerade“ – mich selbst dabei so gut wie immer mit „du“ ansprach. „Du kannst das machen“, „das hast du gut gemacht“, „das kannst du nicht bringen“, „du solltest“, „du könntest“, „du machst das jetzt“.

An jenem Abend, als mir das auffiel, kam ich ins Bad, schaute mich im Spiegel an und sagte: „Das hab ich gut gemacht.“ Ja, ICH. Ich höre hin und wieder – und das seit geraumer Zeit – Stimmen, die sich darüber beklagen, dass die heutige Gesellschaft egomanisch sei, dass jeder nur an sich denken und auf den eigenen Profit aus sei. Da mag etwas dran sein, und auch ich gehöre manchmal zu jenen welchen, aber diese Stimmen gab es schon immer.

Ich dachte an diesem Abend, dass wir uns meistens sogar bei Selbstgesprächen, sogar wenn wir ganz allein sind, als jemand Fremdes begegnen, wir sprechen von uns in der dritten oder zweiten Person, selten in der ersten. Wir sagen „Man sollte“, „du könntest“ und beziehen es auch auf uns, doch gleichzeitig verstecken wir uns hinter dem Imperativ, hinter dem Schleier, der „du“ zu „ich“ werden lässt. Das „du“, das wir einem Fremden anbieten, ist etwas, das meistens als positiv und offen angesehen und angenommen wird. Das „du“ jedoch, das das „ich“ ersetzt, wenn man mit sich selbst spricht, sei mit Vorsicht zu genießen. Dass es wichtig ist, eine gewisse Distanz auch zu sich aufzubauen, das bestreite ich nicht. Doch gerade in der intimsten Minute, wenn wir – wenn ich – ganz allein bin, wieso duze ich mich statt mich zu „ichen“? Und ich rede hier nicht einmal von Fehlern, die sich ein jeder manchmal schwer zugesteht und deswegen zu einer Entfremdung gegenüber dem Ich neigt. Ich spreche von den alltäglichsten Pillepalle-Themen, die man auf dem Heimweg so revue passieren lässt. Wieso sagen wir, in den Spiegel schauend „gut siehst du aus“ und nicht „ich sehe gut aus“?

Später in der Nacht, nach ein paar Bier und dem Drang, trotz besseren Wissens wach zu bleiben, sagte ich mir: Ich habe genug gehabt für heute. Und ich putzte mir die Zähne und ging ins Bett. Früher sagte ich „du hast genug gehabt“ und machte mir noch eins auf.

Ich wollte einen Artikel schreiben, oder sogar mehrere. Doch mir schwirrt gerade so viel durch den Kopf, dass ich es mit den Händen nicht schnell genug kommunizieren kann. Also abwarten, beruhigen und hoffen, dass das meiste in der Erinnerung bleibt und es wert sein wird, darauf zurück zu kommen. By the way: liebe Männer, ich wünsche euch einen schönen, besinnungslosen Tag ohne Fressenhauen! Prost! Und dir, Jesus, Glückwunsch zur Himmelfahrt!

Es ist spät oder vielleicht doch eher früh und mir ist nach ein wenig Polemik, weil ich im Moment keine Lust habe, meine Gedanken über die Maßen auf ein staatstragendes Thema zu konzentrieren. Also mal sehen.

Heißt es nicht: Aus Schaden wird man klug? Und dass erst etwas passieren muss wie das Reaktorunglück in Fukushima oder die so genannte Finanzkrise bevor sich etwas ändert? Und dass wir den jahrzehntelangen Frieden in Europa hauptsächlich dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken haben und den vielen Millionen Toten, die die Überlebenden dazu gebracht hat zu sagen: Nie wieder! Und so weiter und so fort.

Und die Beispiele scheinen tatsächlich zu belegen, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Schließlich haben sich die Politiker durch die Rettung der Banken nicht ganz so dämlich (oder unwissend) angestellt wie jene Verantwortlichen, die beim weltweiten Zusammenbruch von 1929 den Dingen im Großen und Ganzen ihren Lauf ließen, dass die sich abzeichnende Depression sich ungehindert ausbreiten konnte. Und nicht zuletzt auch Mitursache war für die Erstarkung radikaler politischer Kräfte in Europa, allen voran natürlich der Adi und seine Gurkentruppe. Aber ich schweife ab. Denn neben den Rettungspaketen und -schirmen für Banken und Staaten, die zur Abwehr der so genannten Krise geschnürt und aufgespannt wurden, ist man nach der erschütternden Katastrophe in Japan auch gleich dazu übergegangen, zumindest in Deutschland ein paar Atom-Meiler vom Netz zu nehmen, obwohl man vor ein paar Wochen die Verlängerung der AKW-Laufzeiten für unerlässlich angesehen hat. Sicher ist jedenfalls sicher. Und man kann ja auch aus dem Schaden der anderen klug werden.

Also alles in Butter, oder? Der Krieg beendet, die Finanzkrise abgewendet, etwaige Störgrößen beseitigt. Und auch wenn sich die Deutschen unverständlicherweise aus den Kamphandlungen in Libyen raushalten, ist das Eingreifen einiger Nato-Staaten womöglich Beleg dafür, dass die Weltgemeinschaft nicht mehr dieselben Fehler zu tun gewillt ist wie etwa in Srebrenica 1995. Na wenns so einfach wäre. Ich habe nämlich überhaupt nicht das Gefühl, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Und das nicht nur im globalgalaktischen Sinne. Sondern in Bezug auf jeden von uns.

In einer Kurzgeschichte von Stephen King wird von einem Kaninchen erzählt, dass zu Anschauungszwecken in einem Käfig lebt, der unter Strom gesetzt werden kann. Und immer, wenn das Tier fressen will, wird ihm ein schmerzhafter Schlag verpasst. Was – entsprechend der Geschichte – dazu führen dürfte, dass das Kaninchen irgendwann vor seinem Napf verhungert, weil es gelernt hat Fressen mit Schmerzen gleichzusetzen, den es so gut es kann zu vermeiden sucht. So weit, so grausam. Und was hat das Alles jetzt mit irgendetwas zu tun?

Das Kaninchen versteht nicht, was passiert, es erfährt lediglich, dass es höllisch weh tut, wenn es fressen will. Und auch wenn es es sich nicht erklären kann und spürt, dass es fressen muss, um zu überleben, wird es vor dem Napf verhungern, wenn der Schmerz nur stark genug ist. Es wird sprichwörtlich aus Schaden klug, auch wenn die Klugheit darin besteht, vor einem Berg von Leckereien zu verhungern. Ist der Mensch tatsächlich so? So konsequent in der Vermeidung von Fehlern, die er einmal gemacht hat? Ich denke nicht. Dafür sind wir einfach zu, ähem, klug. Leider muss man manchmal noch hinzufügen.

Wir beschwichtigen, interpretieren, mutmaßen, ignorieren Tatsachen, verdrehen Logik und Dinge, wie sie tatsächlich passiert sind, erscheinen in unserer Erinnerung völlig anders. Wir ist eitel, borniert, wollen uns Fehler nicht eingestehen bis zu Lächerlichkeit, leugnen selbst dann noch, dass wir daneben gelegen haben, wenn man uns das Gegenteil bewiesen hat. Wir weigern uns, Tatsachen zu akzeptieren, blenden sie aus und verhöhnen unsere Gegenspieler, ganz gleich was sie sagen und ob sie Recht haben oder nicht. Und wir sind derart selbstgerecht, dass wir mit Leichtigkeit ein Dutzend Fehler aufzählen können, die uns bei anderen sofort ins Auge springen, und finden kaum etwas, was es an uns zu kritisieren gäbe. Warum auch? Weil wir verflucht hörig sind vielleicht. Und maßlos. Eitel. Und träge. Und gewillt, uns so was von selbst in die Tasche zu lügen, nur damit wir uns – und vor allem anderen – nicht eingestehen müssen, dass wir im Unrecht waren. Und sind. Warum auch? Die anderen hat schließlich niemand um ihre Meinung gebeten.

Es gibt noch eine Geschichte, eine nette, keine so brutale mit gefolterten Kaninchen und so weiter. Das auf Aristoteles zurückgehende Gleichnis von Buridans Esel. Der zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen sitzt und sich für keinen der beiden entscheiden kann. Das Ergebnis ist allerdings dasselbe wie bei dem Kaninchen: Der Esel verhungert schließlich. Und so sind wir Menschen. Eine Horde dämlicher Esel.

Eigentlich wäre ja jetzt Japan mal dran als Thema. Oder doch eher Libyen? Stuttgart 21? Wikileaks? Super-Wahljahr? Und war überhaupt schon alles gesagt zum Heilsbringer in Lauerstellung KTG? Man kommt ja ziemlich schnell mit all dem durcheinander in letzter Zeit. Was zumindest ein paar afrikanische Diktatoren, um Diskretion bemühte Geheimdienste und strapazierte Duisburger Oberbürgermeister freuen dürfte. Oder war einer von Euch jemals auf Googles Seite 3?

Jedenfalls ist es viel zu früh, um sich diesen welttragenden Problemen zu widmen, weshalb ich mich kurz auf einen Vorfall besinnen will, der sich gestern zufällig ereignete. Besser gesagt trug er sich vor einigen Tagen zu, mir wurde nur gestern davon erzählt. Denn gestern kam ich im Supermarkt zufällig mit einer alten ins Gespräch deren – Himmel – ganzes Gesicht ungelogen in grün-gelben, aber vor allem dunkellila Farben regelrecht eingefärbt war. Und da sie meinen ersten Gedanken, dass Ihr Mann sie offenbar zurechtgerückt hatte, zu erraten schien, sprudelte es auch gleich aus ihr raus, was ihr widerfahren war.

Sie hatte nämlich nach dem Einkauf allein im Bus gesessen, der unvermittelt hart bremsen musste, weshalb ihr Kopf mit Wucht gegen den Vordersitz geschleudert wurde, was eine Kopfwunde, eine geprellte Nase und besagte temporäre Unschönheiten zur Folge hatte. Zudem waren ihr gesamter Einkauf zu Boden geklatscht und alle Joghurts zerborsten. So weit so unaußergewöhnlich. Interessant wird diese Geschichte allerdings dadurch, dass der Busfahrer ihr anschließend ins Gesicht sagte, dass er ihre offensichtlichen Verletzungen nicht zu verantworten hätte, und sie weder anerkennen, noch sich entschuldigen oder in irgendeiner anderen Weise helfen wollte. Die unbekannte Dame war darüber wirklich traurig. Nein, ehrlich. Sie war nicht wütend. Oder aufgebracht. Sie hat nicht mal über den Mann geschimpft. Sie war einfach nur traurig. Oder ratlos vielleicht.

Was sagt man so einem Menschen? Der sprichwörtlich die Welt nicht mehr versteht. Eine Welt, in der Kinder in bitterer Kälte allein auf Bahnhöfen ausgesetzt werden, weil sie ihr Zugticket vergessen haben? Oder ein zweijähirges Kind unbeaufsichtigt durch die Lande fährt, weil die Mutter zwar den Kinderwagen auf den Bahnsteig stellen konnte, der Zug dann aber losfuhr, bevor sie ihr Kind holen konnte. In der kaum noch jemand aufsteht, wenn sich ein alter Mensch durch die Straßenbahn ächzt und keinen Sitzplatz findet. Oder Mitarbeiter entlassen werden, weil sie ihre Handy an einer Firmensteckdose aufladen? Was sagt man so einem Menschen?

Vielleicht sagt man einfach: Der Wind wird kühler. Und die Angst der Menschen größer, den Anschluss zu verlieren. Hinten runter zu fallen. Und von den Hunden gebissen zu werden. Wie der Busfahrer, der sich womöglich gedacht hat, dass sie ihn rausschmeißen, wenn rauskommt, dass er offenbar Schuld ist an den Blessuren einer alten Dame. Und ein paar zerplatzten Joghurts. In einer Welt, in der ein 58jähriger Mann rausfliegt, weil er eine Milchschnitte aus einem zerbrochenen Karton gegessen hat.

Vielleicht wäre die Sache anders gelaufen, wenn der Busfahrer sich entschuldigt hätte. So aber blieb der alten Dame keine andere Wahl als zum Arzt zu gehen und sich dann bei der BVG zu beschweren. Die den Busfahrer vermutlich feuern werden. Und das nicht einmal zu Unrecht. Und am Ende hat niemand was davon gehabt. Der Busfahrer nicht. Und die alte Dame nicht. Die wollte nächsten Freitag nämlich tanzen gehen, was sie einmal im Monat tut. Jetzt muss sie warten. Sonst denken die Leute am Ende noch, dass ihr Mann ihr die Fresse poliert.

Er ist fast vorbei… der (internationale) Tag der Frau. Viel kriegte man davon in Deutschland, zumindest in Berlin, nicht mit. In Polen fanden schon in der dritten Klasse Mädchen spätestens nach der großen Pause eine Blume auf ihrem Schreibtisch, es gab Loblieder auf die Frauen, die als Mütter, Putzfrauen, Krankenschwester, Lehrerinnen und auch mal Polizistinnen dem Volk und Vaterland dienten. Man sieht also, auch wenn in sozialistischen Ländern viele Frauen berufstätig waren, dass sich die Hymne auf Berufe beschränkt hat, die traditionell als weiblich gelten. Erst später wurde mir klar, dass dies keine beflügelnde Lobeshymne war, sondern teilweise darauf ausgerichtet, Frauen in bestimmte Rollen zu zwängen.

Dabei wurde von vorne herein der Frauentag als einer gedacht, der weniger darauf abzielen sollte, die Rolle der Frau in den gängigen Strukturen und Mann-Frau-Verhältnissen zu loben, sondern ein Versuch war, für Frauen gesellschaftliche und vor allem politische Anerkennung und Gleichberechtigung einzufordern.  Die Idee innerhalb Europas dazu kam 1910 von einer Sozialistin Clara Zetkin, die womöglich Vorbild nahm bei der Frauenbewegung in den USA: 1908 hatten dort Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA) ein Nationales Frauenkomitee gegründet, welches beschloss, einen besonderen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht zu initiieren. Tatsächlich wurde der so genannte “Weltfrauentag” nach meiner Erfahrung überwiegend in den sozialistisch geprägten Ländern gefeiert. Während des Naziregimes wurde der Feiertag hierzulande als Ausgeburt eines sozialistischen Systems verboten. Heutzutage gibt es vereinzelt Bewegungen, die sich gerade an jenem Tag zu Wort melden, um nach wie vor die Position der Frau in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu stärken. Die Debatte über die Frauenquote glüht noch (wieder) vor sich hin…

Ich bin eine Frau. Bei der Quotenfrage tendiere ich dagegen. Ich bin dafür, dass Frauen gleiche Löhne erhalten wie Männer in gleichen Positionen, das ist mir wichtiger, als dass neue Frauen auf Teufel komm raus in die Führungspositionen der Unternehmen gehen. Es gibt vieles, das an der Basis nicht stimmt, da hilf eine Quote nicht viel.

Ich bin eine Frau, und das is gut so.  Ich habe Wünsche, Bedürfnisse, die sich nicht immer decken mit denen der Männer, die um mich herum sind, aber auch nicht unbedingt mit denen aller Frauen. Politisch gesehen, gesellschaftlich und privat. Tatsache ist, Frauen und Männer sind verschieden, und es gilt darauf zu achten, um eine funktionierende, prosperierende Gesellschaft zu entwickeln. Nur sollten die Frauen (und Männer) dabei ihre Andersartigkeit nicht von anderen Instanzen einschränken lassen. Putzfrau, Mutter, Lehrerin – das ist lange vorbei. Eine Zeit lang dachte ich, Frauentag wäre wie Valentinstag, eine Möglichkeit vor allem für die Blumen- und Pralinenverkäufer zusätzlichen Groschen zu machen.

Doch es gibt da durchaus Unterschiede. Allerdings schenken die meisten Männer Blumen zum Valentinstag, an den Frauentag denkt keiner. Das ist schade. Ich würde viel lieber am Frauentag Blumen kriegen. Sicher, die machen Ungerechtigkeiten nicht wett, aber vielleicht überlegt sich der eine oder andere, in welchem Zusammenhang es steht. Natürlich reicht es nicht aus, als Frau oder Mann auf die Welt gekommen zu sein, keiner hat einen Einfluss darauf, mit welchem Geschlecht sie/er auf die Welt kommt, aber das haben wir alle gemein, da gibt es keine Diskriminierung. Oder? Es geht beim Frauentag um Gerechtigkeit, um Gleichberechtigung, und ja – auch um das Frau sein. Frau als Mutter, Frau als Liebhaberin, Frau als Kumpel und als eine Fee, die das zu schaffen vermag, was Männer nicht können (abgesehen von Kinderkriegen).

Und einiges, was man über die Frauen hört, stimmt durchaus: Blumen können zwar nicht alles wett machen, aber sie schaden auch nicht. In Familien und Partnerschaften, in denen so etwas wie Gleichberechtigung zum Alltag gehört, sind solche Gesten unnötig, wahrscheinlich gar verpönt.

Aber seien wir ehrlich: wer mag es nicht, sich wenigstens an einem Tag besonders zu fühlen, wer mags es nicht, Blumen oder andren Schnickschnack zu kriegen? Und: Der nächste Herrentag naht – der wird übrigens am Christi Himmelfahrt begangen. Aber das ist ein anderes Thema…

Wie mag sich Muammar al-Gaddafi heute Abend fühlen? Oder Husni Mubarak? Was wird den anderen Despoten des Nahen und Mittleren Ostens jetzt grade durch den Kopf gehen? Und was mag sich der ehemalige Präsident Tunesiens, Zine el-Abidine Ben Ali, gedacht haben, bevor ihn ein Hirnschlag ereilte? Kaum anmaßend zu behaupten, dass die Genannten schlicht die Welt nicht mehr verstehen.

Oder Silvio Berlusconi. Hätte der es vor ein paar Wochen oder Monaten für möglich gehalten, dass irgendwer ihn tatsächlich vor Gericht stellt – wegen Verführung einer Minderjährigen? Hätten Charles und Camilla es sich noch vor Kurzem vorstellen können, dass sie in ihrer Limousine vom wütenden Mob angegriffen werden? Die USA, dass sie innerhalb eines Jahrzehnts von der unangefochtenen Weltmacht zu einem bloßen Mitläufer verkommen könnte, für die man sich phasenweise nur noch in Randnotizen interessiert? Oder Dr. a. D. Guttenberg, dass innerhalb einer Woche “abstruse Vorwürfe” zu “gravierenden Fehlern” werden können? Ich würde eher vermuten: mitnichten.

Ich bin gespannt zu erfahren, wie wir diese Dinge, die sich praktisch im Grunde erst in diesem Jahr ereigneten (Prinz Charles wurde im vergangenen Dezember angegriffen) irgendwann bewerten werden. Was wir sagen werden, über diese Ereignissen, die wahrscheinlich anders sind und waren als viele Ereignisse in den Jahren und Jahrzehnten zuvor. Und ob wir sagen werden, dass sich heute, jetzt, 2011 etwas Grundlegendes verändert hat.

Um eine Prognose zu wagen: Ich glaube schon. Es hat sich etwas verändert. Etwas Grundlegendes. Nachhaltiges. Und hoffentlich Weitergehendes. Wir werden augenblicklich Zeuge des Wettlaufs zweier Systeme oder Weltbilder wenn es beliebt. Erleben den Kampf zwischen dem Alten, in dem Herrschaftsansprüche einfach durchgesetzt wurden, tradiert und weitergegeben wurden, ohne hinterfragt oder weiterentwickelt zu werden.

Und der Herrschaft der Schwarmintelligenz, die – neben zahllosen Amateurpornos und Videos über niesende Pandas – im Begriff ist das Bewusstsein der Menschheit zu verändern. Tief. Umfassend. Und nachhaltig. Und wenn dieser Prozess nicht durch die etablierten, die Ressourcen kontrollierenden Kräfte gestoppt wird, werden wir irgendwann sagen können, dass nichts mehr ist und sein wird wie es seit Anbeginn der Menschheit bisher immer schon gewesen ist.

Niemals in der Geschichte der Menschheit hatte die gern als “Volk”, “Gesellschaft”, manchmal auch “Graue Masse” bezeichnete machlose Mehrheit derart viel Macht wie sie sie grade besitzt. Nie war die Menschheit zuvor in der Lage, sich jenseits institutionalisierter Systeme, Kanäle und Prinzipien zu informieren, zu dynamisieren und zu organisieren als heute. Die Revolution ist im Gange. Inmitten unter uns. Und wir alle, die wir jetzt leben, werden später einmal sagen können, dass wir dabei gewesen sind. Ein Teil davon waren.

Als die Zukunft Gegenwart wurde.

Muh-Barrack. Am meisten überrascht an den ägyptischen Protesten bin ich über mich selbst. Ich war bis dahin irgendwie der irrigen Meinung versessen, Ägypten wäre ein halbwegs – sagen wir mal – gesittetes Land. Ich meine, mit der Demokratie ist es ja ohnehin nicht soweit her in vielen arabischen Ländern. Aber irgendwie war ich doch immer der Meinung, dass Präsident Mubarak eher zu der, ähem, Achse des Guten gehörte.

Dass die Proteste in Ägypten nun so heftig ausfallen, und der von der westlichen Welt doch eher Hofierte nun als brutaler Despot erscheint, der offenbar nicht zögert, die Armee gegen sein Volk aufzubieten. Das hat mich doch wirklich sehr überrascht. Ganz ehrlich. Ich hatte echt – und zwar jahrelang – das Gefühl, dass Muhammad Husni Mubarak ganz in Ordnung ist.

Nun kann mir jeder schlicht vorhalten, dass ich mich ja einfach besser hätte informieren können. Dass doch bekannt war, dass Mubarak als Nachfolger des ermordeten Anwar as-Sadat seit gut 30 Jahren per Ausnahmezustand regierte und in Ägypten bestenfalls eine Scheindemokratie gestattete, die ihm und seiner Macht nicht gefährlich werden konnte. Keine Ahnung, was das konkret bedeutet. Ob da nun Oppositionelle in Gefängnisse verschleppt wurden. Oder gleich in der Wüste verscharrt. Für mich war Ägypten immer nur das Land, in dem die Deutschen Urlaub machten, wenn sie auf Malle grad keinen Bock hatten.

Natürlich geht es dabei um Realpolitik. Um das kleinere Übel. Um die Sicherheit einer Region, die durch den von Sadat mitinitiierten Frieden mit Israel erheblich an Stabilität gewinnt. Und die von Ägypten akzeptierte Existenzberechtigung Israels war und ist es, die alle anderen Fragen zu Menschenrechten und Demokratie in den Hintergrund drängte. Schließlich stört sich ja auch niemand daran, dass wir mit China Geschäfte zu machen. Ebenso wie es mit der Integrität des von Westmächten inthronisierte afghanische Präsident Hamid Karzai nicht weit her sein dürfte.

Die westliche Welt hat in lupenreiner Heuchelei schon mehrmals auf Diktatoren gesetzt, weil sie glaubte, dass diese zu willfährigen Handlangern ihrer eigenen Interessen machen zu können. Auf Saddam Hussein natürlich. Oder auf den kubanischen Diktator Fulgencio Batista. Und natürlich Mohammad Reza Pahlavi, Persiens letzten Schah. Dessen Unterstützung durch den Westen in Deutschland in den 1960er Jahren die Ausbreitung und Radikalisierung der deutschen Studentenbewegung mit befeuerte. Und der schließlich von der Islamischen Revolution hinfort gefegt wurde. Wonach sich die Mullahs im Iran festsetzten. Was uns heute noch vor riesige Probleme stellt.

Aus den damaligen Vorgängen allerdings den Schluss abzuleiten, es sei notwendig, Diktatoren zu unterstützen, damit es nicht zu einer Radikalisierung des entsprechenden Landes kommt, ist schlichtweg falsch. Schließlich hat grade das Verhalten des Westens in entscheidendem Maße zu diesen Entwicklungen beigetragen, grade weil sie den im Volk verhassten Despoten stützten. Und nicht zuletzt weil die Umtriebe in Ägypten nicht durch Radikale, sondern aus der Mitte der Gesellschaft heraus entstanden scheinen, stünde es den westlichen Politikern zur Abwechslung mal gut zu Gesicht, ein wenig Mut zu haben und nicht gleich das Schreckgespenst eines radikalen Gottesstaates an die Wand zu malen.

Schließlich gehört es sich doch für unsere demokratische, vielfach beschworene, so genannte Wertegesellschaft, dass wir die Völker dieser Welt in ihrem Kampf um Freiheit unterstützen. Ebenso wie bezweifelt werden darf, dass die Ägypter den einen Diktator vertreiben. Um sich gleich danach einer Handvoll humorloser Gotteskriegern zu unterwerfen.

Aud diesem Planeten des völligen Irrsinns gehen einem die Themen einfach nicht aus. Und auch wenn ich eigentlich über die seltsame Weltsicht der Linksgerichteten und vor allem diesmal der Liberalen schreiben wollte, ist mir doch heute ein Meldung ins Auge gesprungen, die mir berichtenswerter erscheint. Mal sehen, ob es zugleich langt für einen Seitenhieb für das Quasi-Liberale Pack.

Ihr kennt sie ja alle, diese dämlichen Call-In genannten Shows, die nachts auf Fernsehsendern laufen, die sich mithilfe der dort gezeigten fadenscheinigen Gewinn- und Ratespiele und den damit verbundenen kostenpflichtigen Anrufen gesundzustoßen hoffen. Wobei seltsamerweise ungewohnt häufig Leute anrufen, die sofort auflegen, sobald sie ins Studio durchgestellt werden oder die Sendezeit vorbei ist bevor überhaupt ein Anrufer durchgestellt wurde. Neueste Masche, gestern abend erst gesehen: Wider ruft jemand an und legt anscheind auf, woraufhin der Moderator sagt: Ach, den rufen wir zurück, wir haben ja seine Nummer im Display.

Man könnte jetzt argumentieren, dass das Alles Betrug ist und eine Riesenabzocke, oder grundweg liberal argumentieren und sagen, dass jeder Anrufer frei ist zu entscheiden, ob er bei einer solchen Show anrufen will oder nicht, und dass sie wissen könnten, dass sie irgendwie betrogen werden, und wenn sie es nicht wissen einfach zu dumm sind oder Pech gehabt haben. Selbst Schuld kann man dann nur sagen. Aber werden vielleicht auch einige gutmeinende Mitbewohner dieses Planeten sagen: Das ganze passiert doch unter staatlicher Aufsicht und wird notariell beglaubigt und kann insofern kein Betrug sein, weshalb sich die ganze Diskussion von vornherein erübrigt.

Na ja, zumindest Letztgenanntem kann inzwischen insofern widersprochen werden als es einem Satiremagazin Bast des belgischen Fernsehnders VRT gelungen ist, einen Maulwurf in die im flämischen Fernsehen ausgestrahlte Call-In-Show Quizzit hineinzuschmuggeln und ihn dort ein gutes halbes Jahr als Moderator zu beschäftigen.

Höhepunkt war der Anruf eines die Undercover-Operation leitenden Mathematikers, der ein in der Sendung häufig gestelltes Zahlenrätsel live löste und 4.500 € gewann – nachdem er mehr als ein Jahr gebraucht hatte, um den Algoritmus zu knacken. Heimlich abgehörter Kommentar der Verantwortlichen von Quizzit: “Scheiße, der muss wissen wie funktioniert.”

Ende vom Lied: Der verantwortliche Fernsehsender betont nach Ausstrahlung des Beitrags dessen einseitige Berichterstattung und die Kontrolle der Sendung durch die Glücksspielkommission. Der verantwortliche Staatssekretär reagiert – wie unser lieber Verteidgungsminister – erst auf Druck der Medien und verkündet für die Zuknuft eine härtere Gangart gegenüber derlei Sendungen und droht mit völligem Verbot.

Und ich frag mich mal wieder, warum diese modernen Hütchenspielchen nicht längst grundsätzlich verboten sind und was für langweilige Argumenten nun wieder ins Feld geführt werden, warum das Alles irgendwie Sinn macht. Und es völlig überflüssig ist, dass sich überhaupt etwas ändert. Mal wieder.

Ich bin zwar noch nie nach dem Ziel und Sinn dieses Blogs gefragt worden oder danach was dieses anmaßende Motto zu bedeuten hätte: Was tust Du, um die Welt zu retten…? Wäre dem jedoch so, dann würde ich dem Fragesteller vermutlich von Kitty Genovese erzählen. Von der Farbe einer 7up-Dose. Und davon, dass man nicht nur lächelt, wenn es einem gut geht. Sondern dass es einem gut geht, wenn man lächelt.

Selbstredend hab ich in den fast zwei Jahren seit Bestehen dieses Blogs immer mal wieder von all diesen Dingen erzählt und finde es hin und wieder schade, dass einige der Artikel auf Seite 14 dieser Seite und eigentlich wieder im Nirvana des Netzes verschwinden. Und doch haben einige dieser Artikel – auch wenn im ersten Jahr im Schnitt nur um die fünf Leute täglich auf der Seite vorbeigeschaut haben – mir dabei geholfen, mir selbst ein paar Dinge klar zu machen. Und über die zurückliegende Zeit auch den Blick geschärft wozu er eigentlich gut ist, dieser Blog, der sich einreiht in die schier unendliche Schlange von Websites auf denen irgendwelche Freaks versuchen, ihre bisweilen kruden Gedanken der Weltöffentlichkeit aufzunötigen.

Wie auch immer. Im Frühjahr 2009 jedenfalls führte die Beschäftigung mit dem Small-World-Problem und der damit verbundenen Hoffnung auf Vernetzung, glaube ich, zu dem Initialgedanken, diesen Blog zu begründen und der allererste Artikel thematisiert auch eben diesen Wunsch. Der leider Wirklichkeit und Ernüchterung Platz machen musste, weil schnell klar war, dass an guten Tagen eben nur fünf Leute sich hierher verirrten, und das womöglich nur, weil sie glaubten, wir wären ne Hip-Hop-Crew oder so etwas. Und auch wenn das vielleicht ein bisschen frustrierend klingt – das ist es nicht. Jedenfalls hat es uns nicht davon abgehalten weiterzumachen.

Und irgendwie war das auch alles gut so wie es gekommen ist und nicht zu letzt ist die Idee des PAL-Projektes überhaupt erst in Zusammenhang mit diesem Blog entstanden und auch wenn sich derzeit keine fünf Leute kontinuierlich um die Weiterführung dieser Idee bemühen ist das kein Grund, die Flinte im Korn in die Tonne zu treten. Denn auch das ist zwar ein wichtiger Nebeneffekt, aber immer noch nicht der Zweck, den ich inzwischen in diesem Blog sehe.

Wer es bisher geschafft hat, den würde ich jetzt bitten, sich das Video anzusehen, in dem der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel schamlos in die Kamera lügt. Interessant ist an diesem kleinen Ausschnitt, dass Barschel zweimal die Augen schließt. Und zwar bei der Abgabe seines Ehrenwort. Und der Versicherung, dass die Vorwürfe gegen ihn haltlos sind. Was ein Beleg dafür ist, dass sich wohl niemand hinsichtlich seiner Empfindungen völlig unter Kontrolle haben kann. Selbst wenn es – wie im Fall Barschel – erstens ein Politiker ist, bei dem es zweitens im wahrsten Sinne des Wortes um seinen Kopf geht.

Nun fragt sich sicherlich auch der Letzte was mein Geschwafel wohl diesmal wieder zu bedeuten hat und wohin das Ganze führen soll. Nun, es ist ein Beispiel für den reichhaltigen Fundus an Erkenntnissen, die die Wissenschaft inzwischen über den Menschen gewonnen haben. Nach Jahrhunderten der Suche und Entdeckung nach den innersten Zusammenhängen der Erde und des Alls haben wir schließlich auch die Zeit gefunden, uns mit uns und unserem Verhalten zu beschäftigen und die Prinzipien des menschlichen Vermögens zu durchleuchten. Und die bislang gewonnenen Erkenntnisse sind wirklich verblüffend.

So konnte bspw. gezeigt werden, dass Zitronenlimonade zitroniger schmeckt, wenn man den Farbton der Dose ändert. Ein Mechanismus, den die Werbeindustrie etwa dazu veranlasst, Butter gelb zu färben und sich Gedanken über das Geräusch einer zufallenden Autotür zu machen. Oder dass die Blickrichtung eines Menschen einiges darüber aussagen kann, ob er seine bildliche Vorstellung aktiviert oder eine Erinnerung aus seinem Gedächtnis hervorholt. Und es fast unmöglich ist wütend zu sein, wenn man ein lachendes Gesicht macht. Nicht zuletzt die Erkenntnis, dass Menschen sich in spezifischen, ihnen entsprechenden Umwelten wohler fühlen als in einer fremden Umgebung, was ziemlich banal klingt, jedoch eine Erklärung dafür bietet, weshalb es so häufig zu Ghettobildung kommt. Nicht zuletzt verblüfft die Tatsache, dass bspw. Schwarze Schwarze grundsätzlich schlechter einschätzen als Weiße, was als Beleg gelten kann, dass wir alle Rassisten sind, ob wir wollen oder nicht. Was jeder gerne an sich selbst testen kann.

Dies ist nur ein kleiner Teil dessen was in uns vorgeht und uns zum Handeln motiviert. Und ich wünsche mir, mit diesem Blog – zumindest im Moment – einen kleinen Beitrag zu leisten, dass wir mehr von und in uns selbst erkennen. Um überhaupt erst einmal zu verstehen wie wir ticken und warum überhaupt. Denn erst dann können wir vielleicht Wege finden wie wir überhaupt miteinander klar kommen lernen. Damit wir nicht immer wieder gegen Pumpen laufen ohne es zu merken und uns ständig fragen warum verdammt noch mal uns der Kopf immer weh tut.

Schließlich verhalten wir alle uns ein bisschen so wie die Menschen, die in den 1960er Jahren in New York tatenlos dabei zugesehen haben wie die 28 jährige Kitty Genovese ermordet worden ist. Wofür sich auch eine Erklärung finden lässt. Und was trotzdem keine Entschuldigung dafür sein darf, dass unser Planet. Den Bach runtergeht.

Ganz einfach und schmerzlos und vom ganzen Herzen: ich wünsche Euch ein glückliches Neues Jahr! Möget Ihr weiser werden, aus Fehlern lernen, neue Fehler begehen, neue Erfahrungen sammeln, weiter schreiten, keinen Hunger leiden, einwenig Luxus erfahren, Freundschafet begegnen, Liebe begegnen und alles halb so ernst nehmen!