Archive for the ‘Welt-Geschichten’ Category

So ein Jammer. Da hatten wir uns in unserer schönen neuen Welt doch schon so herrlich eingerichtet! Wir haben doch schließlich den Kommunismus besiegt, und damit gezeigt, wer das richtige, das gute, das einzig wahre System auf diesem Planeten gefunden hat. Haben uns zwar von ein paar afghanischen Kameltreibern eine zeitlang ins Bockshorn jagen lassen. Ihnen dann aber doch ordentlich die Fresse poliert. Und abgesehen von ein paar Kriegen, die wir zur Verteidigung der uns zugedachten Freiheitsrechte angezettelt haben, war es doch im großen und ganzen ziemlich friedlich gewesen die letzten Jahre. Ein paar Terroranschläge, ein paar afrikanische Piraten, ein paar Drogendealer-Scharmützel in Lateinamerika – pah! Ein bisschen Schwund ist schließlich immer. Und außerdem lief es doch ganz gut, die Wirtschaft im Wachstum, die Menschen in Wohlstand, Glückseligkeit und Frieden. Und die paar Zurückgebliebenen bekamen einfach Besuch von der Supernanny oder von SAT1 eine Renovierung spendiert. Wirklich. Alles hätte so schön sein können. Und nun das!?!

Ich meine, die Jugend in den arabischen Ländern, die sich gegen die Despoten erhoben haben, die haben wir schon irgendwie unterstützt. Ist ja auch nicht in Ordnung, sein Volk zu knechten und so. So richtig getraut haben wir uns zwar nicht, uns auf die Seite der Freiheitskämpfer zu schlagen (apropos: was ist eigentlich aus dem Libyen-Krieg geworden?). Aber insgeheim sympathisiert haben wir schon mit, ähem, denen. Gut, das hat uns zwar nicht von Panzerlieferungen in ähnliche Krisenregionen abgehalten. Aber so ist das nun mal in der heutigen Welt. Alles ist so furchtbar kompliziert. Weshalb man bei derartigen Waffendeals die Öffentlichkeit am besten gar nicht informiert. Oder – wie im Zuge des Atomausstiegs – das Parlament im wahrsten Sinne des Wortes nur von der Entscheidung der Regierung in Kenntnis setzt. Ohne große Debatte und all den lästigen Schnickschnack und so. Aber ich komm vom Thema ab.

Denn nicht nur in Nordafrika und im Mittleren Osten gibt es frustrierte Jugendliche. Die sich über die Errungenschaften unserer furchtbar schönen Welt einfach nicht so richtig freuen können. Die gar nicht wissen, wie gut sie es eigentlich haben. Undankbares Pack! Sollen die mal nach Somalia fahren und fragen, wie es denen da unten geht! Nun gut, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von europaweit gut 20% kann man den Frust schon ein wenig verstehen. Zumal etwa Spanien fast jeder zweite junge Mensch ohne Arbeit dasteht. Als ob man was daran ändern könnte! Als ob jemand Schuld sei an dieser so genannten Finanzkrise. Aber vielleicht ist das ja auch einfach die spätrömische Dekadenz, von der unser seltsamerweise-immer-noch-Außenminister vor gut einem Jahr schwadronierte. Oder, frei nach Jean-Jacques Rousseau (und fälschlicherweise Marie-Antoinette zugeschrieben): Wenn sie nix zu tun haben, sollen sie doch arbeiten gehen!

Und immer noch kann man die auf den Madrider Plätzen herumlungernden Tagediebe ja irgendwie noch verstehen. Denn wo wären wir bloß, wenn man nicht seinen Unmut zum Ausdruck bringen dürfte. Wenn sich da nicht jetzt auch noch die Engländer eingemischt hätten. Was haben die überhaupt damit zu tun? Die haben ja nicht mal den Euro. Und außerdem: von den Franzosen kennt man das ja, dass da alle Nase lang die Vorstädte brennen. Die haben die Revolution ja praktisch in den Genen liegen. Aber die Tommies? Und dann auch noch brandschatzend und plündernd? Also, die Queen wird das sicherlich überhaupt nicht amusen.

Also, wenn wir es genau nehmen, hat ja alles schon vor gut einem Jahr angefangen. Im November stürmten Studenten die Tory-Zentrale in London. Im Dezember griffen Vermummte das Auto von Thronfolger Charles an. Das hätte ja eigentlich schon zu denken geben müssen. Aber vielleicht hat das ja auch alles gar nichts miteinander zu tun. Schließlich sind doch bei den jüngsten Ausschreitungen überall auf der Insel nur irgendwelche Chaoten am Werk, die anscheinend gar nicht so recht wissen, was sie da tun und vor allem – warum? Warum nur? Nun weil Polizisten einen Mann aus Versehen erschossen? Naja, das ist echt tragisch. Aber darf ja wohl mal vorkommen. Fehler passieren schließlich. Und sind noch lange kein Grund zu randalieren und ganze Straßenzüge in Schutt und Asche zu legen.

Es gibt sicherlich nicht eine singuläre Erklärung für diesen scheinbaren Ausbruch der Gewalt. Ebenso wenig wie es sicherlich nicht die eine homogene Gruppe an Aufständischen gibt. Es ist zwar eine gewagte These, aber es ist nicht unsinnig anzunehmen, dass verschiedene Personengruppen mit verschiedenen Motiven für die Gesamtheit aller Vorkommnisse der letzten Tage verantwortlich sind. So ist fraglich, ob diejenigen, die die Sony-Lagerhalle in Brand setzten, dieselben sind, die einen verletzt am Boden liegenden Teenager ausrauben. Und ob die Vielzahl an Plünderungen allein von Kriminellen begangen wurden oder doch zumindest zum Teil von irgendwelchen Kindsköpfen, die sich von der Stimmung der Straße haben anstecken lassen. Und auch wenn es keine klare politische Botschaft der Randalierenden gibt, keine konkreten Forderungen und womöglich nicht einmal einen richtigen Anlass, der diese Ausschreitungen rechtfertigt, bleibt die Frage, ob es nicht einfach die Unzufriedenheit mit dem System ist, das – ausgelöst durch die Finanzkrise – gerade die Schwächsten zu Verlierern machte, während die “eigentlichen” Verursacher der Krise zugleich die höchsten Einkommenszuwächse seit einem Jahrzehnt verbuchen konnten.

“Wir zeigen den reichen Leuten, dass wir tun können, was wir wollen”, hat ein Mädchen, ein weißes sogar, der BBC als Begründung für die Unruhen genannt. Das ist keine politische Agenda. Nichts, was verbunden wäre mit irgendwelchen Forderungen. Bloße Ohnmacht gegenüber einer Gesellschaft, die sich fast schon damit angefreundet hatte. Dass alles so schön geworden war.

Auch wenn dieser Blog dizrespect heißt, ist nicht meine Absicht zu versuchen, jedem ans Bein zu pissen und über alles herzuziehen, schlecht zu reden, madig zu machen und zu allem und jedem meine kaum geschätzte und noch weniger beachtete Meinung in den Browser zu drücken. Noch dazu, dass ich glaube, dass von den wenigen, die diesen Blog lesen, noch weniger die tiefgreifende Kritik am Bestehenden in vielen Artikeln überhaupt bewusst ist. Nun, das wird zumindest für diesen Artikel nicht gelten, und meine wieder einmal lang gewählte Einleitung gilt dem Versuch, die Wogen von vornherein zu glätten, wenn ich mich hier buchstäblich hinstelle und fordere:

Es sollte keinen Gott geben.

Und bevor nun womöglich einige fromme Geister gekränkt nach dem Scheiterhaufen rufen und einige vermeintlich aufgeklärte Denker bloß an kalkulierte Provokation denken und sich verächtlich gähnend abwenden, sei mir eine kleine Erklärung erlaubt. Es ist ja nicht so, dass Kant alle scheinbaren Beweise für die Existenz Gottes als nicht stichhaltig analysiert hat. Genauso wie Nietzsche schon vor mehr als hundert Jahren erkannt zu haben glaubte, dass die Vorherrschaft der Geistes- und Naturwissenschaften Gott de facto getötet hat. Was allerdings die Milliarden von Gläubigen überall auf der Welt ebenso wenig davon abgehalten hat, an Gott und seine Gnade zu glauben wie die durch Gottes Gnade nur schwer zu erklärenden Monstrositäten à la Auschwitz und Srebrenica.

Wo wir schon von Gottes Gnade reden. Wenn ich die Denkweise der monotheistischen Weltreligionen richtig verstehen geht es doch im Großen und Ganzen darum ein gottgefälliges Leben zu leben, Gutes zu tun und mit seinen Taten die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wenn man sich daran hält, kommt man in den Himmel, wenn nicht droht ewige Verdammnis und unerträgliche Seelenqual. Natürlich kann man es sich irgendwie zurecht legen und sagen, dass man Gutes tut, wenn man Ungläubige abschlachtet, Menschen unterdrückt, Kriege führt, diffamiert, lügt, intrigiert, foltert, mordet. Alles im Namen Gottes. Und das ist der springende Punkt.

Ich selbst habe jahrelang gedacht, dass Religion und vor allem der Glaube an Gott unerlässlich ist, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. “Religion ist die Brücke zwischen Mensch und Moral.”, hab ich ständig verbreitet. Ich habe damals gedacht, dass, wenn es keinen Gott, keinen Himmel und keine Hölle gibt, die Menschen keinen Grund haben, sich vernünftig zu verhalten. Weil schlicht keine Konsequenzen drohen. Schließlich liegt den monotheistischen Religionen diese Belohnungs- und Bestrafungsphilosophie zugrunde. Die einen bestenfalls zu einem besseren Menschen macht, weil ansonsten unvorstellbare Qualen drohen. Aber ich musste erkennen, dass ich mich grundlegend geirrt habe.

Denn Gott ist in seiner Funktion mittlerweile nicht mehr Grund, sich sittsam und vernünftig zu verhalten. Sondern Ausflucht und Totschlag-Argument um jede noch so verkommene und menschenverachtende Handlungsweise zu rechtfertigen. Ob es nun die strikte Ablehnung der Evolutionstheorie durch radikale Christen ist, die Wahrheiten verdrehen und so tun als wäre die Welt noch eine Scheibe, nur um ihr Weltbild nicht antasten zu müssen. Oder das Verhalten radikaler Juden und Moslems ist, die vor Waffengewalt und Terror nicht zurückschrecken, nur um ihren Gott zu verteidigen bis aufs Blut.

Ich will gar nicht die Frage erörtern, ob es Gott gibt oder nicht. Das ist eine müßige Frage, die wir vermutlich niemals endgültig klären werden. Ich will auch niemandem seinen Glauben wegnehmen oder den Glauben seiner Väter und deren Väter. Noch mich darüber lustig machen in irgendeiner Weise. Wir wollen alle nur am Leben bleiben, und wenn der Glaube an Gott für den jeweiligen Menschen dazugehört, ist das sein gutes Recht. Was ich sagen will ist lediglich, dass ich finde, dass es keinen Gott geben darf. Geben sollte.

Dann kann er nämlich auch nicht mehr als Ausrede benutzt werden, um all die schlimmen Dinge zu tun, die die Menschheit so anstellt, von Krieg über Umweltverschmutzung bis zur Unterjochung ganzer Volksgruppen. All dieses Verhalten lässt sich nämlich nur rechtfertigen, wenn man einen Gott unterstellt, dessen Willen man sekundiert. Wenn man Gott wegließe, wäre jeder plötzlich auf sich selbst gestellt. Und für seine Taten verantwortlich. Wir wären nicht mehr Gottes Werkzeuge. Und wenn jemand von uns einem anderen etwas antun würde, dann wäre allein er es, dann wäre auch er allein dafür verantwortlich. Keine Ausflüchte mehr. Nur noch selbst entscheidende Individuen, die sich mit nichts herausreden können außer ihrem eigenen Verhalten.

Und mit einem Mal wären wir nur eine recht seltsam anmutende, kaum vorstellbare Spezies, die auf einem ziemlich kleinen, unbedeutenden Stein durchs nirgendwo fliegt, die nichts besseres zu tun hat, als sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Na, das wär doch mal was.

So stell ich sie mir bildlich vor, diese apokalyptischen Reiter. Die ungestüm und ohne Gnade durch die Zeit rasen und jeden “ummetern”, der sich ihnen in den Weg stellt.

Ja, man kann schon sagen, dass ich einen gesunden Respekt vor den Dingern habe (die in meiner Phantasie auch keine Augen besitzen). Diese schwarzen Punkte, die, wenn man so die Augen zusammenkneift, ganz klein wirken, wenn man aber ein bisschen, nur ein bisschen genauer (also in die Zukunft) schaut, wie durch ein Fernglas aus einem billigen Western, dann sind diese Punkte Reiter, mit unheilvollen Botschaften.

Aber wie eine Schmierenkomödie auf Pferden sieht mein und unser Leben doch gar nicht aus? Also, ich finde, die Welt ist einfach verdammt krank. Hustet sich die Seele aus dem Leib. Und nirgendwo finde ich 4 Fäuste für ein Halleluja, die uns da irgendwie rausboxen. Und die sich nähernden Reiter von ihren Pferden runterholen…

Was ich damit sagen will: Es passieren schon außergewöhnlich viele schlimme Dinge dieser Tage. Und ich fühle mich in meinem Wattezelt ein wenig gestört. Neben des üblichen Wahnsinns, gab es in Japan schlimmste Erdbeben, Tsunamis und sogar eine atomare Super- Katastrophe. Auf der ganzen Welt explodieren irgendwelche Vulkane, ein perfider Attentäter bringt in Norwegen Dutzende Jugendliche um. Ach ja, und in Somalia, sterben die Leute millionenfach. Und die Menschen, so auch ich, haben Angst zu spenden… weil da immer die Frage im Raum steht… kommt das Geld denn auch wirklich da an wo es gebraucht wird?

Vertrauen… das Vertrauen ist wohl die erste Sache die einem verlustig geht, wenn die Reiter mit ihren Schimmeln auf dem Weg zu uns sind wie schwarze Punkte auf weißem Grund. Ich bin abgestumpft, das Mitgefühl hat sich zur Mitleidenschaft erzogen, und so sitze ich hockend, Nägel kauend auf meinem Bett und warte. Warte, auf etwas. Und lass ich mich füttern, von den vielen Dingen, die einen ablenken. Ergebe mich

Dabei würde ich so gern kämpfen.

Doch voller Ehrfurcht erwarte ich auf ihre Ankunft. Und versucht sie doch nicht zu sehen.

Denn vielleicht sind sie, wenn ich sie nicht sehe, auch gar nicht da?

Dass Zinsen für einen de facto unkontrollierbaren Anstieg der (nominalen) Geldmenge führen muss, habe ich, denke ich, hier schon einige Male thematisiert. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich auf einen anderen wesentlichen Aspekt unseres Zinssystems eingegangen bin, der womöglich noch subtiler gegen uns alle arbeitet als die unaufhörliche Verschuldung – die auch niemand zu so richtig zu begreifen scheint, obwohl sie inzwischen offensichtlich ist.

Dieser Aspekt bezieht sich auf den Zwang zur Kurzfristigkeit, zu dem uns die Existenz des Zinses derart massiv drängt, dass diese Kurzfristigkeit (und wahrscheinlich auf Kurzsichtigkeit) ein allgemeiner Teil unseres Lebens geworden ist. Und auch wenn Politiker und sonstige Interessengruppen gerne von Nachhaltigkeit schwadronieren und davon, die “Weichen für die Zukunft zu stellen” ist unser System überhaupt nicht darauf ausgelegt.

Denn das Zinssystem unterliegt dem Prinzip der Diskontierung oder Abzinsung, mit deren Hilfe man den Wert einer zukünftigen Auszahlung ermittelt. Wikipedia schreibt folgendes dazu: “Auf Grund der Existenz von Zinsen hat derselbe Geldbetrag einen um so höheren Wert, je früher man ihn erhält.” Na, sieh mal einer an. Heutiges Geld ist mehr wert als zukünftiges. Ziemlich einleuchtend.

Denn wenn ich die Wahl habe, sagen wir: 100 Euro heute zu bekommen oder erst in einem Jahr, dann werde ich selbstverständlich die 100 Euro heute nehmen, und das nicht nur, weil mir das Geld sofort zur Verfügung steht und ich mich damit heute noch voll laufen lassen kann. Nein, auch weil ich das Geld anlegen und dafür Zinsen kassieren kann, sind 100 Euro heute mehr wert als bspw. in einem Jahr. Bei 5% Verzinsung nämlich 105 Euro, um genau zu sein. Umgekehrt sind 100 Euro in einem Jahr heute nur 95,23 Euro wert – wenn man einen Zinssatz von 5% unterstellt.

Mag das der Grund sein, warum sich außer ein paar Versprengten niemand ernsthaft um die Zukunft des Planeten kümmert? Ich mein, sorgen tun wir uns ja alle irgendwie bei all den schlechten Nachrichten? Und selbst ein paar ultrafundamentalistische Christen werden sich angesichts der die weite Teile der USA beherrschenden Hitzewelle wohl in einer stille fragen, ob die Sache mit der globalen Erwärmung wirklich nur ein Hirngespenst irgendwelcher spinnerten Professoren ist.

Ich will nicht spekulieren. Es sind noch andere Faktoren für dieses unsägliche Verhalten verantwortlich, das unsere Erde so allmählich den Ausguss runterspült. Das Principal-Agent-Prinzip zum Beispiel. Daher zum Abschluss nur eine kleine Anekdote, von der ich glaube, dass sie hier irgendwie hingehört: In England, Frankreich und den Niederlanden gab es eine zeitlang eine Steuer, die ein Eigentümer auf die zu seiner Wohnung gehörenden Fenster zu zahlen hatte, die so genannte Fenstersteuer.

Ist schon seltsam, oder? Man verlangt Gebühren für die Anzahl der Fenster eines Gebäudes. Und die Menschen beginnen, ihre Häuser zuzumauern.

Krise, Krise, Krise. Mittlerweile pfeifen es selbst die Spatzen von den Dächern. Bei den nicht verstummenden Hiobsbotschaften – wahlweise aus Griechenland, Spanien, Italien, Japan und natürlich den USA – ist man sich irgendwie nicht mehr sicher, in welcher Phase dieser Krise wir eigentlich stecken oder ob sich eine Krise durch eine andere ablöst oder mehrere Krisen sich gleichzeitig abspielen oder sich die Klinke in die Hand geben. Und damit rede ich nicht mal von Fukushima.

Also, um einmal die Frage zu stellen: Sind wir immer noch in der als Finanzkrise betitelten Krise, oder ist diese überwunden und die Griechenland-Krise ist unabhängig davon zu sehen?  Ich meine, die Finanzkrise zumindest scheint ausgestanden, angesichts der Tatsache, dass etwa JP Morgan schon im letzten Jahr wieder Milliardengewinne eigestrichen hat, und Citigroup und Deutsche Bank bombastische Quartalszahlen verkünden. Im Fall der Deutschen Bank gar die zweithöchsten Quartalsgewinne ihrer Geschichte.

Angesichts dieser Nachrichten wundert man sich dann doch, warum man selbst nicht das Gefühl hat, die Krise sei tatsächlich zu Ende gegangen. Vielleicht liegt es daran, dass die Staaten den Banken im Zuge der sogenannten Finanzkrise – quasi als Notfallplan – Staatshilfen in Höhe von 4.000.000.000.000 (4 Billionen) Euro garantierten – von denen die Banken tatsächlich knapp 1.000.000.000.000 (exakt 994 Milliarden) in Anspruch nahmen. Na, ist doch herrlich. Die Finanzkrise wurde behoben durch den massiven Eingriff der Staaten (zu den Billionen für die Bankenrettung kommen noch gut 2 Billionen für Konjunkturprogramme wie etwa  die sogenannte Abwrackprämie hinzu) mit dem Ziel, Banken und Unternehmen vor dem Konkurs zu bewahren. Und nun stehen die Banken (und mit ihnen viele andere Unternehmen) wieder glänzend da. Nur die Staaten taumeln einer nach dem anderen langsam aber mit Gewissheit in Richtung Staatsbankrott.

Es ist nicht zweckdienlich gegen die Bankenrettung zu polemisieren, was angesichts anderer Schlagzeilen wie etwa der, dass die Nettoeinkommen von Arbeitnehmern in den letzten Jahren real gesunken sind und Superreiche in den USA reicher und immer reicher werden. Die Bankenrettung war sinnvoll, da es wohl noch schlimmer gekommen wäre mit der Weltwirtschaft, wenn im Zuge der Krise noch mehr Banken und Unternehmen Konkurs gegangen wären. Weil die weltwirtschaftlichen Folgen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit noch drastischer verlaufen wären als ohnehin schon. Der Denkfehler an diesen Entscheidungen ist, dass sie alle darauf abzielen, ein sterbendes System zu retten. Was – und auch das ist mathematische Gewissheit – schlicht nicht zu retten ist.

Entsprechend ist das Ende bereits abzusehen. Weil keine Lösung in Sicht außer neue Schulden aufzunehmen. Und selbst, wenn sich die USA dazu durchringen werden (was sicherlich passiert), die Schuldengrenze (wieder einmal) anzuheben – was ist dann in ein paar Jahren? Welches Konzept haben die Politiker und Wirtschaftswaisen aller Länder überhaupt, um Griechenland finanziell zu befrieden? Oder Italien? Oder andere Wackelkandidaten wie Spanien und Irland? Sparen? Wenns hilft. In der Finanzkrise haben sie das Geld noch mit vollen Händen ausgegeben. Aber vielleicht kommen ja irgendwann die Banken, um die Staaten zu retten bevor diese bankrott gehen, quasi um sich zu revanchieren. Was nicht sonderlich wahrscheinlich ist. Weil sie erstens nicht über das nötige Kleingeld verfügen um was weiß ich wie viele Staaten vor dem bankrott zu bewahren. Und wir zweitens beim nächsten Mal alle zusammen untergehen.

Müsste ich zwei nicht zu akzeptierende Missverständnisse unserer Welt benennen, so wären das (wer hätte das gedacht) natürlich Zins und die Pfadabhängigkeit. Der eine ist der zugrundeliegende Denkfehler unseres Systems, der nicht nur hauptverantwortlich ist für die Griechenlandkrise und die drohende Zahlungsunfähigkeit von Staaten wie den USA oder nun auch noch Italien. Immer schön an den Goldklumpen denken! Sondern auch dafür sorgt, dass wir mit der Präzision eines Uhrwerks die Meere leer fischen, die Wälder abholzen und sonst alles verschmutzen, was nicht genug Ertrag abwirft. Die Pfadabhängigkeit (oder auch Institutionalisierung) hingegen ist der Grund, warum wir überhaupt in diesem ziemlich unausgegorenen Gesellschaftssystem leben. Und warum es uns so schwer fällt, auch nur Kleinigkeiten daran und darin zu verändern. Da muss schon ein japanischer Reaktor in die Luft fliegen oder ein Weltkrieg ausbrechen, eh überhaupt etwas passiert.

Die Gründe für diesen Unwillen sind relativ schnell gefunden und werden wissenschaftlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert. So ist es etwa mit erheblichen (persönlichen wie finanziellen) Kosten verbunden, ein vermeintlich funktionierendes System zu verändern oder – spieltheoretisch ausgedrückt – die Strategie zu wechseln. Schließlich weiß man ja nicht, ob sich der Wechsel lohnt, die Zukunft ist schließlich ein wankelmütig Ding, und wer weiß – am Ende steht man womöglich schlechter da also vorher. Daher: besser Kopf einziehen und weitermachen wie bisher. So schlimm wirds am Ende schon nicht werden. Hinzu kommt, dass Kosten und Nutzen einer Entscheidung nicht immer denselben Menschen angelastet werden bzw. zugute kommen, was die Risikobereitschaft und vor allem den Willen zur Veränderung erheblich mindert. Wenn etwa – um beim Fukushima-Beispiel zu bleiben – die Erträge aus der Kernenergie einem Konzern (also Stromanbieter) zugute kommen, im Fall einer Havarie aber die Gesellschaft als ganze die Kosten für Schäden zu tragen hat, bitte wer glaubt dann ernsthaft, dass die Chefs dieser Konzerne ein gleichwie geartetes Interesse haben, nach neuen, gemeinverträglichen Alternativen zu suchen? Oder die Banken. Die nicht erst vor der Finanzkrise bereitwillig hochriskante Geschäft abschlossen, weil dort natürlich der (individuelle) Ertrag am höchsten ist. Um sich, nach dem Zusammenbruch ganzer Märkte, von den Staaten helfen zu lassen, weil die Kosten für die trudelnde Wirtschaft besser von der ganzen Gesellschaft getragen werden sollte. Geht ja schließlich uns alle an, wenn die Banken in Schwierigkeiten stecken.

Wie bereits erwähnt werden diese Phänomene grundsätzlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert, speziell durch die Transaktionskostentheorie, die Theorie der Verfügungsrechte und die Prinzipal-Agent-Theorie. Und doch vermögen es diese Theorien allein nicht, das Problem der Pfadabhängigkeit zu erklären. Insbesondere, wenn es sich nicht auf wirtschaftliche, sondern auf ideelle Aspekte des Lebens bezieht. So ist bspw. fraglich, warum eine ziemlich große Zahl von Leuten die Bibel als unumstößliches Wort Gottes ansehen, an dem in keiner Zeile gezweifelt werden darf. Und warum diese Menschen wissenschaftliche Fakten – wie etwa die Entstehungsgeschichte des Universums – ignorieren, etwa weil in der Bibel steht, dass Gott die Erde an sechs Tagen erschaffen hat. Ebenso wie sie vor ein paar hundert Jahren geglaubt haben, dass die Erde eine Scheibe ist. Oder, um es allgemeiner auszudrücken, warum man so ein Buch wie die Bibel dazu heranzieht, um eben jene Lebensweise zu rechtfertigen – oder einzufordern! – die man sich in den Kopf gesetzt hat.

Natürlich ist für ein solches Denken – das sich viele Radikale, gleich welcher Ideologie, zu eigen machen – die Angst verantwortlich, in einer sich verändernden Welt am Ende schlechter dazustehen als vorher. Ebenso wie es die Ungleichverteilung von Kosten und Nutzen so unglaublich einfach macht, junge Menschen für seine Weltsicht in den Tod zu schicken, während man selbst irgendwo rumsitzt und kluge Reden über gottesfürchtiges (!) Leben schwingt. Und doch gibt es meines Erachtens noch einen anderen Grund, warum wir alle so befremdlich sind was unsere ureigensten Überzeugungen angeht: Eitelkeit. Dieses seltsame Ding, das in uns steckt und leicht mit Stolz und Ehre verwechselt werden kann und wird. Und uns oft genug daran hindert uns einzugestehen, dass wir im Unrecht waren. Und womöglich immer noch sind. Ebenso wie vielleicht schon unsere Väter im Unrecht waren. Und deren Väter. Gott bewahre. Also das geht eindeutig zu weit. Auf meine Familien lass ich nichts kommen. Und schließlich steht doch in der Bibel schon zu lesen, dass wir das auserwählte Volk sind. Was ich bis aufs Blut und mit meinem Leben zu verteidigen suche. Koste es was es wolle.

Wer den Sumpf trocken legen will, darf die Frösche nicht fragen.
Elmar Schmähling

Ich frag mich ehrlich nach der Absicht, die die ganzen Apologeten des Systems dazu treibt das zu tun, was sie tun. Was für ein tieferer Sinn hinter ihrem Handeln steckt. Und wie beschränkt das menschliche Denken überhaupt sein kann, wenn selbst vermeintlich hochgescheite Köpfe wie die Mitglieder des Sachverständigenrats oder der Leiter des ifo-Instituts mit dem bezeichnenden Namen Hans-Werner Sinn von dieser Beschränktheit erfasst werden. Letzterer hat erst heute davor gewarnt, dass die deutschen Hilfsleistungen für Griechenland die ebenso deutschen Renten gefährdeten. Wie putzig. Als würde das irgendjemandem weiterhelfen. Da stellt man sich dann doch die Frage, was diese Mahnung bezwecken soll. Wolfgang Wiegert, einer der so genannten Wirtschaftsweisen, hat zumindest eine Lösung parat, nämlich Schuldenerlass und die Beteiligung der Gläubiger an der Rettung Griechenlands, nebst verordnetem Sparkurs für das geplagte Land, der – so der Wirtschaftswaise – kaum ohne soziale Probleme ablaufen wird. Fazit: “Es wird also sehr schwierig werden“. Ach nein. Und ich dachte, das wäre es schon längst.

Blickt man in die andere Richtung, etwa zu den Linken, dann ist diese mit den verabschiedeten Maßnahmen der Bundesregierung erwartungsgemäß überhaupt nicht einverstanden. Bei den Bolschewiki will man selbstredend alle Lasten der Griechenland-Entlastung den Banken aufbürden. Oder auch den griechischen Wehretat zusammenstreichen, was auch nicht weiter überrascht. Ich bring leider nicht die Kraft auf das langweilige Geseire zu den Thema auf der Website der Linken zu lesen. Doch ich denke mir mal so, dass die ein oder andere Verstaatlichung von irgendetwas auch ein Vorschlag ist, der von den Linken in Zusammenhang mit der Griechenland-Krise diskutiert wird. Vielleicht hüten sie sich auch davor das Wort Verstaatlichung zu benennen, klingt ja immer auch ein bisschen nach Stalin und Mauer und Große Säuberung und so. Man weiß es nicht. Und – zumindest was mich angeht – interessiert es auch nicht weiter. Ebenso wenig wie das Verhalten der SPD – die vermutlich froh sind, dass sie keine Regierungsverantwortung innehat. Aber – natürlich – das Vorgehen der Kanzlerin scharf kritisiert. Kann ja nicht schaden. Auch wenn ich mir damit immer noch nicht beantworten konnte, was all diese Klugschwätzer mit ihrem Gefasel denn nun bezwecken wollen. Was für ein Ziel sie verfolgen.

Was sollen wir denn tun, um die deutschen Renten zu retten, Herr Sinn? Griechenland nicht helfen? Was sollen wir denn gegen die bereits voll im Gang befindlichen Unruhen in Griechenland tun, Herr Wiegert? Griechenland einfach so weiter machen lassen wie bisher? Und wenn ich jetzt Frau Merkel die Frage stellen würde, wie sie denn gedenkt von unserem eigenen, deutschen Schuldenberg herunterzukommen, der ja durch die “Rettung” Griechenlands noch weiter anwachsen wird? Ob ich ernsthaft glaube, dass die Kanzlerin das nicht wüsste? Nicht wenigstens das? Und ob es etwas helfen würde, den griechischen Wehretat zusammenzustreichen? Natürlich, eine zeitlang. Ebenso wie es hilft, Rentnern und Beamten die Bezüge zu kürzen. Hilft sicher auch. Eine zeitlang. Auch wenn am Ende nicht so recht klar geworden ist, wem damit geholfen wurde.

Ich muss gestehen, dass ich immer noch ein wenig konsterniert bin von den Berechnungen in meinem letzten Artikel. Schließlich ist der Goldklumpen um einiges schneller auf die Größe des Universums aufgebläht, als es dauert mit Lichtgeschwindigkeit durch selbiges hindurchzufliegen. Kurz gesagt verdoppelt sich – legt man einen Zinsfuß von 5% zugrunde – das eingesetzte Kapital alle 14,2 Jahre. Entsprechend verhält es sich mit dem Kapital und Zins genauso wie in dem Gleichnis von Schachbrett und dem Reiskorn, das durch die Verdopplung nach 64 Felder auf die 800-fache jährliche weltweite Reisproduktion angewachsen ist. In unserem Beispiel bedeuten die 2000 Jahre demnach eine rund 140fache Verdopplung des eingesetzten Kapitals. Statt “bloß” eine  64fache Verdopplung wie im Schachbrett-Gleichnis. Was wirklich jedem einleuchten sollte, dass das Alles nicht funktionieren kann.

Umso erstaunlicher allerdings, dass dieser elementaren Fehler unseres Wirtschaftssystems nur so wenigen überhaupt bewusst ist. Und er auch nicht – und damit meine ich überhaupt nicht – thematisiert wird. Nun, da sich die Zeichen mehren, dass sich das System als Ganzes allmählich dem Ende nähert, wird darüber diskutiert, ob die Griechen zuviel Rente kassieren oder vielleicht weniger Urlaub machen sollten. Oder man nicht selber öfter Urlaub in Spanien machen sollte, um auf diesem Weg die spanische Wirtschaft ein wenig zu päppeln. Was die USA tun müssen, um nicht als nächstes Land unter der Last der Schulden zusammenzubrechen. Und was überhaupt aus Deutschland und den anderen, vermeintlich gut dastehenden Ländern werden soll, die sich – trotz guter Konjunktur wie es so schön heißt –  Jahr für Jahr weiter verschulden. Müssen. Das ist ein echtes Mysterium. Dass alle dem Kaiser – in diesem Fall unser Wirtschaftssystem – dabei zusehen wie er nackt über den Marktplatz flaniert. Und alle sich einreden, dass seine Kleider wahrlich die schönsten sein müssen. Weil sie uns schließlich den Luxus von iPad, HDTV und Pauschaltourismus gebracht haben. Und niemand sich klar macht, dass den Goldklumpen vom Ende des Universums niemand zu Schlagen imstande ist. Selbst wenn wir alle Meere leer fischen, alle Wälder abholzen und noch den letzten Krumen Erz aus den Tiefen des Planeten kratzen, um unsere Zinsen bezahlen zu können.

Was aber wird passieren, wenn der ganze Klumpatsch – wie es absehbar ist – den Bach runter geht? Nun , da dieser Blog sich gut darin versteht, zu unken und die Zukunft als wenig rosig auszumalen, will ich einen kurzen Versuch wagen, die Zukunft zu nostradamufizieren.

Möglichkeit 1: Es passiert überhaupt nichts.
Ist zwar mathematisch unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie wie es kommt. Ein Wunder geschieht, vielleicht eine neue Technologie oder etwas derartiges, und alle Länder schaffen es, Ihre jeweiligen Staatshaushalte auszugleichen und sich zu entschulden. Und die Bürger dieser Welt leben fortan in Frieden und Glückseligkeit bis in alle Ewigkeit.

Möglichkeit 2: Das Establishment kriegt die Kurve.
Auch das ist ziemlich unwahrscheinlich, glaube ich. Schließlich sind alle – rechts wie links – so sehr damit beschäftigt, das Bestehende zu konservieren, dass es im Moment nicht danach aussieht als würde sich das in nächster Zeit grundliegend ändern. Aber man weiß ja nie. Die Zeit wird die Mächtigen schon dazu zwingen, sich eines besseren zu besinnen. Und kann ja sein, dass das alles noch rechtzeitig geschieht. Und die Menschheit ein einziges Mal zumindest nicht erst aus ihren Fehlern lernt.

Möglichkeit 3: Bürgerkrieg.
Keine verlockende Vorstellung zugegeben. Aber leider auch keine ausgeschlossene. Marodierende Horden auf dem Potsdamer Platz. Bewaffnete Aufstände rund um den Kölner Dom. Paramilitärische Einheiten, die sich Feuergefechte liefern am Stuttgarter Bahnhof. Nicht, dass die Aufständischen in Griechenland da schon adäquate Vorboten wären. Denn wenn das System zusammenbrechen sollte – global und in seiner vollen Konsequenz – werden die Zahlungsströme zum erliegen kommen. Und mit ihnen der Warenfluss. Und das in unserer Welt, die inzwischen so arbeitsteilig ist und voneinander abhängig, dass etwa in der Nordsee gefangene Krabben 6.000 Kilometer nach Afrika verschickt, um dort gepuhlt und zurück nach Deutschland geschickt zu werden. Dann kommt man plötzlich in den Supermarkt, von dem man gelernt hat, dass dort immer alle Waren zu haben sein werden, die man zum Leben braucht. Und findet die Regale leer und geplündert. Da kann man dann schon mal ins Grübeln kommen. Und auf die Idee, sich vielleicht zu bewaffnen – nur für den Fall.

Möglichkeit 4: Die Wiederholung der Geschichte (Teil 1).
Was finden die Menschen an Blendern wie Herrn Guttenberg so faszinierend? Was treibt sie in die Hände obskurer Sekten? Verleitet sie dazu radikal zu werden? In Krisenzeiten – und ich hoffe, dass ich jetzt nicht zu sehr verallgemeinere – sehnen sich Menschen oft nach einer starken Führungspersönlichkeit. Nach Ordnung. Sicherheit. Diktatur. Was hilft uns schließlich Freiheit und Grundgesetz, wenn wir nichts zu fressen haben? Weshalb man sich nicht die Frage zu stellen braucht, warum die Radikalen in den USA auf dem Vormarsch scheinen. Und in allen anderen Ländern, die stetig weiter den Bach runtergehen.

Möglichkeit 5: Die Wiederholung der Geschichte (Teil 2).
Nach der Währungsreform ist vor der Währungsreform, sacht man ja. Oder etwa nicht? Bei all den wenig attraktiven Zukunftsszenarien wäre es doch am besten, wir streichen am Ende des Tages einfach alle Schulden und machen weiter wie gehabt. Hurra! Das Leben kann so einfach sein – oder nicht? Und auch wenn es so einfach natürlich nicht geht – was ich mir zu erläutern der Kurzweil genügend an dieser Stelle schenke – ist das womöglich die wahrscheinlichste Variante. Vielleicht auch eine Mischung aus mehreren Möglichkeiten. Die Krise verschärft sich, es kommt zu Aufständen, ein Erlöser findet sich (Herr Guttenberg steht sicherlich zur Verfügung) und macht alles wieder heile. Dann kehren wir das zerschmissene Kristall zusammen. Und machen weiter wie gewohnt. Und so weiter.

Wie gewohnt.

Da ich momentan keinen richtigen Bezug zu diesem Blog habe, habe ich leider ein paar Tage gebraucht für diesen Nachruf. Das allerdings soll kein Ausdruck geringer Bedeutung sein für den am vergangenen Samstag im Alter von 86 verstorbenen amerikanischen Filmemachers Sidney Lumet. Im Gegenteil lassen sich zwar sicherlich erfolgreichere, angesehenere und womöglich auch bedeutsamere Filmschaffende aufzählen, kaum einer aber hat mich persönlich in den letzten Jahren derart beeindruckt wie eben Sidney Lumet, der zumindest einigen von uns bekannt sein dürfte durch Filme wie Serpico, Hundstage und natürlich Die zwölf Geschworenen von 1957.

Heutzutage fällt es vielleicht schwer, Zugang zu diesen Filmen zu finden. Jedenfalls habe ich mich am Anfang ziemlich schwer damit getan. Denn durch die schnellen Schnitte heutiger Filme und die verkürzte Dramaturgie, die einem gerade in Hollywood-Produktionen kaum Platz zum Atmen lassen und an die man sich auch irgendwie gewöhnt hat, fällt es teilweise schwer, sich an den Rhythmus von Filmen des letzten Jahrhunderts zu gewöhnen. Ganz ehrlich. Ich jedenfalls habe mehrere Anläufe gebraucht, eh ich mich auf diese etwas, ähem, gefällige Art der Inszenierung einlassen konnte. Was sich allerdings mehr als lohnend erwiesen hat.

Schließlich hatte ich Lumets Buch Filme machen. gelesen, das nicht nur tiefe Einblicke gibt in die Entstehungsgeschichte von Filmen im Allgemeinen und Lumets Filmen im Besonderen. Sondern überdies eines der beeindruckendsten Bücher ist, die man überhaupt lesen kann, wenn man sich fürs Filmemachen interessiert. Denn Lumet erklärt darin wie er durch Schnitttechnik, Kameraperspektive oder auch Szenenbild genau die Stimmung erzeugt hat, die er erzeugen wollte. Etwa, wenn er in Prince of the City in keiner (bis auf einer einzigen speziellen) Szene den Himmel zeigt, um die bedrückende Situation des Protagonisten für den Zuschauer spürbar zu machen. Was mich wirklich von den Socken gehauen hat, weil Lumet nicht Kunstkino machen wollte und gemacht hat. Sondern gutes Unterhaltungskino.

Vielen Dank dafür, Sidney.
Ganz ehrlich. Vielen Dank.

Mrz 22

Mach mal die Lampe aus…

Posted by Bibi Blogs in Welt-Geschichten

Als Erstes ist mir nur ein großes Licht aufgefallen. Und ich dachte: “Wow- was für eine große Lampe!”. Erst im nächsten Moment konnte ich sie erkennen, die Sonne. Ohne große wärmende Kraft, eher wie ein Naturphänomen, ebenso wie der Himmel neben ihr. So schön. So schön.

Ich rede gerade über den schwedischen Himmel. Meine Fresse, was für ein schönes Land. Wild und unberührt. Und so viel Wasser. Auch der Mond, ist hier klar und riesengroß, und die Sterne unendlich.
Das Gefühl für klare Gedanken, hatte ich nach einigen, wenigen Stunden verstanden. Irgendwie schien, hier in Stockholm, alles ein bisschen grader zu sein, als bei uns.

Das Leben hier wirkt niedlich. Man sieht saubere Straßen mit  lustigen Namen. Man macht sich sein Müsli im Supermarkt selber und packt es dann in eine rosa Tüte mit süßen Figuren drauf. In Schweden gibt es eine Stadt die wie “Obstsalat” klingt, aber Uppsala heißt, und im Winter gibt es einen extra aufgestellten Weihnachtsbriefkasten, Post nur für den Weihnachtsmann, versteht sich.

Für Berliner Verhältnisse ist Stockholm ein Märchenland, keine Bordelle, keine Motz-Verkäufer, dafür aber ein Freizeitpark direkt in der Stadt.  Auch habe ich auf meinen Wanderungen nur einen einzigen Obdachlosen gesehen, und selbst der war nahezu fürstlich ausgestattet mit buntem, modischen Schlafsack, Kochecke und Thermoskanne, denn die Winter sind hier lang und kalt.

Allerdings gibt es für die kalten Tagen an jeder Ecke Kaffeehäuser (kein Starbucks) die guten Kaffee und kleine Teilchen verkaufen. Teilchen werden eigentlich ständig gegessen. Zimtschnecken, “Kek”, Brötchen mit Sahne drin und, und, und, sind für die ungerecht gut aussehenden und dünnen Menschen Stockholms eine tägliche Abwechslung und Ritual. Andere Rituale, wie Mittags um 12 Uhr wird gegessen und abends um 17 Uhr gibts Abendbrot mit Kindern und Oma und Opa. Hier zeigt sich einmal mehr, wie integriert “Randgruppen” wie Kinder und Rentner in der Gesellschaft dort sind.

Aber auch in anderen politisch, gesellschaftlichen Dingen scheint Schweden ein echtes Vorbild zu sein. Gesetzliche Gleichstellung und Gleichberechtigung der Geschlechter funktioniert hier ganz wunderbar. Ausserdem gibt es noch das “Jedermann-Recht”, das den Bürgern Schwedens eine gewisse Aufgabe und Eigenständigkeit zuteilt. Nämlich sich frei in der Natur bewegen zu dürfen, dort zu jagen, schlafen, baden etc. Aber eben auch Verantwortung zu tragen für den Erhalt der Natur, der Tiere und auch der Menschen.

Gegenseitige Rücksichtnahme erlebt man hier oft. Auch dass sich alle Stockholmer brav in Schlangen stellen und an der Fleischtheke Nummern ziehen wie beim Arbeitsamt. Soll heißen: hier sind alle gleich, Banker und Bäcker. Ein Jedermann-Recht eben.

Nur zwei Sachen haben mich wirklich angekotzt. Nämlich dass das Volk seiner Regierung so unglaublich vertraut. Und dass es so verflucht teuer ist in Schweden. Denn nach zwei Tagen war ich so pleite, dass ich froh war, meinen Rückflug schon bezahlt zu haben.