Jun 18

Ego altro

Posted by agnieszka in Alles wird Gut, Das Netzwerk

“Wenn man sich zu sehr im eigenen Leid suhlt, sollte man anderen helfen”, sagte eine Freundin heute vormittag zu mir und zitierte damit Napoleon Hill. Einigen seiner Theorien gegenüber bin ich etwas skeptisch eingestellt, aber diese kann ich unterschreiben. Nicht, dass es mir elendig gegangen wäre, der Morgen war leicht von einer gewissen Unruhe und unerklärlicher Trauer eingenebelt, aber suhlen – das tat ich nicht. Und so weit wollte ich es auch nicht kommen lassen.

Was tun also? Endlich ein Versprechen einlösen, dass ich mir und einem Freund gegeben habe, und nachmittags ab ins PAL-Projekt, sprich ab ins Seniorenheim am Friedrichshain. Dort zusammen mit einer Freundin – wir beide leicht verspätet – zwei Menschen an den Griffen ihrer Rollstühle hinaus gerollt ins Grüne. Zwei Menschen, die sich nicht allzugut artikulieren konnten, die ihre Körper kaum bewegen konnten, zwei Menschen von der Sorte, von der man meistens nicht weiß, wie man ihnen begegnen soll, wenn sie einem auf der Strasse begegnen, geschweige denn ansprechen würden.

Verständlich war ihre Sprache kaum, und doch habe ich das meiste verstanden. Ich war zunächst unsicher, ob ich auch alles richtig mache, ob die das auch wirklich wollen, sind ja schließlich fremde Menschen, Menschen vor allem, mit denen man genauso lernen muss umzugehen wie mit jedem anderen.

"Alte Frau" - Matthias Klemm

Die Unsicherheit hielt mich nicht auf und war erstaunlich schnell verflogen. Im Park stießen wir auf den Rest der Gruppe, insgesamt ca. 10 ältere Menschen, die an einen Rollstuhl gefesselt sind, ihre “Schieber”, die zum Teil aus Betreuern und zum Teil aus Freiwilligen bestanden,  und zu guter Letzt eine Gruppe Kinder, die hinter uns her laufend Lieder gesungen haben. Eine Stunde. Mehr war es nicht. Eine Stunde, in der ich Frau X an die frische Luft gebracht habe, in der ich verstanden habe, dass sie sonst nur auf dem Balkon sitzt und es da nicht so schön ist, dass ich ihr die Strickjacke ausziehen soll, weil es zu warm ist, und am Ende derer ich gewusst habe, dass ich am genau richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt war.

Und dass ich wiederkommen möchte. Es ging mir besser. Egoismus? Schon. Wer sagt aber, dass sich Egosimus und Altruismus immer in die Quere kommen müssen? Für alle also, die es ausprobieren wollen: jeden Donnerstag, 16 Uhr, in der Seniorenresidenz Ambiente, Am Friedrichshain 18. Oder im Heim Ihres Vertrauens.

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