Jan 31

Alternativlos?

Posted by me in freigeld.org

Eine chinesischstämmige Amerikaner beherrscht die Schlagzeilen, weil sie ihre Töchter mit härtesten Methoden erzogen hat, damit diese “den Job bekommen, den sie haben wollen”. Der chinesische IWF-Delegierte erklärt den westlichen Lebensstil angesichts der “demografischen Entwicklung, einer horrenden Staatsverschuldung und geringer Wachstumsraten in der industrialisierten Welt” für gescheitert. Eildieweil deutsche Studenten offenbar überfordert sind vom “Prüfungsdruck, Zukunftsangst, Perfektionswahn” und sich ausgebrannt fühlen. Was weniger einen Vergleich nahelegt zwischen absteigenden Deutschen, Europäern, der gesamten westlichen Welt und den aufsteigenden Schwellenländern, allen voran natürlich China und Indien. Sondern wieder einmal genug Grund bietet, die Sinnhaftigkeit des Gesamtsystems in arge Zweifel zu ziehen – und zwar keineswegs, weil es der ehemals Dritten Welt nicht längst zu gönnen wäre, endlich einen wohlverdienten Teil vom Wohlstandskuchen für sich zu reklamieren.

Doch bevor ich nun wieder zu schwafeln beginne von Zinsen, Staatsverschuldung und der Befremdlichkeit Neo- oder Quasiiberalen Denkens, will ich mal ein paar Worte verlieren, über die von mir immer mal wieder propagierte und mit dem Schlagwort Freigeld nur sehr spärlich beschriebene, mögliche Alternative. Wobei ich selbst feststellen muss, dass ich, glaube ich, mich bislang mehr mit der Kritik am bestehenden System aufgehalten habe. Als für diese Alternative zu werben – die es zum Glück tatsächlich gibt. Vielleicht sollte ich auch erstmal mit diesen umständlichen und langweiligen Einleitungen aufhören, weil es die Wahrscheinlichkeit erhöhen dürfte, dass diesen Klumpatsch am Ende wirklich jemand liest. Na, ja, ihr wisst schon. Wie auch immer.

Zusammengefasst ist das Grundprinzip von Freigeld, zinsbefreitem Geld, ziemlich einfach: Man schafft – wer hätte das gedacht – die Zinsen ab. Punkt. Und unabhängig davon, ob man die Gründe dies zu tun befürwortet oder nicht erscheint das prinzipiell ja erst einmal ziemlich einfach und wenig kompliziert. Man muss keine Revolution in Gang bringen oder sich an Macht putschen, keine Massenproteste organisieren oder Reaktionäre erschießen, köpfen und in irgendwelchen Reisfeldern vergraben. Stattdessen: Zinsen abschaffen, pah! Klingt dagegen wie ein Frühlingsspaziergang. Dabei sind die Konsequenzen ziemlich gewaltig.

Ändern wir das System – gedanklich zumindest. Und setzen anstelle der bislang zu entrichtenden Zinsen eine Geld-Nutzunggebühr, die jeder zu entrichten hat, der sich das Geld – und damit seine Vorteile als Tauschmittel im Warenverkehr – zunutze machen will. Was wohl die meisten von uns würden. Was wären die Konsequenzen?

1. Verschuldung: Für die Schuldner (A) wäre das System ähnlich wie das bisherige: Sie leihen sich Geld und müssen dafür eine Gebühr entrichten, nur dass dieser Preis des Geldes nun für dessen Nutzung gezahlt würde statt für die Gewinnerwartung der Gläubiger (B). Damit aber ändert sich etwas Entscheidendes: Die Geldmenge würde nicht durch den Zins- und Zinseszinsmechanismus wachsen, sondern entwertete sich stattdessen für A permanent. Im jetzigen System leiht er sich bspw. 100 Geldeinheiten (GE), und muss nach dem ersten Jahr bei einem Zinssatz von 5% 105 GE zurückzahlen. Dann 110,25 GE. Und nach 10 Jahren 162,89 GE. Wow! Haben wir nach 10 Jahren mit 100 GE 62,89 GE rausgeholt und zwar – da es sich um eine Rechnung handelt, die de facto nur auf dem Papier stattfindet – aus dem Nichts.

Im freiwirtschaftlichen System hätte A ebenfalls 5% des von ihm geliehenen Geldes an Gebühren zu zahlen mit dem Unterschied, dass die Geldmenge – und damit die Gebühr – ständig schrumpfte, weshalb nach einem Jahr nur noch 95 GE in der Kasse verblieben (und statt Gebühren in Höhe von 5 nur noch 4,75 GE zu entrichten wären), nach zwei Jahren 90,25 GE und nach zehn nur noch schlappe 59,86 GE, weshalb die Geldhaltung in diesem Fall nur knapp 40 GE kosten würde statt über 60, was A freuen dürfte. Und weil A dem Geldgeber natürlich B die gesamten 100 GE zurückzahlen müsste, hätte auch B etwas davon, weil ihn die permanente Geldentwertung nicht tangieren würde, weshalb er A das Geld ziemlich wahrscheinlich leihen würde.

2. Zirkulation: Da schon die Geldhaltung gewissermaßen besteuert würde, kann angenommen werden, dass die Leute grundsätzlich eher bereit wären, das Geld unter die Leute zu bringen. Dementsprechend käme dies der Gesellschaft zugute, weil für ein funktionierendes Wirtschaftssystem elementar ist, dass das Geld zirkuliert. Die Freiwirtschaftslehre sieht außerdem vor, dass mittel- und langfristige Geldanlagen und Investitionen geringer oder überhaupt nicht mit Gebühren belegt würden, was soviel heißt, dass das Geld von A unangetastet bleibt, wenn er es etwa auf ein Sparkonto einzahlt oder eine Lebensversicherung abschließt. Weshalb es auch im Alternativsystem Vermögensbildung möglich wäre.

3. Nachhaltigkeit: Die wichtigste Änderung, die das skizzierte System mit sich bringen würde: Das Denken und Verhalten der Marktakteure würde weniger kurzfristige Entscheidungsparameter berücksichtigen und die langfristige Konsequenzen in den Mittelpunkt rücken. Was kompliziert klingt, ist ein Grundprinzip unseres bestehenden Systems: Der Zinsen wegen ist heutiges Geld mehr wert als Geld, was man Morgen bekommt. Schließlich bekäme man für heutiges Geld in der Zwischenzeit Zinsen und 100 Euro heute sind bei einem Zinssatz von 5% in zehn Jahren schon mehr als 160 wert.
Im Alternativsystem wäre erklärtermaßen das Gegenteil der Fall: zukünftiges Geld wäre plötzlich mehr wert als heutiges, weil 100 Euro in zehn Jahren immer noch 100 Euro wären, 100 Euro heute bei 5% Gebühren in zehn Jahren aber nur noch knapp 60. Die Konsequenzen wären gewaltig, denn die Menschen würden anfangen, mittel- und langfristig zu planen, und ebenso würden es Unternehmen tun. Plötzlich würde es nicht mehr darum gehen, alle bestehenden Ressoucen so schnell und gut es geht auszubeuten, ganz gleich was wir Morgen für Probleme dadurch hätten. Auf einen Schlag wären auch Projekte interessant, die erst nach Jahren Erträge abwerfen würden. Aufforstung von Wäldern etwa. Oder Investitionen in Bildung.

Eine Sache, die noch erwähnenswert wäre in diesem Zusammenhang: Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass im freiwirtschafltichen System die Geldmenge relativ konstant bleiben würde, was zu geringer oder verschwindender Inflation führen dürfte. Schließlich hätte niemand Interesse daran, mehr Geld zu schöpfen als unbedingt notwendig ist. Aber ob dem so ist soll an andere Stelle erörtert werden, weil das nun wieder höllisch kompliziert ist.

Und das ist es, wenn ich das richtig sehe, ohnehin schon.

One Response to “Alternativlos?”

  1. [...] systemimmanente Notwendigkeit zu langfristigem Denken und Handeln. Und weil ich das hier schon echt ausführlich durchgekaut habe nur soviel: Im jetzigen System sind – zinsbedingt – heutige Einnahmen mehr wert als [...]

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