Wie mag sich Muammar al-Gaddafi heute Abend fühlen? Oder Husni Mubarak? Was wird den anderen Despoten des Nahen und Mittleren Ostens jetzt grade durch den Kopf gehen? Und was mag sich der ehemalige Präsident Tunesiens, Zine el-Abidine Ben Ali, gedacht haben, bevor ihn ein Hirnschlag ereilte? Kaum anmaßend zu behaupten, dass die Genannten schlicht die Welt nicht mehr verstehen.

Oder Silvio Berlusconi. Hätte der es vor ein paar Wochen oder Monaten für möglich gehalten, dass irgendwer ihn tatsächlich vor Gericht stellt – wegen Verführung einer Minderjährigen? Hätten Charles und Camilla es sich noch vor Kurzem vorstellen können, dass sie in ihrer Limousine vom wütenden Mob angegriffen werden? Die USA, dass sie innerhalb eines Jahrzehnts von der unangefochtenen Weltmacht zu einem bloßen Mitläufer verkommen könnte, für die man sich phasenweise nur noch in Randnotizen interessiert? Oder Dr. a. D. Guttenberg, dass innerhalb einer Woche „abstruse Vorwürfe“ zu „gravierenden Fehlern“ werden können? Ich würde eher vermuten: mitnichten.

Ich bin gespannt zu erfahren, wie wir diese Dinge, die sich praktisch im Grunde erst in diesem Jahr ereigneten (Prinz Charles wurde im vergangenen Dezember angegriffen) irgendwann bewerten werden. Was wir sagen werden, über diese Ereignissen, die wahrscheinlich anders sind und waren als viele Ereignisse in den Jahren und Jahrzehnten zuvor. Und ob wir sagen werden, dass sich heute, jetzt, 2011 etwas Grundlegendes verändert hat.

Um eine Prognose zu wagen: Ich glaube schon. Es hat sich etwas verändert. Etwas Grundlegendes. Nachhaltiges. Und hoffentlich Weitergehendes. Wir werden augenblicklich Zeuge des Wettlaufs zweier Systeme oder Weltbilder wenn es beliebt. Erleben den Kampf zwischen dem Alten, in dem Herrschaftsansprüche einfach durchgesetzt wurden, tradiert und weitergegeben wurden, ohne hinterfragt oder weiterentwickelt zu werden.

Und der Herrschaft der Schwarmintelligenz, die – neben zahllosen Amateurpornos und Videos über niesende Pandas – im Begriff ist das Bewusstsein der Menschheit zu verändern. Tief. Umfassend. Und nachhaltig. Und wenn dieser Prozess nicht durch die etablierten, die Ressourcen kontrollierenden Kräfte gestoppt wird, werden wir irgendwann sagen können, dass nichts mehr ist und sein wird wie es seit Anbeginn der Menschheit bisher immer schon gewesen ist.

Niemals in der Geschichte der Menschheit hatte die gern als „Volk“, „Gesellschaft“, manchmal auch „Graue Masse“ bezeichnete machlose Mehrheit derart viel Macht wie sie sie grade besitzt. Nie war die Menschheit zuvor in der Lage, sich jenseits institutionalisierter Systeme, Kanäle und Prinzipien zu informieren, zu dynamisieren und zu organisieren als heute. Die Revolution ist im Gange. Inmitten unter uns. Und wir alle, die wir jetzt leben, werden später einmal sagen können, dass wir dabei gewesen sind. Ein Teil davon waren.

Als die Zukunft Gegenwart wurde.

One Response to “Als die Zukunft Wirklichkeit wurde”

  1. Trifft mein Gefühl. Bin ja schon seit Jahren der Meinung, dass noch niemand wirklich ahnt, was die ganzen Umbrüche per Netz bedeuten werden und schon bedeuten. Und auch wenn manche Medienjournalisten hie und da klingen, als seien sie selbst der Papst, ist ihre Arbeit so wichtig, allein die Tatsache, dass es sie gibt. Obwohl die Übergänge so fließend sind, von den Holzmedien zu den Bloggern, von den Untergrund- zu den höheren Politikern.
    Es ist wirklich zum Augenreiben, was da passiert. Spannend. Sehr spannend.
    Und wenn man sich vergegenwärtigt, dass man selbst tatsächlich von Anfang an dabei war… schon gebloggt hat, als andere Menschen noch das Einmaleins lernten… – da kann man schon Gänsehaut bekommen.
    HOLLYWOOD! Wir rufen Dir! Du musst jetzt auch mal mitziehen!

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