Es ist spät oder vielleicht doch eher früh und mir ist nach ein wenig Polemik, weil ich im Moment keine Lust habe, meine Gedanken über die Maßen auf ein staatstragendes Thema zu konzentrieren. Also mal sehen.

Heißt es nicht: Aus Schaden wird man klug? Und dass erst etwas passieren muss wie das Reaktorunglück in Fukushima oder die so genannte Finanzkrise bevor sich etwas ändert? Und dass wir den jahrzehntelangen Frieden in Europa hauptsächlich dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken haben und den vielen Millionen Toten, die die Überlebenden dazu gebracht hat zu sagen: Nie wieder! Und so weiter und so fort.

Und die Beispiele scheinen tatsächlich zu belegen, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Schließlich haben sich die Politiker durch die Rettung der Banken nicht ganz so dämlich (oder unwissend) angestellt wie jene Verantwortlichen, die beim weltweiten Zusammenbruch von 1929 den Dingen im Großen und Ganzen ihren Lauf ließen, dass die sich abzeichnende Depression sich ungehindert ausbreiten konnte. Und nicht zuletzt auch Mitursache war für die Erstarkung radikaler politischer Kräfte in Europa, allen voran natürlich der Adi und seine Gurkentruppe. Aber ich schweife ab. Denn neben den Rettungspaketen und -schirmen für Banken und Staaten, die zur Abwehr der so genannten Krise geschnürt und aufgespannt wurden, ist man nach der erschütternden Katastrophe in Japan auch gleich dazu übergegangen, zumindest in Deutschland ein paar Atom-Meiler vom Netz zu nehmen, obwohl man vor ein paar Wochen die Verlängerung der AKW-Laufzeiten für unerlässlich angesehen hat. Sicher ist jedenfalls sicher. Und man kann ja auch aus dem Schaden der anderen klug werden.

Also alles in Butter, oder? Der Krieg beendet, die Finanzkrise abgewendet, etwaige Störgrößen beseitigt. Und auch wenn sich die Deutschen unverständlicherweise aus den Kamphandlungen in Libyen raushalten, ist das Eingreifen einiger Nato-Staaten womöglich Beleg dafür, dass die Weltgemeinschaft nicht mehr dieselben Fehler zu tun gewillt ist wie etwa in Srebrenica 1995. Na wenns so einfach wäre. Ich habe nämlich überhaupt nicht das Gefühl, dass der Mensch aus Schaden klug wird. Und das nicht nur im globalgalaktischen Sinne. Sondern in Bezug auf jeden von uns.

In einer Kurzgeschichte von Stephen King wird von einem Kaninchen erzählt, dass zu Anschauungszwecken in einem Käfig lebt, der unter Strom gesetzt werden kann. Und immer, wenn das Tier fressen will, wird ihm ein schmerzhafter Schlag verpasst. Was – entsprechend der Geschichte – dazu führen dürfte, dass das Kaninchen irgendwann vor seinem Napf verhungert, weil es gelernt hat Fressen mit Schmerzen gleichzusetzen, den es so gut es kann zu vermeiden sucht. So weit, so grausam. Und was hat das Alles jetzt mit irgendetwas zu tun?

Das Kaninchen versteht nicht, was passiert, es erfährt lediglich, dass es höllisch weh tut, wenn es fressen will. Und auch wenn es es sich nicht erklären kann und spürt, dass es fressen muss, um zu überleben, wird es vor dem Napf verhungern, wenn der Schmerz nur stark genug ist. Es wird sprichwörtlich aus Schaden klug, auch wenn die Klugheit darin besteht, vor einem Berg von Leckereien zu verhungern. Ist der Mensch tatsächlich so? So konsequent in der Vermeidung von Fehlern, die er einmal gemacht hat? Ich denke nicht. Dafür sind wir einfach zu, ähem, klug. Leider muss man manchmal noch hinzufügen.

Wir beschwichtigen, interpretieren, mutmaßen, ignorieren Tatsachen, verdrehen Logik und Dinge, wie sie tatsächlich passiert sind, erscheinen in unserer Erinnerung völlig anders. Wir ist eitel, borniert, wollen uns Fehler nicht eingestehen bis zu Lächerlichkeit, leugnen selbst dann noch, dass wir daneben gelegen haben, wenn man uns das Gegenteil bewiesen hat. Wir weigern uns, Tatsachen zu akzeptieren, blenden sie aus und verhöhnen unsere Gegenspieler, ganz gleich was sie sagen und ob sie Recht haben oder nicht. Und wir sind derart selbstgerecht, dass wir mit Leichtigkeit ein Dutzend Fehler aufzählen können, die uns bei anderen sofort ins Auge springen, und finden kaum etwas, was es an uns zu kritisieren gäbe. Warum auch? Weil wir verflucht hörig sind vielleicht. Und maßlos. Eitel. Und träge. Und gewillt, uns so was von selbst in die Tasche zu lügen, nur damit wir uns – und vor allem anderen – nicht eingestehen müssen, dass wir im Unrecht waren. Und sind. Warum auch? Die anderen hat schließlich niemand um ihre Meinung gebeten.

Es gibt noch eine Geschichte, eine nette, keine so brutale mit gefolterten Kaninchen und so weiter. Das auf Aristoteles zurückgehende Gleichnis von Buridans Esel. Der zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen sitzt und sich für keinen der beiden entscheiden kann. Das Ergebnis ist allerdings dasselbe wie bei dem Kaninchen: Der Esel verhungert schließlich. Und so sind wir Menschen. Eine Horde dämlicher Esel.

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