Jun 03

Ertappt

Posted by agnieszka in Alles wird Gut, Hain des Plato, Kniffe des Lebens

Ohne den wissenschaftlichen Beweis momentan anführen zu können oder zu wollen, behaupte ich jetzt einfach Mal, dass die meisten Menschen Selbstgespräche führen – ob laut oder im Kopf. Ich tue es, beides. Das allein ist ja nun keine große Erkenntnis, und das folgende vielleicht auch nicht – ich genieße es aber manchmal auf eigenem Weg, so lang er auch dauern mag, zu bestimmten Schlüssen zu kommen, als mein Wissen vorab aus Büchern zu beziehen. Es zieht hin und wieder Schwierigkeiten nach sich, die man hätte umgehen können, aber so ist es spannender.

Vor einigen Tagen wurde mir etwas bewusst. Und zwar, dass ich, wenn ich mit mir Selbstgespräche führte – von angepissten Kommentaren über „nicht vergessen“ und to do liste bis „jetzt sitze doch mal gerade“ – mich selbst dabei so gut wie immer mit „du“ ansprach. „Du kannst das machen“, „das hast du gut gemacht“, „das kannst du nicht bringen“, „du solltest“, „du könntest“, „du machst das jetzt“.

An jenem Abend, als mir das auffiel, kam ich ins Bad, schaute mich im Spiegel an und sagte: „Das hab ich gut gemacht.“ Ja, ICH. Ich höre hin und wieder – und das seit geraumer Zeit – Stimmen, die sich darüber beklagen, dass die heutige Gesellschaft egomanisch sei, dass jeder nur an sich denken und auf den eigenen Profit aus sei. Da mag etwas dran sein, und auch ich gehöre manchmal zu jenen welchen, aber diese Stimmen gab es schon immer.

Ich dachte an diesem Abend, dass wir uns meistens sogar bei Selbstgesprächen, sogar wenn wir ganz allein sind, als jemand Fremdes begegnen, wir sprechen von uns in der dritten oder zweiten Person, selten in der ersten. Wir sagen „Man sollte“, „du könntest“ und beziehen es auch auf uns, doch gleichzeitig verstecken wir uns hinter dem Imperativ, hinter dem Schleier, der „du“ zu „ich“ werden lässt. Das „du“, das wir einem Fremden anbieten, ist etwas, das meistens als positiv und offen angesehen und angenommen wird. Das „du“ jedoch, das das „ich“ ersetzt, wenn man mit sich selbst spricht, sei mit Vorsicht zu genießen. Dass es wichtig ist, eine gewisse Distanz auch zu sich aufzubauen, das bestreite ich nicht. Doch gerade in der intimsten Minute, wenn wir – wenn ich – ganz allein bin, wieso duze ich mich statt mich zu „ichen“? Und ich rede hier nicht einmal von Fehlern, die sich ein jeder manchmal schwer zugesteht und deswegen zu einer Entfremdung gegenüber dem Ich neigt. Ich spreche von den alltäglichsten Pillepalle-Themen, die man auf dem Heimweg so revue passieren lässt. Wieso sagen wir, in den Spiegel schauend „gut siehst du aus“ und nicht „ich sehe gut aus“?

Später in der Nacht, nach ein paar Bier und dem Drang, trotz besseren Wissens wach zu bleiben, sagte ich mir: Ich habe genug gehabt für heute. Und ich putzte mir die Zähne und ging ins Bett. Früher sagte ich „du hast genug gehabt“ und machte mir noch eins auf.

One Response to “Ertappt”

  1. Vielen Dank, Agnieszka.
    Wirklich guter, erhellender Artikel.
    Mir geht es nämlich ganz genauso.
    Und ich hab mich schon ertappt beim „Du“ sagen, seit ich den Artikel gelesen habe. Um gleich aufs „Ich umzuschwenken“.
    Über Deine Entdeckung wird also noch zu diskutieren sein.

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