Müsste ich zwei nicht zu akzeptierende Missverständnisse unserer Welt benennen, so wären das (wer hätte das gedacht) natürlich Zins und die Pfadabhängigkeit. Der eine ist der zugrundeliegende Denkfehler unseres Systems, der nicht nur hauptverantwortlich ist für die Griechenlandkrise und die drohende Zahlungsunfähigkeit von Staaten wie den USA oder nun auch noch Italien. Immer schön an den Goldklumpen denken! Sondern auch dafür sorgt, dass wir mit der Präzision eines Uhrwerks die Meere leer fischen, die Wälder abholzen und sonst alles verschmutzen, was nicht genug Ertrag abwirft. Die Pfadabhängigkeit (oder auch Institutionalisierung) hingegen ist der Grund, warum wir überhaupt in diesem ziemlich unausgegorenen Gesellschaftssystem leben. Und warum es uns so schwer fällt, auch nur Kleinigkeiten daran und darin zu verändern. Da muss schon ein japanischer Reaktor in die Luft fliegen oder ein Weltkrieg ausbrechen, eh überhaupt etwas passiert.

Die Gründe für diesen Unwillen sind relativ schnell gefunden und werden wissenschaftlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert. So ist es etwa mit erheblichen (persönlichen wie finanziellen) Kosten verbunden, ein vermeintlich funktionierendes System zu verändern oder – spieltheoretisch ausgedrückt – die Strategie zu wechseln. Schließlich weiß man ja nicht, ob sich der Wechsel lohnt, die Zukunft ist schließlich ein wankelmütig Ding, und wer weiß – am Ende steht man womöglich schlechter da also vorher. Daher: besser Kopf einziehen und weitermachen wie bisher. So schlimm wirds am Ende schon nicht werden. Hinzu kommt, dass Kosten und Nutzen einer Entscheidung nicht immer denselben Menschen angelastet werden bzw. zugute kommen, was die Risikobereitschaft und vor allem den Willen zur Veränderung erheblich mindert. Wenn etwa – um beim Fukushima-Beispiel zu bleiben – die Erträge aus der Kernenergie einem Konzern (also Stromanbieter) zugute kommen, im Fall einer Havarie aber die Gesellschaft als ganze die Kosten für Schäden zu tragen hat, bitte wer glaubt dann ernsthaft, dass die Chefs dieser Konzerne ein gleichwie geartetes Interesse haben, nach neuen, gemeinverträglichen Alternativen zu suchen? Oder die Banken. Die nicht erst vor der Finanzkrise bereitwillig hochriskante Geschäft abschlossen, weil dort natürlich der (individuelle) Ertrag am höchsten ist. Um sich, nach dem Zusammenbruch ganzer Märkte, von den Staaten helfen zu lassen, weil die Kosten für die trudelnde Wirtschaft besser von der ganzen Gesellschaft getragen werden sollte. Geht ja schließlich uns alle an, wenn die Banken in Schwierigkeiten stecken.

Wie bereits erwähnt werden diese Phänomene grundsätzlich von der Neuen Institutionenökonomik thematisiert, speziell durch die Transaktionskostentheorie, die Theorie der Verfügungsrechte und die Prinzipal-Agent-Theorie. Und doch vermögen es diese Theorien allein nicht, das Problem der Pfadabhängigkeit zu erklären. Insbesondere, wenn es sich nicht auf wirtschaftliche, sondern auf ideelle Aspekte des Lebens bezieht. So ist bspw. fraglich, warum eine ziemlich große Zahl von Leuten die Bibel als unumstößliches Wort Gottes ansehen, an dem in keiner Zeile gezweifelt werden darf. Und warum diese Menschen wissenschaftliche Fakten – wie etwa die Entstehungsgeschichte des Universums – ignorieren, etwa weil in der Bibel steht, dass Gott die Erde an sechs Tagen erschaffen hat. Ebenso wie sie vor ein paar hundert Jahren geglaubt haben, dass die Erde eine Scheibe ist. Oder, um es allgemeiner auszudrücken, warum man so ein Buch wie die Bibel dazu heranzieht, um eben jene Lebensweise zu rechtfertigen – oder einzufordern! – die man sich in den Kopf gesetzt hat.

Natürlich ist für ein solches Denken – das sich viele Radikale, gleich welcher Ideologie, zu eigen machen – die Angst verantwortlich, in einer sich verändernden Welt am Ende schlechter dazustehen als vorher. Ebenso wie es die Ungleichverteilung von Kosten und Nutzen so unglaublich einfach macht, junge Menschen für seine Weltsicht in den Tod zu schicken, während man selbst irgendwo rumsitzt und kluge Reden über gottesfürchtiges (!) Leben schwingt. Und doch gibt es meines Erachtens noch einen anderen Grund, warum wir alle so befremdlich sind was unsere ureigensten Überzeugungen angeht: Eitelkeit. Dieses seltsame Ding, das in uns steckt und leicht mit Stolz und Ehre verwechselt werden kann und wird. Und uns oft genug daran hindert uns einzugestehen, dass wir im Unrecht waren. Und womöglich immer noch sind. Ebenso wie vielleicht schon unsere Väter im Unrecht waren. Und deren Väter. Gott bewahre. Also das geht eindeutig zu weit. Auf meine Familien lass ich nichts kommen. Und schließlich steht doch in der Bibel schon zu lesen, dass wir das auserwählte Volk sind. Was ich bis aufs Blut und mit meinem Leben zu verteidigen suche. Koste es was es wolle.

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