So ein Jammer. Da hatten wir uns in unserer schönen neuen Welt doch schon so herrlich eingerichtet! Wir haben doch schließlich den Kommunismus besiegt, und damit gezeigt, wer das richtige, das gute, das einzig wahre System auf diesem Planeten gefunden hat. Haben uns zwar von ein paar afghanischen Kameltreibern eine zeitlang ins Bockshorn jagen lassen. Ihnen dann aber doch ordentlich die Fresse poliert. Und abgesehen von ein paar Kriegen, die wir zur Verteidigung der uns zugedachten Freiheitsrechte angezettelt haben, war es doch im großen und ganzen ziemlich friedlich gewesen die letzten Jahre. Ein paar Terroranschläge, ein paar afrikanische Piraten, ein paar Drogendealer-Scharmützel in Lateinamerika – pah! Ein bisschen Schwund ist schließlich immer. Und außerdem lief es doch ganz gut, die Wirtschaft im Wachstum, die Menschen in Wohlstand, Glückseligkeit und Frieden. Und die paar Zurückgebliebenen bekamen einfach Besuch von der Supernanny oder von SAT1 eine Renovierung spendiert. Wirklich. Alles hätte so schön sein können. Und nun das!?!

Ich meine, die Jugend in den arabischen Ländern, die sich gegen die Despoten erhoben haben, die haben wir schon irgendwie unterstützt. Ist ja auch nicht in Ordnung, sein Volk zu knechten und so. So richtig getraut haben wir uns zwar nicht, uns auf die Seite der Freiheitskämpfer zu schlagen (apropos: was ist eigentlich aus dem Libyen-Krieg geworden?). Aber insgeheim sympathisiert haben wir schon mit, ähem, denen. Gut, das hat uns zwar nicht von Panzerlieferungen in ähnliche Krisenregionen abgehalten. Aber so ist das nun mal in der heutigen Welt. Alles ist so furchtbar kompliziert. Weshalb man bei derartigen Waffendeals die Öffentlichkeit am besten gar nicht informiert. Oder – wie im Zuge des Atomausstiegs – das Parlament im wahrsten Sinne des Wortes nur von der Entscheidung der Regierung in Kenntnis setzt. Ohne große Debatte und all den lästigen Schnickschnack und so. Aber ich komm vom Thema ab.

Denn nicht nur in Nordafrika und im Mittleren Osten gibt es frustrierte Jugendliche. Die sich über die Errungenschaften unserer furchtbar schönen Welt einfach nicht so richtig freuen können. Die gar nicht wissen, wie gut sie es eigentlich haben. Undankbares Pack! Sollen die mal nach Somalia fahren und fragen, wie es denen da unten geht! Nun gut, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von europaweit gut 20% kann man den Frust schon ein wenig verstehen. Zumal etwa Spanien fast jeder zweite junge Mensch ohne Arbeit dasteht. Als ob man was daran ändern könnte! Als ob jemand Schuld sei an dieser so genannten Finanzkrise. Aber vielleicht ist das ja auch einfach die spätrömische Dekadenz, von der unser seltsamerweise-immer-noch-Außenminister vor gut einem Jahr schwadronierte. Oder, frei nach Jean-Jacques Rousseau (und fälschlicherweise Marie-Antoinette zugeschrieben): Wenn sie nix zu tun haben, sollen sie doch arbeiten gehen!

Und immer noch kann man die auf den Madrider Plätzen herumlungernden Tagediebe ja irgendwie noch verstehen. Denn wo wären wir bloß, wenn man nicht seinen Unmut zum Ausdruck bringen dürfte. Wenn sich da nicht jetzt auch noch die Engländer eingemischt hätten. Was haben die überhaupt damit zu tun? Die haben ja nicht mal den Euro. Und außerdem: von den Franzosen kennt man das ja, dass da alle Nase lang die Vorstädte brennen. Die haben die Revolution ja praktisch in den Genen liegen. Aber die Tommies? Und dann auch noch brandschatzend und plündernd? Also, die Queen wird das sicherlich überhaupt nicht amusen.

Also, wenn wir es genau nehmen, hat ja alles schon vor gut einem Jahr angefangen. Im November stürmten Studenten die Tory-Zentrale in London. Im Dezember griffen Vermummte das Auto von Thronfolger Charles an. Das hätte ja eigentlich schon zu denken geben müssen. Aber vielleicht hat das ja auch alles gar nichts miteinander zu tun. Schließlich sind doch bei den jüngsten Ausschreitungen überall auf der Insel nur irgendwelche Chaoten am Werk, die anscheinend gar nicht so recht wissen, was sie da tun und vor allem – warum? Warum nur? Nun weil Polizisten einen Mann aus Versehen erschossen? Naja, das ist echt tragisch. Aber darf ja wohl mal vorkommen. Fehler passieren schließlich. Und sind noch lange kein Grund zu randalieren und ganze Straßenzüge in Schutt und Asche zu legen.

Es gibt sicherlich nicht eine singuläre Erklärung für diesen scheinbaren Ausbruch der Gewalt. Ebenso wenig wie es sicherlich nicht die eine homogene Gruppe an Aufständischen gibt. Es ist zwar eine gewagte These, aber es ist nicht unsinnig anzunehmen, dass verschiedene Personengruppen mit verschiedenen Motiven für die Gesamtheit aller Vorkommnisse der letzten Tage verantwortlich sind. So ist fraglich, ob diejenigen, die die Sony-Lagerhalle in Brand setzten, dieselben sind, die einen verletzt am Boden liegenden Teenager ausrauben. Und ob die Vielzahl an Plünderungen allein von Kriminellen begangen wurden oder doch zumindest zum Teil von irgendwelchen Kindsköpfen, die sich von der Stimmung der Straße haben anstecken lassen. Und auch wenn es keine klare politische Botschaft der Randalierenden gibt, keine konkreten Forderungen und womöglich nicht einmal einen richtigen Anlass, der diese Ausschreitungen rechtfertigt, bleibt die Frage, ob es nicht einfach die Unzufriedenheit mit dem System ist, das – ausgelöst durch die Finanzkrise – gerade die Schwächsten zu Verlierern machte, während die “eigentlichen” Verursacher der Krise zugleich die höchsten Einkommenszuwächse seit einem Jahrzehnt verbuchen konnten.

“Wir zeigen den reichen Leuten, dass wir tun können, was wir wollen”, hat ein Mädchen, ein weißes sogar, der BBC als Begründung für die Unruhen genannt. Das ist keine politische Agenda. Nichts, was verbunden wäre mit irgendwelchen Forderungen. Bloße Ohnmacht gegenüber einer Gesellschaft, die sich fast schon damit angefreundet hatte. Dass alles so schön geworden war.

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