Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, dem oben angerissene Zitronen-Problem zu begegnen. Und zwar können die Verkäufer auch einfach einen guten Eindruck machen. Um im Gebrauchtwagen-Sprech zu bleiben: Es kauft wohl niemand gerne von jemandem ein Auto an einer dunklen Straßenecke oder auf einen Autobahnparkplatz. Und nicht nur, weil man befürchten muss von der Polizei wegen dem Verschieben geklauter Fahrzeuge hochgenommen zu werden. Nein, vor allem ist es schwer Vertrauen zu jemandem aufzubauen und Geschäfte mit ihm zu machen, wenn er seine Waren wie ein Straßendealer aus dem Kofferraum verkauft. An wen soll man sich schließlich wenden, wenn es Probleme gibt und der Typ längst über alle Berge? Kauft man aber bei jemandem, der in einem riesigen Palast residiert mit Brokat an den Wänden und Dutzenden von Angestellten – Teufel. Wer soll hinter einer solchen Fassade  schon einen Betrüger vermuten?

Oder  - andere Strategie. Man sche!ßt einfach auf seinen Ruf oder darauf, minderwertige Ware zu kaufen. Dieses Phänomen ist vor allem an so genannten Touristen-Hotspots zu beobachten. Wo kriegt  man bspw. in Paris das schlechteste Essen zu unverschämt überteuerten Preisen? Ich würde mal behaupten, man probiert es wahlweise am Eiffelturm oder in Sichtweise von Notre Dame. Eine Tasse Spülkaffee, ein paar verkochte Spaghetti in Tomatenpampe und zum Nachtisch aufgetauten Käsekuchen, macht zusammen Euro 48, 50. Und trotzdem sind die Cafés und Bars immer brechend voll und niemand beschwert sich so richtig. Die Touristen nicht, weil sie in ihrem Urlaub keine Zeit verschwenden wollen, ein besseres Lokal zu finden, das nur ein paar hundert Meter weiter liegen dürfte. Und sich auch nicht aufregen wollen. Schließlich rechnet man ja auch irgendwie damit, an solchen Anziehungspunkten abgezockt zu werden, das gehört ja irgendwie auch dazu. Und die Ladenbesitzer kümmert es ohnehin nicht, dass die Touristen nach dem zweifelhaften Genuss einer solchen Mahlzeit niemals wiederkommen. Schließlich spuckt der Bus schon im nächsten Moment wieder ein ganze Horde konsumwilliger Dorftrottel aus, die nur allzu gerne deren Platz einnehmen.

Ich hoffe, es dämmert zumindest ein paar von Euch, dass wir uns damit endlich den vielzitierten, weltweit gefürchteten, oft verteufelten, nie erreichten – Tätää!!! – den Finanzmärkten nähern. Und auch, wenn ich die Sache ursprünglich genau andersrum hatte aufziehen wollen: Fangen wir doch – man hört ja sonst nur gutes darüber – zur Abwechslung einfach mal mit ein paar Problemen an, die selbige mit sich bringen. und um einige davon zu skizzieren hilft uns das Zitronen-Problem. Gerade weil Finanzprodukte wohl für die meisten Menschen – wenn nicht gar für alle – um einiges komplizierter sein dürften und noch schwerer zu durchschauen als irgendeine Schrottkarre eines obskuren Gebrauchtwagenhändlers. Zumal die meisten außer ein paar Seiten Papier, die sie unterschreiben müssen nichts weiter  zu sehen bekommen.

Nun ja, in dieser Analogie übernehmen nicht TÜV und Dekra die Bewertung sondern Moody’sFitch und Standard & Poor’s, die die Seriosität von Finanzprodukten und die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen bewerten, um es etwaigen Käufern zu ermöglichen, die Zitronen und Sauren Gurken am Markt zu identifizieren. Allerdings hat diese bedeutenden Aufgabe die drei großen Rating-Agenturen in der Finanzkrise nicht davon abgehalten, zweifelhafte Wertpapiere mit Bestnoten zu bewerten und sich sogar dem Vorwurf des Wertpapierbetrugs ausgesetzt zu sehen. Aber so ist das halt in einem Markt mit wenigen Anbietern. Da haben die Nachfrager halt meist das Nachsehen.

Aber auch ohne die Rating-Agenturen sind die Finanzinstitute bemüht, den Eindruck von Seriosität und Kontrolle zu erwecken. Schließlich ist man geneigt jemandem eher zu glauben, wenn er in marmorgetäfelten Hallen zu wandeln gewohnt ist. Hoffentlich Allianz versichert, wie es so schön heißt.  Denn notfalls sind Deutsche Bank, Münchner Rück und Hypo Real Estate ja viel zu groß, um pleite zu gehen. Man kann als Investor daher darauf hoffen, dass der Staat einspringt, wenn diese – man kann schon beinahe sagen – Finanzinstitutionen sich gelinde gesagt verzocken. Auch wenn man das eigene Geld trotzdem nicht wieder sieht.

Den Banken kann es ohnehin egal sein, was aus den Kunden wird. Die können es sich schließlich nicht aussuchen, was sie mit ihrem Geld tun. Da bleibt nur, es zur Bank zu bringen – was auch sonst?  Da kommt nur die Schlossallee in Frage. Badstraße oder abgelegene, schnuckelige Cafés fern der großen Champs Élysées – die Zeiten sind lange vorbei. Also wird einfach der Tisch neu gedeckt, wenn der letzte Gast (pleite) gegangen ist. Der nächste Kunde kommt bestimmt. Und hat zu fressen, was man ihm vorsetzt.

Zum 5. Teil der Serie

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