Was haben Ägypten, Israel, Spanien, Portugal, England, Tunesien und Griechenland gemeinsam? Hätte man vor einem Jahr noch nicht beantworten können, diese Frage. Die genannten Länder liegen ja nicht einmal auf demselben Kontinent. Doch natürlich weiß inzwischen jeder, auf was genau diese Frage abzielt, die diese sieben Länder in einem Atemzug nennt, weshalb ich mir nicht mal die Mühe mache, die offensichtliche Antwort zu geben.

Die Frage für heute ist, an welchem Punkt geschichtlicher Entwicklung wir stehen?  Denn es ist, denke ich, ziemlich unstrittig, dass die Vorgänge in den genannten Ländern durchaus als Folge des weltweiten wirtschaftlichen Niedergangs gewertet werden können. In den europäischen Ländern stellt sich ohnehin nicht die Frage, ob die Demonstrationen der Jugend mit der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit in Zusammenhang stehen. Doch auch die Umsturzbewegungen in Nordafrika sind hauptsächlich wirtschaftlich motiviert, bedingt durch hohe Arbeitslosigkeit der relativ jungen Bevölkerung, steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise, Inflation, wachsende Armut, kurz alles, was man auch zu Griechenland oder Spanien sagen könnte.

Wenn ich jetzt die Länder dazurechne, deren Bevölkerung zumindest Grund hätten zu protestieren, die praktisch insolventen USA, Frankreich, die ebenfalls um ihr Spitzenrating bangen, Italien, noch ein G8-Mitglied, das in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckt, herrje. Da wundert es wohl nicht, dass auch das letzte absolutistisch regierte Land Afrikas, Swasiland, de facto bankrott ist. Und – wer hätte das gedacht – selbst in auch China führt die vielzitierte “Kluft zwischen Arm und Reich” zu Unruhen, auch wenn die chinesische Staatsführung gewohnt souverän agiert und sich das Heft sicher nicht aus der Hand nehmen lässt.

Also, noch einmal. An welchem Punkt geschichtlicher Entwicklung stehen wir?  Sind all diese Entwicklungen nur ein Strohfeuer, eine heftige, aber zeitlich begrenzte Reaktion auf wirtschaftlich schwierige Zeiten, wie sie immer wieder vorgekommen sind und wohl immer wieder vorkommen werden? Oder etwas epochemachendes, langfristig veränderndes, gar das Herausbrechen eines neuen Zeitalters? Wenn Konservative Gallionsfiguren wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher plötzlich räsonieren, dass die Linke vielleicht doch Recht hat – was sie nicht hat. Oder Erklärungsbemühungen und Rettungsvorschläge so genannten Experten ziemlich hohl und irgendwie verzweifelt klingen. Kann das vermutlich tatsächlich als Beleg gewertet werden, dass etwas grundsätzlich aus den Fugen geraten ist. Da braucht nicht mal mehr kopflos agierende, konzeptlos regierende Politiker, die man als Beleg wahrscheinlich dutzendfach anführen könnte.

Ich will nicht in der Gegend rumtheoretisieren, aber meiner Meinung nach gibt es Ereignisse nach denen ein neues Zeitalter anbricht. Etwa die Entdeckung Amerikas, die Französische Revolution oder auch die Zeit von 1918 bis 1945, die die Weltordnung wie wir sie heute kennen zementierte. Und es gibt epochemachende Ereignisse, die gravierend sind, aber Ausdruck sind eines Zeitalters oder Vorboten eines heraufziehenden. Der 30jährige Krieg etwa als Fanal innerhalb der Glaubenskriege. Die Revolution von 1848, der Deutsch-Französische Krieg, ja selbst die anschließende Reichsgründung. Selbst die beiden großen Ereignisse der letzten Jahrzehnte, der Mauerfall und der 11. September – es fällt schwer diese gravierende Einschnitte in die bestehende Ordnung als Anbruch eines neuen Zeitalters zu deuten und nicht nur als “bloßes” epochales Ereignis.

Wo aber stehen wir jetzt? Dass etwas passiert, passieren wird, ich denke, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Auch wenn dem noch nicht lange so ist. Eine neue Epoche? Ein neues Zeitalter? Eines ist jedenfalls klar. In ein paar Jahren schon, gehört uns dieser Planet. Uns. Und wir tragen die Verantwortung für all die Scheiße die da draußen vor sich geht, und die wir jetzt noch anderen in die Schuhe schieben können. Und vielleicht fällt dieser Übergang – der sicherlich längst begonnen hat – in eine Zeit in der Umbrüche notwendig, zwingend werden.

Mal sehen, was wir dann daraus machen. Wenn wir die Chance bekommen. Nur einmal etwas anders zu machen.

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