Derivate. Tja, was fällt einem bloß zu Derivaten ein. Wahrscheinlich als aller erstes, dass einem nicht viel dazu einfällt. Dabei ist – wie wir im letzten Artikel gesehen haben – der Markt für Derivate um ein Vielfaches größer als der Markt für Aktien und Anleihen. Und nicht zuletzt sind eben diese (Finanz-)Derivate mit- wenn nicht hauptverantwortlich für die so genannten Weltfinanzkrise seit 2007. Was leider auch nicht wirklich zu Klärung der Frage beiträgt, was denn nun genau unter dem Begriff zu verstehen ist, der sich vom lateinischen Wort derivare ableitet, was nichts anderes bedeutet als, ähem, ableiten. Womit der Begriff tatsächlich hinlänglich beschrieben ist.

Denn Derivate sind im Grunde nichts anderes als vor allem von Finanzprodukten wie Aktien und Anleihen abgeleitete Finanzprodukte bzw. -geschäfte. Man kann sie auch, vereinfacht gesagt, als eine Wette bezeichnen, ob eine bestimmte Sache eintritt oder nicht. Daher beziehen sich Derivate – im Gegensatz zu Aktien und Anleihen – immer auf zukünftige Ereignisse, weshalb man in Zusammenhang mit Derivaten häufig auch von Finanztermingeschäften spricht. Diese Ausrichtung auf zukünftige Ereignisse ist die zweite Eigenschaft von Derivaten, die, wie wir bereits im Artikel über die Entstehung von Hedgefonds gesehen haben, ursprünglich entwickelt worden sind, um Risiken einzelner Marktteilnehmer zu minimieren.

Schon in der Antike versuchten Investoren sich gegen Risiken abzusichern, etwa für den Fall, dass ein Schiff mit einer erwarteten Getreidelieferung von Piraten gekapert wurde oder in einem Sturm unterging. Da dies im schlechtesten Fall den Ruin des Investors bedeuten konnte, wurde schon vor mehr als zweitausend Jahren eine frühe Form von Derivatehandel entwickelt, indem der Investor seine Fracht an einen Dritten verkaufte, ohne dass die Ware zum Zeitpunkt des Handels überhaupt schon verschifft (oder geerntet) worden war. Ging alles gut und gelangte die Ware sicher in den Hafen, machte der eine Händler ein gutes Geschäft, weil er die Ware zu einem niedrigen Preis gekauft hatte. Ging die Ware unterwegs verloren oder fiel die Ernte niedriger aus als erwartet, trug er dafür das alleinige Risiko.

Dieses Prinzip erscheint ja erst einmal ganz vernünftig. Wer möchte schon jemandem vorschreiben wie er seine Geschäfte zu tätigen, geschweige denn abzusichern gedenkt. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, irgendwen zu kritisieren, weil er eine Feuerversicherung abschließt oder eine Haftpflichtversicherung. Doch wie wir bereits gesehen haben ist vieles, was mit den Finanzmärkten zu tun hat, aus einem prinzipiell stimmigen und auch vernünftigen Grund entwickelt und etabliert worden, gleich ob man von Banken, Versicherungen, Aktien, Anleihen oder eben Derivaten redet. Wobei an dieser Stelle die Bemerkung erlaubt sei, dass all die genannte Dinge so wie sie heute betrieben werden nur noch sehr wenig mit ihrem ursprünglichen Zweck zu tun haben. Im Bezug auf Derivate bedeutet das vor allem, dass sie sich heutzutage zu einem guten Teil auf Finanzprodukte beziehen, womit sich derlei Geschäfte nicht von realen Vorgängen abgeleitet sind, sondern sich die Finanzindustrie quasi um sich selbst dreht. Zum zweiten stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was eigentlich der Unterschied ist zwischen einem Geschäft, das ich zur Absicherung eines anderen Geschäftes abschließe und einer bloßen Wette, mit der ich versuche durch Spekulation oder Arbitrage einen Gewinn einzustreichen.

Sicherlich sind die Übergänge zwischen Geschäft und Wette, seriösem Geschäftsgebaren und reiner Spekulation fließend, weshalb es für niemanden einfach sein dürfte, das eine vom anderen zu unterscheiden. Wobei – wie die Grafik im letzten Artikel zeigt – das Volumen des Handels mit Derivaten derart riesig ist, dass Staaten ins Wanken, Märkte in die Tiefe zu reißen und Krisen auszulösen vermag. Und dies zumindest unterscheidet diesen allein auf Schätzungen basierenden Markt von einer Wette, dass – sagen wir mal – Griechenland Fußball-Europameister wird.

Zum 16. Teil der Serie

2 Responses to “Bemerkungen zu Märkten – Man hat’s nicht leicht mit Derivaten”

  1. Ich lese sie irgendwann alle, versprochen

  2. Dabei versuche ich wirklich, kurz, knackig und vielleicht sogar ein wenig amüsant zu schreiben, ganz ehrlich. Ich kann leider auch nix dafür, dass das so ein überbordendes Thema ist, und noch dazu höllisch kompliziert. Hab allein drei Anläufe gebraucht, um diesen verfluchten Derivate-Artikel in einigermaßen verständlicher Form zu schreiben. *Schniff*

    Und keine Sorge. Bin Gott-sei-Dank bald am Ende mit diesem notwendigen Übel, versprochen.

    ;)

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