Ich hatte diese Serie begonnen, weil ich den Eindruck hatte, dass zu wenige Menschen eine Idee haben, was überhaupt gemeint ist, wenn – wie in letzter Zeit tagtäglich – von den Finanzmärkten die Rede ist. Vor allem weil viel zu oft die Frage unbeantwortet bleibt, was die Finanzmärkte denn grundsätzlich mit dem zu tun haben, was in der “realen” Welt passiert. Und da wir in einigen Artikeln der Serie vorgearbeitet und einige grundlegende Sachen bereits geklärt haben, können wir nun (hoffentlich) aus dem vollen Schöpfen und endlich ein wenig Licht ins Dunkel der oft genug übermächtig wirkenden Finanzmärkte bringen.

Sehen wir uns einmal das Schaubild an, das wir in Grundzügen schon vor ein paar Wochen bei der Erklärung des Realwirtschaftlichen Kreislaufs vorgestellt haben, und das vor allem den Zusammenhang zwischen Bruttoinlandsprodukt (Bruttosozialprodukt BSP) und Volkseinkommen (VE) verdeutlicht. Kurz gesagt werden nämlich alle Löhne, Gehälter und Gewinne einer Volkswirtschaft gezahlt bzw. verdient, in dem bzw. um alle Waren und Dienstleistungen dieser Volkswirtschaft herzustellen. Vereinfacht stellen Arbeiter die Güter her und kaufen diese wiederum mit dem Lohn, den sie erhalten. Das Geld, das sie nicht ausgeben, bringen sie zur Bank und sparen es. Die Banken wiederum geben das von den Arbeitern eingezahlte Geld in Form von Krediten an die Unternehmen zurück, die wiederum das Geld investieren und so in den Kreislauf zurückfließen lassen.

Nun wird in diesem Schaubild deutlich, dass dieses (theoretische) Gleichgewicht gestört wird, wenn – bspw. in einer Rezession – Arbeitnehmer (AN) freigesetzt werden. Die Folge ist, dass diese Arbeitnehmer nicht mehr zur Erwirtschaftung des Bruttoinlandsproduktes beitragen, wodurch das Bruttoinlandsprodukt sinkt, wenn der Ausfall dieser Arbeitnehmer nicht etwa durch die Anschaffung von Maschinen kompensiert wird. Auf der anderen Seite sinkt aber auch das Volkseinkommen, weil die Arbeiter nichts mehr verdienen, insofern auch keine oder weniger Waren kaufen können. In der Folge können diese “übrig gebliebenen” Waren nur abgesetzt werden, in dem deren Preis gesenkt wird. Was wiederum das (monetär bewertete) Bruttoinlandsprodukt senkt. Und auch wenn man sich wieder einmal fragt, was dieses ganze Gefasel zu bedeuten hat, ist dieser Zusammenhang von entscheidender Bedeutung, um das Verhältnis zwischen den Finanzmärkten und der realen Wirtschaft zu erklären.

De facto fließt nämlich durch eben unterstellte Freisetzung der Arbeitnehmer vereinfacht gesagt, Geld aus dem Kreislauf ab, was – im schlimmsten Fall – eine Kettenreaktion in Gang setzen kann, die die gesamte Volkswirtschaft in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringt, weil sinkendes Volkseinkommen (oder auch Kaufzurückhaltung) das BIP sinken lässt, wodurch in der Folge noch mehr Arbeitnehmer freigesetzt werden, was das Volkseinkommen weiter senkt. Und so weiter. Demgemäß erscheint es für eine Volkswirtschaft nicht zweckdienlich, wenn Geld – aus welchen Gründen auch immer – aus dem Kreislauf abfließt. Obwohl dies tagtäglich und weltweit in großem Stil passiert. Wofür die Finanzmärkte maßgeblich verantwortlich sind.

Um es kurz zu machen: Ein schier unauslöschlicher Mythos dieses, unseres Systems ist, dass, wenn man Geld auf der Bank anlegt, dieses über Kredite wieder in den Kreislauf eingespeist wird. Was natürlich für einen Teil des Geldes auch stimmt. Doch wenn man noch einmal die Volumina der einzelnen Finanzmärkte betrachtet, fällt auf, dass der Wert aller produzierten Waren weltweit in 2010 63 Billionen Dollar, das Volumen aller gehandelten Aktien und Anleihen 2010 87 Billionen Dollar betrug, zusammengerechnet also 150 Billionen Dollar ergab. Hingegen das Volumen aller weltweit gehandelten Finanzderivate das vierfache, nämlich genau 601 Billionen Dollar ergab.

Vernachlässigt man nun aus bereits dargelegten Gründen mal den Devisenmarkt, so zeigt dieses Verhältnis von Realwirtschaft (wozu zumindest der Handel mit Anleihen zählt) zum Handel mit Finanzderivaten, dass sich die Finanzmärkte zum überwiegenden Teil um sich selbst drehen. Dass sie Geschäfte generieren, die nur noch sehr wenig mit Realwirtschaftlichen Prozessen zu tun haben. Denn wie wir es schon bei Aktien gesehen haben, kommen ein großer Teil der auf den Finanzmärkten getätigten Geschäfte in erster Linie wieder den Finanzmärkten zugute. Wird reinvestiert. Etwa in Swaps. Futures. Warentermingeschäfte. Und allein für die Rendite. Was die Welt vor zwei Probleme stellt.

Erstens steht das auf diesen Märkten investierte Geld nicht der Realwirtschaft zur Verfügung und stört den oben skizzierten – und prinzipiell auch so funktionierenden – Kreislauf. Und da zweitens das Volumen dieser Geschäfte den Wert der “realen” Geschäfte bei weitem übersteigt,  vermag eine Störung dieser Märkte, wenn etwa Schuldner ihre Verbindlichkeiten nicht mehr zahlen können, eine ganzes Heer von Banken in den Abgrund zu reißen und damit eine – auch für die Realwirtschaft bedrohliche – Krise auszulösen. In der dann die Banken gerettet werden müssen. Was unlängst geschehen ist. Und vermutlich bald wieder auf der Tagesordnung steht.

Zum 17. Teil der Serie

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