Wie man sieht, ist es mit dem, was die Finanzmärkte für die Realwirtschaft tun nicht wirklich weit her. Was die Aktien anbelangt konnten wir zeigen, dass deren Kurs überwiegend von Überlegungen der Trader bestimmt ist , denn aufgrund solider Finanzdaten ermittelt wird. Zumal der Aktienhandel im Grunde nur bei Emissionen durch das Unternehmen mit Eigenkapitalbeschaffung zu tun hat. In Hinblick auf die Rating-Agenturen haben wir besprochen, dass deren Aufgabe zwar prinzipiell notwendig ist. Allerdings haben diese auch gezeigt, dass sie im Ernstfall schlicht gesagt nicht taugen. Und zu guter Letzt haben wir gesehen, dass ein großer Teil der Finanzmärkte reale Wirtschaftsprozesse weitestgehend außen vorlässt und sich sprichwörtlich um sich selbst dreht. Was wiederum durch das ganz zu Beginn dieser Serie dargelegten Prinzip der Evolution der Märkte erklärt werden kann. Auch wenn die Akteure an den Finanzmärkten verstanden haben, dieses Prinzip auf seltsame Weise zu pervertieren.

Erinnern wir uns: Die Entwicklung von Märkten kann mit den Prinzipien der Evolution verglichen werden, was nicht zuletzt ein Grund dafür ist, dass Märkte als Funktion derart erfolgreich sind. Zusammengefasst hat ein Marktakteur eine neue Idee (Mutation), die er auf den Markt bringt und von diesem entweder angenommen wird oder eben nicht (Selektion). Erfolgreiche Idee überleben am Markt, vergleichbar mit erfolgreichen Spezies wie etwa den Säugetieren. Andere verschwinden dafür, wie etwa das Wählscheiben-Telefon oder – evolutionsbiologisch – der Neandertaler. Nun haben wir gesehen, dass viele mit den Finanzmärkten in Beziehung stehenden Dinge – von Banken über Hedgefonds bis hin zu Derivaten – aus einem grundsätzlich vernünftigen Grund entwickelt worden sind. Was erklärt, warum sie sich so lange haben halten können. Allerdings haben die Akteure an den Finanzmärkten es tunlichst unterlassen, diese Prinzipien sonderlich – und im Sinne der sie benötigenden Volkswirtschaften – weiterzuentwickeln. Ganz im Gegenteil. Lobbyisten haben alles daran gesetzt, die Märkte abzukoppeln von staatlichen Kontrollen, der Hauptgrund, warum der Handel mit Derivaten der Welt regelrecht über den Kopf gewachsen ist. Aber natürlich werden jetzt einige Marktradikale aufspringen und sagen, dass das doch grade das evolutionäre Prinzip ist, von dem ich eben noch gefaselt habe. Entwicklung! Fortschritt! Und: Der Markt wird´s schon richten.

Mitnichten wird er das, wie wir bei unseren Betrachtungen zum Marktversagen zeigen konnten, ganz im Gegenteil. Schließlich haben deregulierte Märkte die Tendenz, Evolutionsprozesse zu unterbinden. Weil etablierte Unternehmen prinzipiell einen Vorteil haben gegenüber Start-Ups mit neuen Ideen. Sie sind besser vernetzt, kontrollieren oft genug den Marktzugang und mittels Werbung die Wahrnehmung beim Konsumenten. Zudem verfügen sie wahrscheinlich auch über das Kapital, um drohenden Konkurrenz auszustechen, in ihrer Entwicklung zu behindern oder gleich zu übernehmen. Weshalb man Märkte – zum Wohle der Allgemeinheit – grade nicht sich völlig selbst überlassen darf.

Es befremdet schon ein wenig – und erklärt auch einen Teil der weltweiten Proteste, die nun selbst das Mutterland des grenzenlosen Kapitalismus erfasst haben – welche Freiheiten die Finanzmärkte genießen. Insbesondere angesichts der unfassbaren Bedeutung, die sie für unser aller Leben haben. Erklärbar ist dieser Umstand nur durch das viele Geld, das auf und mit ihnen verdient wird. Die Big Player kaufen einfach alle fähigen Köpfe schlichtweg ein, in den USA sitzen und saßen ehemalige Banker in höchsten politischen Ämtern, darüber hinaus wird viel Geld eingesetzt, um auf politische Entscheidungsträger einzuwirken. Ich habe keine Ahnung, wie die Finanzindustrie es geschafft hat, die Politiker glauben zu machen, sie allein wären notwendig, um Frieden und Wohlstand zu bringen. Und wie sich die Welt immer noch schwer damit tut zu erkennen, dass eher das Gegenteil der Fall ist.

Oder, um es unter evolutionstheoretischem Blickwinkel zu betrachten: Die Finanzindustrie hat sich dahingehend weiter”entwickelt” immer vertracktere, undurchschaubarere Produkte zu entwickeln, die sie dann wahlweise unters Volk bringen oder sich gegenseitig aufschwatzen konnten. Das ist die eigentliche Leistung. Niemand hat sich in der Vergangenheit die Frage gestellt, wie die Finanzmärkte geschaffen sein müssten, um – was wir alle von ihnen verlangen – den Volkswirtschaften dieses Planeten zu dienen. Leider war aber – das muss man zur Ehrenrettung der Banker sagen – der Anreiz überhaupt nicht, zum Wohle des Volkes zu agieren. Sondern maximale Profite  zu machen. Weshalb es auch nicht wundern kann, dass es immer wieder und in regelmäßigen Abständen zu diesen Blasen und Krisen kommt. Denn am Ende siegt die Gier. Im besten Fall.

Im schlechtesten Fall ist nicht nur das Anreizsystem das falsche, nachdem die relevanten Akteure ihre Entscheidungen treffen. Sondern auch das allem zugrundeliegende Gesamtsystem. Und das ist in unserem Fall leider so. Was wir beim nächsten Mal zeigen werden.

Zum 18. Teil der Serie

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