Man muss fairerweise sagen: Die Sache ist vertrackt. Das unserer Gesellschaft zugrundeliegende Geldsystem mit Zinseszins und Geldschöpfung mag zwar ungerecht, fehlerhaft und möglicherweise auch vollkommen undurchdacht sein. Damit ist allerdings nicht eine Sekunde die Frage beantwortet, wie dieses System denn überhaupt zu ändern wäre. Denn selbst wenn sich alle Menschen einig wären (was sie nicht sind), dass der Zins abgeschafft und die Geldschöpfung zumindest eingeschränkt werden müsste, und alle Menschen, auch die Reichen, sogar dafür zu gewinnen wären (was definitiv nicht passieren wird), wären allein die aus der Forderung nach einem Negativzins resultierenden Effekte derart gewaltig, dass es zu Krieg und Bürgerkrieg kommen würde, selbst wenn die gesamte Menschheit versuchen würde, diesen Systemwechsel friedlich und einvernehmlich zu vollziehen. Schließlich reden wir darüber, ausnahmslos alle derzeitigen Besitzstände infrage zu stellen und ggfs. zu überdenken. Was aller Wahrscheinlichkeit nach ins Chaos führen dürfte. Selbst wenn alle damit einverstanden wären. Also steht uns ein Krieg, ein Weltkrieg bevor, ganz gleich was unternommen wird und wie sehr mittlerweile alle bemüht sind, eben dies zu verhindern? Ich muss leider sagen: ja. Auch wenn ich nichts groß übrig habe für Weltuntergangspropheterie deutet alles darauf hin, dass wir auf einen Krieg zusteuern. Der – auch wenn er noch ein paar Jahre auf sich warten lassen dürfte – momentan offenbar nicht zu vermeiden sein wird.

Da wir allerdings (vorausgesetzt meine Schwarzmalerei trifft wirklich zu) noch ein bisschen Zeit zu haben scheinen, und Zeiten wie diese nicht nur große Risiken, sondern auch Chancen in sich bergen, hier ein weiteres Mal die Skizzierung der nahe liegenden Lösung, die ich im Moment sowohl für machbar als auch für durchaus geeignet halte, die uns bevorstehenden Probleme zumindest abzufedern. Wenn nicht gar Ausgangspunkt sein könnten, das bestehende System in ein anderes zu überführen.

1. Es muss einfach gesagt werden, dass keine Initiative bislang durchschlagenden Erfolg hat. Ganz gleich, ob sich die Occupy als Ausdruck von 99% der Menschen begriffen werden oder nicht. Bei 98,9 % scheint das jedenfalls noch nicht angekommen zu sein. Ebenso sind andere Initiativen wie etwa Tauschringe und Regio-Währungen nett gemeint. Über einen gewissen Personenkreis hinaus aber nicht weiter von belang.

2. Das an dieser Stelle zigmal bereits thematisierte – und im Rahmen des PAL-Projektes auch praktisch erprobte – Fureai Kippu halte ich persönlich hingegen für durchaus geeignet, eine große Menge Menschen tatsächlich zu erreichen. Schließlich ist die Idee, Hilfebedürftige zu unterstützen prinzipiell wohl kaum zu kritisieren. Außerdem ist das dahinterstehende Prinzip ziemlich einleuchtend und leichter vermittelbar als trockene Diskussion über die Nachteile des Geldsystems. Schließlich ist ein gewisses öffentliches Interesse durchaus vorstellbar, da man wegkommt vom dagegen und hingeht zum dafür, und den Menschen einen einfachen Weg zeigt, die Welt jetzt, hier und heute zu verbessern. Und nicht nur davon zu reden wie schön es denn wäre, wenn.

3. Durch die von vornherein erklärte Absicht, dieses Vorhaben nicht aus ehrenamtlichem Bedürfnis heraus umzusetzen, sondern mit dem vornehmlichen bestreben, eine komplementäre Währung aufzubauen gibt diesem Vorhaben die ideologische Grundlage und verweist zugleich darauf, dass der Umbau des Gesellschaftssystems Hauptziel bleibt und bleiben muss.

4. Durch die Integration jener Prozesse, die etwa durch die Tauschringe bereits abgebildet werden, ist es – losgelöst vom ursprünglichen Fureai Kippu – denkbar, das im Rahmen des Projektes geschaffene, zeitbasierte Zahlungsmittel auch heute schon als Währung in Umlauf zu bringen, für gewissen Dienstleistungen etwa oder – wie bei den Ithaca Hours – für nachmittagliche Kinobesuche.

5. Durch die bereits vorhandenen Strukturen von Occupy bis Tauschring, und ausgehend vom Wunsch der “99%”, etwas zu verändern, wäre es durchaus denkbar, dass diese Idee recht schnell auch andernorts umsetzbar wäre.

Zumindest wenn einige grundliegende Probleme gelöst werden, die ich nachfolgend – und sicherlich nicht erschöpfend – noch einmal kurz skizzieren möchte:

1. Monetäre Probleme: Schöpfung von Geld bringt immer Probleme mit sich. Etwa die Frage, wer autorisiert ist, im Rahmen des Projektes geleistete Stunden zu bescheinigen. Und welche Leistungen zu verrechnen überhaupt zulässig sind.

2. Akzeptanzprobleme: Außerdem stellt sich die Frage nach den Konsequenzen, die generelle aus der Akzeptanz eines solchen Zahlungsmittels resultieren. So etwa die Frage, ob Zeitstunden überhaupt gespart werden dürfen oder auch dem Schwund unterliegen sollten (was etwa die Tauschringe so praktizieren). Und welche  Handlungszwänge entstehen, wenn man eine solche Komplementärwährung zur Abwicklung sozial bedeutsamer Arbeiten akzeptiert.

3. Fiskalische Probleme: Immer noch die Frage, wie solche Arbeiten zur Schwarzarbeit abzugrenzen sind.

4. Organisatorische Probleme: Das PAL-Projekt hat gezeigt, dass wir nicht einfach loslaufen und uns um ein paar alte Leute kümmern können. Die Ablauforganisation der betreuenden Institutionen – etwa der Altenheime – muss berücksichtigt werden. Da gibt es noch ziemlich viel Klärungsbedarf.

5. Technische Probleme: Also die Frage, wie geleistete Stunden verbucht würden, was in Zeiten des Internets allerdings lösbar erscheint. Etwa durch die von vielen Tauschringen verwendete Software, über die Zeitkonten geführt werden können.

All dies wäre zu diskutieren. Und möglichst testweise umzusetzen. Ich kann im Moment selbst nicht sagen, ob sich diese Idee dauerhaft als tragfähig und lösungsorientiert erweist. Dies gölte es auszuprobieren. Wobei sich angesichts von Inflation (als de facto Negativzins) und 1-Euro Jobbern (die der Staat heute schon heranzieht, um die oben gemeinten Leistungen zu erbringen) die Frage stellt, ob wir uns weiterhin von den Entwicklungen treiben lassen wollen. Oder anfangen sie nach unserem Willen zu gestalten.

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