Dez 12

Ein Jahrhundert

Posted by me in Welt-Geschichten

Eine befremdliche Zeit, in der wir leben. Man kann es sich kaum mehr vorstellen, aber vor grade mal einhundert Jahren waren die Menschen in den Industrienationen im wesentlichen den natürlichen Gegebenheiten des Planeten ausgesetzt. So wie es viele Menschen der so genannten Dritten Welt auch heute noch sind. Schlechte Sommer etwa, wie wir ihn dieses Jahr hatten, hätte damals vermutlich zu Versorgungsengpässen und Nahrungsmittelknappheit geführt. Doch in den Regalen der Supermärkte und Discounter ist davon nicht mal preislich sonderlich viel zu spüren. Ähnliches gilt für die Gesundheitsversorgung. Vor hundert Jahren und lange vor der Entdeckung des Penicillins müssen die Menschen an Infektionen gestorben sein wie die Fliegen. Was heute nicht mal mehr bei HIV-Infektionen passiert.

Nimmt man noch die durch die Pille im Grunde ausgelöste Revolution des jahrhunderte- wenn nicht jahrtausendealten patriarchalischen Gesellschaftsbildes hinzu und die durch das Netz möglich gewordene dezentrale Vernetzung und Informationsbereitstellung, müsste man eigentlich annehmen, dass zumindest wir in der industrialisierten Welt im Paradies lebten. Wonach es allerdings einfach mal so gar nicht aussieht.

Um nur mal wieder ein paar Beispiele zu nennen: In Bonn will jemand die Pippi-Langstrumpf-Bücher aus den Bibliotheken entfernt sehen, weil das darin enthaltenes Wort “Negerkönig” rassistisch ist. Die im August in Kraft getretene Entgeltverordnung für Stromnetze befreit energieintensive Betriebe von sämtlichen Stromnetzgebühren, wohingegen die Gebühren für Normalverbraucher aller Voraussicht nach steigen werden. Meiner Einleitung zum Trotz sank die Lebenserwartung von Geringverdienern in den letzten zehn Jahren um ganze sieben Monate. Der Vollidiot Richard Precht fordert ein soziales Jahr für Rentner. Der noch größere Vollidiot Hans Olaf Henkel fordert gar, die Olivenländer von den Nordländern abzuspalten mit eigener Währung (Nordo und Südo) und allem Pipapo. Heute schreibt die Bildzeitung, dass der Bundespräsident (der an sich schon eine ziemlich fragwürdige Figur abgibt) als Ministerpräsident das Landesparlament in Zusammenhang mit einem Privatkredit in Höhe von 500.00 Euro belogen haben soll. Zu allem Überfluss hat die EU den unsäglichen Freiherrn in den Kreis der ehrenwerten Staatsmänner (Zitat: Wir brauchen Talente, keine Heiligen) zurückgeholt. Nicht einmal ein Jahr nach seinem ehrlosen Betrug. Und ausgerechnet als Schutzpatron der politischen Freiheit im Internet.

Vorausgesetzt die Welt geht nicht am Ende unter und alles durch das Netz wabernde Gefasel und Getue verschwindet nicht etwa in einer thermonuklearen Wolken. Wie werden die Leute in hundert Jahren über uns denken?

Über diese befremdliche Zeit, in der wir leben?

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