Posts Tagged ‘Komplementärwährung’

Eins der bemerkenswertesten Bücher, die ich gelesen habe, ist Guy Kawasakis inzwischen leider vergriffenes Gesetze für Revolutionäre, dessen zweites Kapitel überschrieben ist mit:
Don´t worry, be mies (engl. Don´t worry, be crappy). Was Kawasaki in dem Kapitel sagt ist, dass man mit einem Projekt erstmal starten soll, auch wenn es am Anfang womöglich chaotisch ist und unzureichend. Denn das was man an Feedback bekommt, wenn man sich den Realitäten (bei Kawasaki: des Marktes) stellt, ist wertvoller als alle hochtrabende Planung und Theorie. Und eine unschätzbare Hilfe, wenn man sich verbessern will. Ironischerweise ist das auch einer der Hauptkritikpunkte, die ich den von mir so oft schon gescholtenen Linken vorwerfe: Dass sie in ihren Zirkeln sitzen und sich darin gefallen, schöngeistige Reden zu schwingen. Statt aufzustehen und mehr zu tun als hin und wieder wahlweise gegen Hartz IV oder irgendwelche Nazi-Vollidioten zu demonstrieren.

Aber weg von den Linken, hin zum PAL-Projekt. Für das derselbe Grundsatz gilt von Beginn an. Don´t worry, be mies. Um uns das Ganze noch einmal in Erinnerung zu rufen: Mitte letzten Jahres hat das ganze begonnen mit dem Fischer-Projekt, einer einmaligen Sache, bei der wir Frau B. Bett und Küche gebaut und die Wohnung mal aufgeräumt haben. Im Verlauf dieser Aktion entstand die Idee, diese Art der Bedürftigen-Hilfe dauerhaft zu etablieren. Also haben wir uns ein Altenheim gesucht, und sind mit den gehbehinderten Leuten dort einmal in der Woche Enten füttern gegangen. Die geleisteten Stunden wurden – und werden – von der Altenheim-Verwaltung dokumentiert und alle Helfenden bekommen ¥€$-Punkte für ihre Arbeit. Damit war das PAL-Projekt geboren (dessen Name sich ursprünglich auf Douglas Adams‘ Buch Per Anhalter durch die Galaxis bezieht und zuerst als Witz gedacht war). Und nun, ein Jahr später, schreibt mich eine mir nicht bekannte Person an, Miss Me Too, und fragt, inwiefern man das Projekt auf andere Hilfsbedürftigen-Gruppen übertragen könne. Unabhängig von den zig Leuten, mit denen wir in der Zwischenzeit darüber geredet haben, und die alle mehr oder minder begeistert sind von der Idee. Dazu kann ich nur sagen: Hammer. Und dass es mich echt freut, dass sich wirklich was bewegt. Wenn auch noch ziemlich chaotisch. Und in Tip-Top-Schritten.

Nehme ich Miss Me Toos Kommentar daher zum Anlass, um eine Zwischenbilanz zum PAL-Projekt zu ziehen, und zusammenzufassen, was sich aus unserer Arbeit und allen Gesprächen, die wir zwischenzeitlich geführt haben, ergeben hat:

1. Die Situation dürfte jedem klar sein, dennoch eine kurze Prognose: ohne Schwarze Schafe an die Decke malen zu wollen, aber: Das System wie wir es kennen schlittert dem Untergang entgegen. Wie ich bereits an anderer Stelle ausgeführt habe, wird das Zinssystem und die damit zusammenhängende Staatsverschuldung auf kurz oder kürzer dazu führen, dass unser Staat und alle übrigen Staaten unter den Zinslasten und Schuldenbergen zusammenbrechen wird. Wie es in Griechenland bereits geschehen ist – und trotz der Billionen und Billiarden, die sie jetzt auf Pump (!) in den Markt blasen. Zu diesen monetären Problemen kommt eine systemimmanente Sockelarbeitslosigkeit, die – bedingt u. a. durch die Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft – den Effekt hat, dass es nicht genug (bezahlte) Arbeit gibt, um alle arbeitsfähigen Menschen zu beschäftigen. Was neben einem offensichtlichen Allokationsproblem vor allem das Problem mit sich bringt, dass Menschen innerhalb der Gesellschaft ausgegrenzt werden, sozial und vor allem ideell.

2.  Was das zur Folge hat – wer weiß? Jedenfalls wird es nicht mehr lange so weitergehen. Ich lese grade ein Buch mit dem Titel: Wann kommt der Staatsbankrott? Gedruckt 1982. Also, das wird nicht mehr lange dauern. Ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass es wahrscheinlich schlimmer wird als besser. Was auch immer das heißt. Und dass insbesondere für soziale Dienste immer weniger Ressourcen zur Verfügung stehen werden. Siehe bspw. das Sparpaket. Das leider auch nicht helfen wird.

3. Fassen wir also zusammen. Auf der einen Seite haben wir eine überalternde Gesellschaft, die sich weder ausreichend um die Alten noch ausreichend um den Nachwuchs kümmern kann, und die zwar Ressourcen zur Verfügung stellt, um ihre Kranken und Pflegebedürftigen hinreichend mit Medikamenten und ärztlichen Leistungen zu versorgen. Sonstige – nennen wir sie einmal gefühlsduselig menschliche – Leistungen aber immer weiter zurückschraubt, weil schlicht kein Geld da ist. Auf der anderen Seite steht unserer Gesellschaft ein größer werdender Pool an Menschen zur Verfügung, die (im Großen und Ganzen) arbeitswillig und arbeitsfähig sind, für die es jedoch systembedingt immer weniger Arbeit gibt und geben wird. Zum Dritten leben wir innerhalb eines Wirtschaftssystems, das zusammenzubrechen droht und niemand vorhersagen kann, was dann passieren wird.
Im August 1939 noch war sich – trotz des hitlerschen Säbelrasselns und der deutschen Annexion ganzer Länder – kaum ein Mensch des sich abzeichnenden Krieges bewusst. Schlicht weil Menschen insgesamt dazu neigen, den bestehenden Zustand als gegeben zu akzeptieren. Und auf das Beste zu hoffen. Wollen wir nun hoffen, dass es nicht zu (Bürger-)krieg und Verteilungskämpfen kommt, wenn das System zusammenbricht. Wenn wir plötzlich vor leeren Supermarktregalen stehen und kein fließendes Wasser mehr aus der Leitung kommt. Weil auch die Zahlungsströme versiegt sind.

4. Das PAL-Projekt oder das dahinterstehende Prinzip kann helfen, die unter 3. genannten möglichen Effekte zu dämpfen. Hauptsächlich weil es Hilfebedürftige und Hilfewillige zusammenführt. Daneben aber, weil es ein Parallelsystem (ein komplementäres Wirtschaftssystem) befördert, das unabhängig existiert vom regulären Geldmarkt. Sollte es auf diesem dann zum Zusammenbruch kommen, können die durch ein solches Netzwerk entstanden Organisationsstrukturen helfen, das System der notwendigen gegenseitigen Hilfe (Arbeitsteilung) aufrecht zu erhalten.

5. Das Prinzip selbst ist denkbar einfach. Man geht hin und hilft irgendwelchen hilfebedürftigen Menschen. Fertig ist der Lack. Doch natürlich ist es so einfach dann doch nicht. Zum einen weil, wie Miss Me Too richtig bemerkt, man in Konkurrenz tritt zu anderen Pflegeinstitutionen. Das wird im Moment noch kein Problem sein, weil wir Wenige sind. Aber zunehmend problematisch, wenn das Projekt ins Rollen kommen sollte. Schließlich gibt es immer nur einen Kuchen zu verteilen. Und das bezieht sich auch auf die Pflege.
Ich werde das an andere Stelle vertiefen, der Artikel ist ohnehin schon viel zu lang. Außerdem werden sich damit am Ende eher Anwälte auseinandersetzen. Auch andere Probleme, nämlich vor allem das Problem der Geldschöpfung (die ¥€S-Punkte sind und wären eine komplementäre Währung) und das damit in Zusammenhang stehende Problem der Schwarzarbeit kann und soll hier nicht behandelt werden. Ich verspreche aber, das so schnell wie möglich auszuführen.

Insgesamt geht es und muss es darum gehen zu helfen. Das ist der Kern der ganzen Angelegenheit.  Und wenn das ganze am Ende nichts bringt, das PAL-Projekt scheitert, die dämlichen ¥€$-Punkte und all die kilometerlangen Ausführungen und Überlegungen nirgendwohin führen und in einem Jahr schon niemand mehr davon redet. Haben wir am Ende ein paar alten Leuten einen schönen Tag am See geschenkt und mit ihnen die Enten gefüttert. Und wenn es auch nur eine Stunde war.

Dann hat das Alles was gebracht.

Mai 21

Neues vom Würstchen

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Wurst ist eine Götterspeise.
Denn nur Gott weiß, was drin ist.
Jean Paul

Nicht, dass ich mich für einen Weltverbesserer halte – aber Quaks pointiertes Pamphlet muss ich wohl auf mich beziehen. Wie auch immer, nehmen wir es als Steilvorlage, um das Fischer-Projekt ein weiteres Mal zu beleuchten.

Es ist nämlich keineswegs so, dass alle – und es sind inzwischen acht Leute glaube ich – Frau B. nur geholfen haben, ohne etwas dafür zu bekommen. Und damit meine ich nicht allein die Zufriedenheit, die man empfindet, wenn man sieht, wie sich andere über etwas freuen.

Denn ausgehend von der Fureai-Kippu-Idee – und den freiwirtschaftlichen Prinzipien verpflichtet, die die Schaffung (mindestens) einer Komplementärwährung nahelegt – haben wir uns vom ersten Tag des Projektes an von Frau B. die Stunden bescheinigen lassen, die wir für Aufräumen, Bettenbau etc. benötigt haben.

Damit haben wir de facto eine Art Währung geschaffen, auch wenn man sich dafür im Moment nichts kaufen kann. Und fraglich ist, ob man das überhaupt jemals können wird.  Das heißt nicht, dass wir Frau B. nicht auch so geholfen hätten – keine Frage. Doch der Sinn dahinter ist ein anderer.

Mittel- bis langfristig wollen wir eine Komplementärwährung etablieren, und das Fischer – und alle sich dem anschließenden Projekte, haben wir als guten Anfang gesehen, die Grundlage zu schaffen, ein solches Währungssystem irgendwann einmal einzuführen. Die „Währung“, von der wir hier reden, haben wir ¥€$ genannt, die Stunde gemeinnütziger Arbeit mit 10 ¥€$ Stundenlohn „vergütet“ (mit dem Euro als Referenzwährung).

Das Ganze würde an dieser Stelle zu weit führen in Gänze dargestellt zu werden. Ich werde wieder darauf zurückkommen und beantworte auch gern jede Frage zu dem Thema. Wenn Ihr da draußen aber in Zukunft vielleicht versucht seid, Anderen (also nicht Euren Freunden und Verwandten) zu helfen und sich diese Hilfe auf mehr bezieht als darauf, einer alten Dame über die Straße zu helfen, dann druckt Euch doch diese ¥€$-Bezugsscheine aus und lasst Euch Eure Hilfe bestätigen.

Wer weiß, wozu es irgendwann mal gut ist.

Apr 29

Unter dem Druck der Krise

Posted by me in freigeld.org

im Zusammenhang mit den Ideen der Freiwirtschaftslehre wird immer wieder das „Wunder von Wörgl“ genannt, jenem Phänomen in der kleinen österreichischen Stadt am Inn, in der es infolge der Einführung freiwirtschaftlicher Prinzipien 1932 innerhalb eines Jahres zu einem massiven Abbau der Arbeitslosigkeit und Wiederbelebung der Wirtschaft in einer strukturschwachen und von der Weltwirtschaftskrise gezeichneten Region kam. (Mann, was ein Satz…)

Tatsächlich aber ist Wörgl nicht der einzige Ort in dem komplementäre Währungssysteme ausprobiert wurden –  im Gegenteil. Denn wie jetzt überall zu lesen ist, führen immer mehr Gemeinden in den USA zur Bekämpfung der aktuellen Wirtschaftskrise eigenes Geld ein, um das lokale Gewerbe anzukurbeln.

Wie „USA Today“ meldet haben bislang rund ein Dutzend US-Gemeinden ihre eigene Währung kreiert, so etwa Ithaca (New York) den Hours oder Pittsboro (North Carolina), das den Plenty wiederbelebt hat. Mit dem Andauern der schweren Wirtschaftskrise wächst das Interesse auch in größeren Städten wie Portland (Oregon) oder Detroit (Michigan), der am stärksten betroffenen Stadt der USA. Dort haben drei kleine Geschäftsleute kürzlich unter dem Namen Detroit Cheers eigenes Geld gedruckt, das in zwölf Läden akzeptiert wird.

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Links: Artikel der USA-Today, Wikipedia-Artikel zum Thema Regio-Geld

Literatur: Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft, Riemann, München 1999

Apr 28

Fureai Kippu

Posted by me in freigeld.org

Mit Ausnahme des Zwergstaats Andorra weist Japan den höchsten Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung auf. Die Lebenserwartung beträgt dort knapp über 81 Jahre, 2003 waren bereits knapp 1/5 der Bevölkerung (19%) älter als 65 Jahre, Schätzungen zufolge soll diese Zahl bis 2025 auf knapp 30% steigen.

Um dem Problem der überalternden Bevölkerung zu begegnen, entwickelte die japanische Sawayaka Welfare Foundation 1995 das System des „Fureai Kippu„, wobei „Fureai“ für die emotionale Verbindung zwischen Menschen verschiedener Altersgruppen oder Professionen innerhalb einer Gemeinschaft steht und „Kippu“ einfach „Ticket“ heißt oder „Gutschrift“.

Diese „Pflegebeziehungs-Tickets“ funktionieren nach einem recht einfachen Prinzip: Jemand erklärt sich bereit, einem pflegebedürftigen Menschen zu helfen und bekommt statt Geld als Gegenwert Stunden auf einem zentralen Zeitkonto gutgeschrieben. Wenn dieser Mensch selbst oder seine Verwandten alt oder krank werden, kann er auf  dieses Zeitkonto zurückgreifen.

Genial einfach oder?

In Japan wurde dieses System relativ gut angenommen, heute gibt es über 600 Systeme mithilfe derer Altersversorgung ohne Geldfluss möglich ist, im Jahr werden rund 30.000 Zeitstunden angespart (Stand: 2006).
Darüber hinaus zeigt sich aber noch ein anderer Effekt: Es ist ein deutlicher Anstieg der freiwilligen Leistungen erkennbar, und das auch bei Helfern, die gar keine eigenen Zeitkontos eröffnen wollen, was die These stützt, dass eine nicht-kompetitive Währung (…) das Gemeinschaftsgefühl stärkt und altruistisches Handeln fördert.

Mal abgesehen davon, dass die Anwälte unter uns nun aufschreien und sagen: Diese Leistungen sind ja überhaupt nicht einklagbar…

Inwieweit ist es realistisch, dass man ein solches System auch bei uns – und sei es nur regional – einführen könnte?
Spart bitte nicht mit Kommentaren.

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Links: Bevölkerungsstruktur Japan,  Fureai Kippu auf Meduniqa.at, die englische Website der Sawayaka Welfare Foundation

Literatur: Bernard A. Lietaer, Das Geld der Zukunft, Riemann Verlag 2005