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Mai 15

Krieg im Ohr

Posted by me in Wort - Bild - Ton

Wem erzähl ich Neues? Die Musikindustrie steckt immer noch in einer schweren Krise, die Album-Verkäufe in den USA sind im vergangenen Jahr mal wieder zurückgegangen – diesmal um 14% für CDs und legal Downloads. Die CD-Verkäufe, die immer noch 85% des Marktes ausmachen, brachen sogar um fast 20% ein.
Die Industrie verteufelt die Praxis des illegalen Downloads von Musik (deren Zahl nach Jahren des Rückgangs in 2009 wieder angestiegen ist) , der Bundesverband Musikindustrie strebt an, 1.000 Abmahnungen pro Monat auszusprechen insbesondere, weil die Staatsanwaltschaften zunehmend dazu übergegangen sind, „Bagatelldelikte“ mit weniger als 3.000 (!) illegal verbreiteter Musiktitel nicht mehr zu verfolgen.

Vielleicht aber ist einer der Gründe, weshalb weniger Platten verkauft werden, weil die Qualität der Musik abgenommen hat – so wird jedenfalls geunkt. Und die Unken sind mächtig. „Der Tod von High-Fidelity – Im mp3-Zeitalter ist die Soundqualität schlechter als je zuvor“ titelt bspw. das Rolling-Stone-Magazine in einem Artikel von 2007 – und bezieht sich dabei auf den in der Branchen schon seit einiger Zeit tobenden Loudness-War.

Der Begriff Loudness-War – auch als „Loudness-Race“ bezeichnet – bezieht sich auf den psychoakustischen  Effekt, dass ein „lauter“ Song im ersten Moment einen subjektiv besseren Höreindruck hinterlässt:

„Je höher die Lautheit eines Musikstücks jedoch ist, desto eher werden auch hoch- und niederfrequente Signale wahrgenommen. Und desto vollständiger erscheint zunächst der Musikgenuss. Lauter scheint besser zu sein. Radiosender liefern sich deshalb seit Jahren auf der ganzen Welt einen Kampf um die Lautheit. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Hörer wesentlich häufiger am lautesten Sender hängenbleiben.“ (sueddeutsche.de)

Diesen „Krieg“ gab es schon zu Zeiten des Vinyls. Auch damals waren laute Pressungen besonders begehrt. Allerdings setzt das Medium Vinylschallplatte bestimmte technische Grenzen – etwa durch das Springen der Nadel bei zu großer Auslenkung einer Rille – eine Beschränkung, die es im Zeitalter digitaler Medien (zumindest theoretisch) nicht mehr gibt:

Dynamikentwicklung 1983-1999

Erreicht wird diese Lautheit durch das Verfahren der Kompression, also der akustische Verdichtung von Musik: Leise Töne werden lauter geregelt, laute abgedämpft, das Audiosignal entsprechend „komprimiert“.
Das Problem:  Es geht verloren, was seit jeher neben der Tonhöhenveränderung eines der wichtigsten Gestaltungsmittel von Musik ist, die unterschiedliche Stärke, mit der die Töne gespielt werden können.
Entsprechend liegt der Pegel vieler aktueller Veröffentlichungen an der Grenze des technisch Machbaren. So ist das neueste Album von Metallica „Death Magnetic“ an die Grenze des technisch machbaren komprimiert, was da zu führt, dass die Aufnahme ständig übersteuert und verzerrt – was mich beim Hören tatsächlich unter Stress setzt.
Es ist wohl nicht zu überhören: Dem Ohr wird keine Ruhepause oder gar Entspannung gegönnt, die Aufnahmen sind verzerrt, plärren. Hinzu kommt ein dramatischer Mangel an musikalischer Variation und Emotion, komprimierte Musik wirkt auf den Hörer auf Dauer monoton und ermüdend.
Zwar gibt es inzwischen Bestrebungen, die Büchse der Pandora wieder zu schließen – leider mit bisher mäßigem Erfolg. Denn es sind ja nicht die Mastering-Ingenieure, die diesen „Krieg“ angezettelt haben. Sondern deren Auftraggeber, die Plattenfirmen, die glauben, mittels lauter Musik den wahren Krieg – um Marktanteile in einem schrumpfenden Markt – zu gewinnen.
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Links: Death Magnetic, Opfer des Loudness-War. Eine Analyse von Mastering-Ingenieur Ian Shepherd;
Ein (technisch-orientierter) Artikel auf podcast.soundshifter.de