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Ein Problem unserer Gesellschaft – und wirklich nur ein Problem davon – ist die Ghettoisierung einiger Teile unserer Bevölkerung (oder sollte ich sagen: der Gesamtbevölkerung?), die sich mit “ihresgleichen” zusammenfinden, um tendenziell Häuserblocks, Straßenzüge, Stadtteile unter ihre “Kontrolle” zu bringen.

Nach einem Vortrag der türkischen Regisseurin Aysun Bademsoy, in dem sie von Subkulturen erzählte,  kleinen Gruppen von vielleicht 30 Leuten, die sich am Rande deutscher Großstädte zu eigenständigen Gemeinschaften entwickelt haben und mit der “Außenwelt” fast gar nicht mehr in Kontakt treten, kann man da schon mal ins Grübeln kommen.

Doch woran liegt es, dass wir bspw. in ein (sehr gutes) türkisches Lokal am Planufer gehen und dort nur Deutsche antreffen –  und keinen einzigen Türken? Und der Wirt mir, als ich ihn frage, erklärt, dass sie schon türkische Gäste haben – als geschlossene Gesellschaften bspw. bei Hochzeiten, Geburtstagen etc.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Modell, das der Soziologe und Ökonom Thomas Schelling entwickelt hat, um herauszufinden, wie eine Gesellschaft beschaffen ist, in der die Menschen den Wunsch haben, in einer ausgewogenen, strukturierten Gemeinschaft zu leben, in denen die “Rassen” integriert sind.
Für dieses Modell postulierte Schelling nur eine kleine Bedingung: Er nahm an, dass niemand in einer Gemeinschaft leben wolle, in der er selbst eine extreme Minderheit darstellte.

Das erscheint auch insofern plausibel, als dass vielleicht jemand kein Problem damit, in einer Nachbarschaft zu wohnen, in denen bspw. Schwarze die Mehrheit stellen. Wenn er allerdings der einzige Weiße weit und breit ist, ist das sicherlich nicht der Idealzustand. Analog verhält es sich sicherlich auch mit Christen und Moslems, mit Alten und Jungen oder auch mit Reichen und Armen: Man möchte in einer Gemeinschaft leben, deren “Geschmack, Tradition und Werte” man teilt, was, wie ich finde, auch nicht weiter verwerflich ist.

Schelling nun entwickelte ein Modell, in dem er auf einem Blatt Papier ein Gitternetz zeichnete und zufällig die selbe Anzahl schwarzer und weißer Felder verteilte, was einer Gesellschaft entspricht, in der Schwarze und Weiße bspw. gleichmäßig verteilt sind.

Ausgangspunkt des Schelling-Modells

Dann setzte er – entsprechend seiner Vorüberlegungen – die Bedingung, dass keine der Personen des Modells in einer Umgebung leben wolle, in der ihre HautfFarbe eine Minderheit von weniger als 30 Prozent darstellt.

Das Ergebnis überrascht. Denn es zeigt, dass sich unter der genannten Bedingung Schwarze und Weiße sich nicht nur weniger durchmischen. Sondern in völlig abgesonderten Enklaven lebten.

Ergebnis des Schelling-Modells

Das aber heißt nichts anderes, als dass schon die schwache Präferenz der Individuen, nicht zu einer wie auch immer gearteten Minderheit zu gehören, dazu führt, dass schließlich überhaupt keine durchmischten Gemeinden mehr existieren.

Vermutlich ist das der Grund, weshalb wir nicht einmal türkische Bekannte haben – von Freunden ganz zu schweigen, und dass ich in meinem Alltag auch keinem über den Weg laufe – vom Späti-Verkäufer vielleicht einmal abgesehen.

Oder liegt es vielleicht doch an mir?

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Links: Erste Seite des Artikels von Schelling (1969), online zu bestellen

Literatur: Thomas C. Schelling: Models of Segregation. In: The American Economic Review, Vol. 59, No. 2, Papers and Proceedings of the Eighty-first Annual Meeting of the American Economic Association (May, 1969), pp. 488-493
Mark Buchanan: Small Worlds. Campus Verlag, Frankfurt 2002